Sie sind die erste Generation, die mit dem Smartphone aufgewachsen ist – und sie hat das Investieren gleich mit aufs Handy gezogen. Gen Z investiert anders: nicht über den Bankberater der Eltern, nicht über Bausparverträge, sondern über Apps, Podcasts, YouTube-Kanäle und ETF-Sparpläne ab einem Euro. Vor allem aber investiert sie überhaupt – früher, regelmäßiger und in größerer Zahl als jede junge Generation vor ihr.
Das ist keine gefühlte Wahrheit, sondern Statistik. Die Aktionärszahlen 2025 des Deutschen Aktieninstituts (DAI), veröffentlicht im Januar 2026, zählen 14,1 Millionen Menschen in Deutschland, die Aktien, Aktienfonds oder ETFs besitzen – so viele wie nie zuvor. Und der Zuwachs kommt vor allem von den Jungen.
Zeit für einen genauen Blick auf die Daten: was diese Generation richtig macht, woher die Zahlen kommen – und wo die Risiken liegen, über die auf TikTok seltener gesprochen wird.
Auf einen Blick
- 14,1 Millionen Menschen in Deutschland besaßen 2025 Aktien, Fonds oder ETFs – Rekord und ein Plus von zwei Millionen gegenüber dem Vorjahr (DAI-Aktionärszahlen, Januar 2026).
- 4,9 Millionen Anleger sind jünger als 40 – 1,2 Millionen mehr als im Vorjahr und über 60 Prozent des gesamten Zuwachses (DAI, 2026).
- Jeder zweite Mensch unter 40 investiert laut DAI regelmäßig per Sparplan in ETFs oder Aktienfonds.
- 15,1 Millionen ETF-Sparplanausführungen liefen 2025 pro Monat – fast 40 Prozent mehr als im Vorjahr (extraETF-Sparplanstudie, 2026).
- Seit dem 1. Juli 2026 ist Payment for Order Flow auch in Deutschland verboten – das Geschäftsmodell der Neobroker steht vor dem Umbau.
So jung war der deutsche Aktienmarkt noch nie
Seit 2024 stellen die 14- bis 39-Jährigen die größte Anlegergruppe in Deutschland – und der Abstand wächst. 4,9 Millionen Menschen unter 40 besaßen 2025 Aktien, Fonds oder ETFs, 1,2 Millionen mehr als ein Jahr zuvor. Laut DAI hat sich die Zahl der jungen Anleger seit Mitte der 2010er-Jahre mehr als verdoppelt. Insgesamt ist damit rund jeder fünfte Mensch in Deutschland am Aktienmarkt engagiert.
Bemerkenswert ist auch, wer da nachrückt: Die Zahl der Anlegerinnen stieg 2025 um eine Million – ein Plus von 24 Prozent, deutlich stärker als bei den Männern mit zwölf Prozent (DAI, 2026). In einem Land, das jahrzehntelang als aktienscheu galt, ändern ausgerechnet die Jüngsten die Statistik. Und sie tun es nicht mit wilden Einzelwetten, sondern mehrheitlich mit dem langweiligsten Instrument, das der Kapitalmarkt zu bieten hat: dem automatisierten Sparplan.
Der Ein-Euro-Einstieg: Neobroker als Türöffner
Möglich gemacht hat das eine neue Generation von Brokern. Trade Republic meldete im September 2025 nach eigenen Angaben zehn Millionen Kundinnen und Kunden in 18 europäischen Märkten und rund 150 Milliarden Euro verwaltetes Vermögen – nach vier Millionen Kunden 2023 und acht Millionen 2024. Scalable Capital nannte zuletzt nach eigenen Angaben über eine Million Kunden mit mehr als 30 Milliarden Euro auf der Plattform (Stand der Finanzierungsrunde 2024). Beide Zahlen sind Unternehmensangaben, aber die Richtung bestätigen unabhängige Daten.
Denn parallel explodiert das Sparplan-Volumen: Nach der Sparplanstudie des Analysehauses extraETF (2026) wurden 2025 in Deutschland monatlich 15,1 Millionen ETF-Sparpläne ausgeführt, fast 40 Prozent mehr als im Vorjahr, mit einer durchschnittlichen Rate von 125 Euro. Sparpläne ab einem Euro, keine Depotgebühren, Depoteröffnung in zehn Minuten – die Einstiegshürde, an der frühere Generationen scheiterten, existiert praktisch nicht mehr.
Warum diese Generation investiert – und nicht nur spart
Die Motive sind rationaler, als das Klischee vom zockenden TikTok-Trader vermuten lässt. Wer heute 25 ist, hat die Nullzinsjahre, die Inflationswelle ab 2022 und die Dauerdebatte um das Rentensystem miterlebt – warum das Versprechen der sicheren Rente für diese Generation wenig Beruhigendes hat, haben wir an anderer Stelle analysiert. Die Konsequenz: selbst vorsorgen, so früh wie möglich.
