Die Zahl geistert seit Jahren durch Ratgeber und LinkedIn-Posts: Über 60 Prozent der deutschen Vermögensmillionäre hätten ihr Vermögen selbst aufgebaut, ganz ohne Erbschaft. Sie klingt gut, sie ist griffig – und sie lässt sich nicht auf eine überprüfbare Primärquelle zurückführen. Wir haben sie deshalb aus diesem Text entfernt.
Was bleibt, ist trotzdem eine interessante Geschichte, nur eine ehrlichere. Denn es gibt belastbare deutsche Daten dazu, wie hohe Vermögen in diesem Land entstehen, wie viel davon geerbt ist und welche Rolle Zeit spielt. Diese Daten sagen etwas anderes als der Ratgebermarkt, aber sie sind brauchbarer.
Dieser Text ist Information, keine Anlageberatung. Er enthält keine Empfehlung für ein bestimmtes Produkt und keine Aussage darüber, was der Kapitalmarkt in Zukunft tun wird.
Auf einen Blick
- 103.200 Euro Median, 324.800 Euro Mittelwert: So hoch war das Nettovermögen deutscher Haushalte laut der Vermögensbefragung 2023 der Deutschen Bundesbank, veröffentlicht im Monatsbericht April 2025. Die große Lücke zwischen beiden Werten ist die Ungleichheit.
- 73 Prozent der Vermögensmillionäre in Deutschland sind selbstständig, zeigt der DIW-Wochenbericht 29/2020. In der unteren Vermögenshälfte sind es 4 Prozent.
- Rund 40 Prozent des Bruttovermögens dieser Millionäre entfallen laut derselben DIW-Auswertung auf Betriebsvermögen – die eigene Firma ist der größte Einzelposten.
- 30 bis 50 Prozent des deutschen Vermögens gehen laut dem Jahresgutachten 2025/26 des Sachverständigenrats auf Erbschaften und Schenkungen zurück.
- Sechs Generationen kann es laut der OECD-Studie „A Broken Social Elevator?“ dauern, bis Nachkommen einer einkommensschwachen deutschen Familie das Durchschnittseinkommen erreichen. In Dänemark sind es zwei.
Der Weg nach oben führt in Deutschland über Selbstständigkeit
Die klarste Aussage in den deutschen Daten stammt aus dem DIW-Wochenbericht 29/2020, für den das Institut erstmals die Datenlücke bei sehr hohen Vermögen geschlossen hat. Ergebnis: 73 Prozent der Personen mit einem Nettovermögen von über einer Million Euro sind selbstständig. In der unteren Hälfte der Vermögensverteilung liegt dieser Anteil bei 4 Prozent. Und rund 40 Prozent ihres Bruttovermögens steckt in Betriebsvermögen, also in Unternehmen, an denen sie beteiligt sind.
Das ist keine Motivationsformel, sondern eine strukturelle Aussage. Hohe Vermögen in Deutschland entstehen überwiegend dort, wo jemand Eigentümer eines Unternehmens ist, das über Jahre Gewinne erwirtschaftet und dessen Wert mitwächst. Nicht durch ein hohes Gehalt. Ein Angestelltengehalt, egal wie gut, wird nach Steuern und Sozialabgaben verkonsumiert oder gespart – es wird nicht kapitalisiert.
Dieselbe Auswertung zeigt allerdings auch, wie eng die Spitze ist: Das reichste Prozent hält 35,3 Prozent des gesamten Nettovermögens, die reichsten zehn Prozent halten 67,3 Prozent. Selbstständigkeit ist der Weg, den die Daten zeigen. Sie ist kein Versprechen. Die überwiegende Mehrheit der Selbstständigen in Deutschland ist keine Millionärin. Wer die Kehrseite verstehen will, findet sie in der Diskussion darüber, warum in der Gründerszene über Geld auffällig ungern gesprochen wird.
Erben ist der zweite große Hebel – und der unfairere
Der Sachverständigenrat beziffert im Jahresgutachten 2025/26 den Anteil des deutschen Vermögens, der auf Erbschaften und Schenkungen zurückgeht, auf 30 bis 50 Prozent. Das Statistische Bundesamt meldete für 2024 ein steuerlich erfasstes übertragenes Vermögen von 113,2 Milliarden Euro, davon 64,1 Milliarden Euro aus Erbschaften und 49,1 Milliarden Euro aus Schenkungen. Die festgesetzte Erbschaft- und Schenkungsteuer erreichte mit 13,3 Milliarden Euro einen Höchstwert. Destatis weist ausdrücklich darauf hin, dass ein Großteil der Übertragungen unterhalb der Freibeträge bleibt und deshalb in dieser Statistik gar nicht auftaucht – das tatsächliche Volumen ist erheblich größer.
Wichtiger als die Summe ist die Verteilung. Laut DIW-Berechnungen erhielten zwischen 2002 und 2017 nur rund 10 Prozent der Erwachsenen in Deutschland überhaupt eine Erbschaft oder größere Schenkung. Der Durchschnittsbetrag lag bei 85.052 Euro, der Median dagegen bei 32.148 Euro. Rund die Hälfte der gesamten Erbschafts- und Schenkungssumme ging an die zehn Prozent der Empfänger mit den höchsten Beträgen.
Übersetzt: Erben ist in Deutschland kein Breitenphänomen, sondern ein Konzentrationsmechanismus. Wer erbt, erbt meistens wenig. Wer viel erbt, hatte vorher schon viel. Das ist auch der Grund, warum sich die Vermögensverteilung trotz jahrzehntelang steigender Einkommen kaum bewegt – und warum sich der Zugang zu Immobilien für eine ganze Generation verschoben hat, wie am Beispiel Wohneigentum sichtbar wird.
