Start Analysen Alle reden von Passion. Keiner redet von Geld.

Alle reden von Passion. Keiner redet von Geld.

0
56

Warum ‘do what you love’ das teuerste Karriere-Mantra der Generation ist!

Fangen wir im Leben der 26-jährigen Ella. Mit 20 hatte sie ihr Germanistik-Studium — für welches sie sich entschieden hat, weil ihr Lieblingsfach schon immer Deutsch war — abgebrochen, mit der Ambition, sich als Yoga-Lehrerin selbstständig zu machen. Ihre Ambition hinter dieser schwerwiegenden Entscheidung war, dass nach einer Reise auf die tropische Insel Bali, bezahlt von ihren Eltern, Ella zum Befund kam, dass Yoga ihre große Passion ist, und somit ihre Karriere. Jetzt müssen wir allerdings auf die andere Seite ihres Lebens schauen: das Leben als Aushilfskraft im Warenlager eines großen Online-Versands, den sie nehmen musste — nicht weil es ihre Passion ist, sondern weil ihre große Passion nicht genügend zahlt, um ein glückliches Leben zu finanzieren.

Ella ist kein Einzelfall. Sie ist ein Meme. Nur leider ein echtes.

In Deutschland bezeichnen sich laut einer Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung über 4,5 Millionen Menschen als “selbstständig” — darunter fallen Yoga-Lehrerinnen, Fotografen, Life Coaches und mindestens drei Leute, die hauptberuflich “Content” machen. Was die Statistik nicht zeigt: wie viele davon parallel im Warenlager stehen.

Das Problem beginnt nicht mit Ella. Es beginnt mit einem Mann in einem schwarzen Rollkragenpullover.

2005 hielt Steve Jobs eine Rede an der Stanford University, die seitdem millionenfach geteilt, zitiert und auf Leinwandposter gedruckt wurde. Der Kernsatz: „Do what you love.” Was Jobs dabei nicht erwähnte — er hatte zu diesem Zeitpunkt bereits mehrere Millionen Dollar, ein Unternehmen das er selbst gegründet hatte, und den Luxus, rückblickend über seine Karriere zu philosophieren. Rückblick ist eine unterschätzte Perspektive. Im Rückblick sieht jede Passion wie ein Plan aus.

Die einzige Möglichkeit, großartige Arbeit zu leisten, ist, zu lieben, was man tut.

Steve Jobs, Stanford University, 2005

Trotzdem haben wir den Satz genommen, ihn auf Tassen gedruckt, in Instagram-Bios geschrieben und einer ganzen Generation als Karriereratschlag verkauft. Und jemand hat dabei sehr gut verdient. Nur nicht Ella.

Die globale Coaching-Industrie — also Menschen, die anderen Menschen beibringen, wie sie ihrer Passion folgen sollen — ist laut dem International Coaching Federation heute über 20 Milliarden Dollar schwer. Das ist kein Tippfehler. Zwanzig Milliarden. Für Ratschläge, deren wichtigster lautet: Hör auf deinen Bauch.

Hinzu kommen Plattformen, die “Exposure” als Währung erfunden haben. Du postest, sie verdienen. Du wächst, sie wachsen schneller. Und irgendwo im System sitzt ein Arbeitgeber, der weiß: Wer seine Arbeit als Berufung versteht, stellt weniger Fragen über sein Gehalt. Passion ist, wirtschaftlich betrachtet, ein hervorragendes Instrument zur Lohndrückung.

Der Autor und Professor Cal Newport hat dafür eine unbequeme Gegenthese: Passion folgt Meisterschaft — nicht umgekehrt. Menschen, die ihre Arbeit lieben, tun das nicht weil sie ihrer Passion gefolgt sind. Sie tun es, weil sie so gut in etwas wurden, dass es befriedigend wurde. Das klingt weniger romantisch. Es funktioniert dafür öfter.

Ella hätte das vielleicht interessiert. Stattdessen hatte sie Bali.

Das ist keine Kritik an Ella. Bali ist schön, Yoga ist wertvoll, und Selbstständigkeit ist ein legitimer Lebensweg. Die Frage ist nur: Wer hat ihr erklärt, wie ein Markt funktioniert? Wie Preise kalkuliert werden? Was ein Stundensatz bedeutet, wenn Krankenversicherung, Steuern und ruhige Monate eingerechnet sind? Niemand. Denn das klingt nicht nach Passion. Das klingt nach Buchhaltung. Und Buchhaltung hängt niemand als Poster über sein Bett.

Was wäre die Alternative? Nicht die Passion killen — sondern aufhören, sie als Kompass zu verkaufen. Passion ist Treibstoff. Kein Geschäftsmodell. Der Unterschied zwischen jemandem, der mit seiner Leidenschaft Geld verdient, und jemandem, der dabei pleite geht, ist selten die Intensität der Leidenschaft. Es ist meistens das Verständnis des Marktes, in dem sie stattfindet.

Ella unterrichtet übrigens noch Yoga. Dienstags und donnerstags, nach der Schicht.

Vielleicht ist das die ehrlichste Version von “do what you love” — nicht als Hauptberufung, sondern als das, was bleibt, wenn der Alltag fertig ist. Weniger Instagram-tauglich. Dafür finanzierbar.