Warum Zeit der Faktor ist, den du nicht kaufen kannst
Der Zinseszinseffekt ist der einzige Teil der alten Ratgeberformel, der sich sauber belegen lässt – allerdings nur als Rückblick, nicht als Prognose. Das DAX-Rendite-Dreieck des Deutschen Aktieninstituts, das alle historischen Ein- und Ausstiegszeitpunkte im deutschen Leitindex durchrechnet, weist für Anlagezeiträume von 20 Jahren eine durchschnittliche Rendite von 8,6 Prozent pro Jahr aus. Die Spanne über die betrachteten 20-Jahres-Zeiträume reicht dabei von 3,3 bis 15,2 Prozent jährlich.
Drei Dinge stehen in dieser Zahl. Erstens: Der Durchschnitt war historisch hoch. Zweitens: Die Streuung war ebenfalls hoch – zwischen 3,3 und 15,2 Prozent liegen über zwanzig Jahre Welten. Drittens, und das ist der eigentliche Befund: Die Streuung wird mit der Länge des Anlagezeitraums kleiner. Kurze Zeiträume waren im DAX historisch alles zwischen Katastrophe und Glücksfall. Lange Zeiträume waren berechenbarer.
Vergangene Renditen sagen nichts über künftige. Was sie sagen, ist etwas über den Faktor Zeit: Er ist der einzige Baustein des Vermögensaufbaus, den du mit Geld nicht nachkaufen kannst. Wer mit 22 beginnt, hat einen Vorsprung, den jemand mit 32 auch mit doppeltem Einkommen nicht mehr vollständig einholt.
Die Sparquote ist die Variable, die du tatsächlich kontrollierst
Vermögen entsteht aus der Differenz zwischen Einnahmen und Ausgaben, angelegt über Zeit. Von diesen drei Größen ist die Differenz die einzige, die kurzfristig in deiner Hand liegt. Die Rendite bestimmst du nicht. Die Zeit kannst du nur verlängern, indem du früh anfängst. Die Differenz kannst du heute verändern.
Genau hier steckt der Denkfehler, der die meisten teuer zu stehen kommt: Ein steigendes Einkommen verbessert die Vermögensposition nicht automatisch, weil die Ausgaben in der Regel mitwachsen. Was in der Bundesbank-Befragung als Abstand zwischen Median und Mittelwert sichtbar wird, ist zu einem Teil genau das – Haushalte mit ordentlichem Einkommen, die über Jahrzehnte kein nennenswertes Nettovermögen aufgebaut haben.
Auf der Anlageseite bewegt sich derweil etwas. Laut den Aktionärszahlen des Deutschen Aktieninstituts für 2025 besaßen 14,1 Millionen Menschen in Deutschland Aktien, Fonds oder ETFs, das sind 19,9 Prozent der Bevölkerung ab 14 Jahren und zwei Millionen mehr als im Vorjahr. Unter den unter 40-Jährigen waren es 4,9 Millionen, ein Plus von 1,2 Millionen gegenüber dem Vorjahr. Wie sich das Anlageverhalten dieser Gruppe von dem ihrer Eltern unterscheidet, zeigt der Blick darauf, wie die Gen Z das Investieren gerade neu definiert.
Was Vermögensaufbau nicht ist
Er ist kein Nebeneinkommen, das sich von selbst erhält. Der Begriff „passives Einkommen“ verdeckt regelmäßig, dass hinter jeder Einnahmequelle, die passiv aussieht, entweder Kapital steht, das jemand vorher aufgebaut hat, oder Arbeit, die jemand vorher geleistet hat. Was davon realistisch ist und was Marketing, haben wir uns in der Analyse angesehen, ob passives Einkommen ein Mythos oder eine tragfähige Strategie ist.
Er ist auch kein Ersatz für ein Geschäftsmodell. Die DIW-Zahlen sind an dieser Stelle eindeutig: Der Großteil hoher Vermögen in Deutschland steckt in Unternehmensanteilen. Ein Depot ist ein Speicher, kein Motor. Wer mehr will als den Durchschnitt, muss auf der Einnahmenseite etwas bauen – und dafür ist ein Nebenprojekt neben dem Hauptjob ein realistischerer Anfang als der Sprung ins Nichts, wie die Geschichte einiger sehr großer Unternehmen zeigt, die nebenbei begonnen haben.
Drei Zahlen, die du diese Woche für dich ausrechnen kannst
- Deine tatsächliche Sparquote der letzten zwölf Monate. Nicht die geplante. Kontostand heute minus Kontostand vor einem Jahr, geteilt durch dein Nettoeinkommen im gleichen Zeitraum. Die meisten Menschen liegen deutlich unter ihrer Schätzung.
- Die Gebührenquote deiner bestehenden Anlagen. Laufende Kosten wirken über Jahrzehnte wie ein negativer Zinseszins – in dieselbe Richtung und mit derselben Wucht wie die Rendite, nur gegen dich.
- Dein realistischer Erbschaftserwartungswert. Unbequem, aber relevant. Wenn du zu den rund 90 Prozent gehörst, die laut den DIW-Daten in einem 15-Jahres-Zeitraum gar nichts erben, ist dein Zeithorizont die einzige Ressource, mit der du planen kannst – und dann zählt jedes Jahr, das du früher anfängst.
Schreib die drei Zahlen auf ein Blatt. Wenn du die erste nicht innerhalb von zehn Minuten ermitteln kannst, ist das bereits das erste Ergebnis.
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