Dazu kommt der Zinseszins-Effekt, der früh Startende massiv bevorzugt. Die Vermögensforschung ist hier eindeutig: Regelmäßiges, breit gestreutes Investieren über Jahrzehnte ist der realistischste Weg zu Vermögen für alle, die nicht erben – was die Wissenschaft dazu wirklich sagt, ist ernüchternd und ermutigend zugleich. Wer mit 22 anfängt, hat mit 45 schlicht mehr Optionen als mit jedem Bausparvertrag.
Finfluencer und Gamification: Finanzbildung mit Beipackzettel
Die Finanzbildung dieser Generation findet auf YouTube, Instagram und TikTok statt. Kanäle wie Finanztip oder Finanzfluss erreichen ein Millionenpublikum und haben Grundlagenwissen über ETFs, Kosten und Diversifikation popularisiert, das früher hinter Beratungsprotokollen verschwand.
Wie groß der Einfluss ist, hat die BaFin gemessen: In einer Befragung von 1.000 Anlegern zwischen 18 und 45 Jahren (Mai 2024) gab mehr als die Hälfte an, Finanzinformationen von Finfluencern zu beziehen. 57 Prozent von ihnen kauften Produkte direkt über deren Links. Der Beipackzettel: 37 Prozent wussten nicht, dass Finfluencer für Empfehlungen bezahlt werden. Die BaFin nennt soziale Netzwerke ausdrücklich „durchaus gute Informationsangebote“ – warnt aber vor der Falschinformation, die dort ungefiltert mitläuft. Wer Empfehlungen folgt, ohne die Anreize dahinter zu kennen, betreibt keine Finanzbildung, sondern konsumiert Werbung.
Die Forschung zeigt allerdings auch, dass das Smartphone selbst das Verhalten verändert. Die Ökonomen Kalda, Loos, Previtero und Hackethal wiesen mit Daten deutscher Banken nach, dass dieselben Anleger auf dem Smartphone riskantere Papiere kaufen, häufiger zu „Lotterie-Aktien“ greifen und stärker vergangenen Renditen hinterherjagen als am Rechner (NBER Working Paper 28363, 2021). Eine Studie der Universität St. Gallen fand zudem, dass Nutzer nach Push-Nachrichten ihres Brokers um ein Vielfaches häufiger handeln – und dabei höhere Risiken eingehen.
Noch deutlicher wird die BaFin in ihrem Bericht „Risiken im Fokus 2026“: Von den jungen Anlegern mit Finfluencer-Kontakt haben 48 Prozent Kryptowerte gekauft, ohne diesen Kontakt nur 13 Prozent. Vor allem geschlossene Messenger-Gruppen auf WhatsApp, Telegram oder Discord arbeiten mit künstlichem Zeitdruck und aggressiven Kaufaufforderungen – rund 100 Warnungen hat die Aufsicht allein 2025 zu dubiosen Gruppen veröffentlicht. Die Grenze zwischen Investieren und Glücksspiel verläuft nicht zwischen Jung und Alt, sondern zwischen Sparplan und Zock.
Das Ende des Gratis-Handels: Das PFOF-Verbot
Ausgerechnet das Geschäftsmodell, das den Boom trug, wurde gerade umgebaut. „Kostenloses“ Traden finanzierten Neobroker jahrelang über Payment for Order Flow (PFOF): Rückvergütungen von Handelsplätzen, an die sie Kundenorders weiterleiteten. Die EU beschloss im Rahmen der MiFIR-Reform 2023 ein Verbot dieser Praxis; die Verordnung trat im März 2024 in Kraft. Deutschland nutzte ein Mitgliedstaatenwahlrecht und erlaubte PFOF im Inland übergangsweise weiter (Bundesfinanzministerium, März 2024) – befristet bis zum 30. Juni 2026.
Seit dem 1. Juli 2026 ist PFOF damit auch in Deutschland vollständig verboten. Für die Broker fällt eine zentrale Einnahmequelle weg; erste Anbieter bauen ihre Preismodelle um. Für dich heißt das: Möglicherweise kommen neue Gebühren, dafür verschwindet ein Interessenkonflikt bei der Frage, an welchen Handelsplatz deine Order fließt. Ein Euro Ordergebühr ist verschmerzbar – entscheidend bleiben Ausführungsqualität und Produktkosten.
Fazit: Vieles richtig – drei Dinge besser machen
Die Daten zeichnen ein freundlicheres Bild als das Vorurteil: Der Kern dieses Booms ist nicht der Meme-Stock, sondern der breit gestreute Sparplan – genau das, was die Kapitalmarktforschung empfiehlt. Warum aktives Hin und Her die meisten Anleger Rendite kostet, zeigt unser Faktencheck dazu, warum Privatanleger weniger Rendite erzielen als der Markt.
Drei Dinge machen den Unterschied. Erstens: Automatisiere den Sparplan und schalte die Push-Nachrichten ab – die Forschung zeigt, dass jede Öffnung der App das Zock-Risiko erhöht. Zweitens: Versteh, was du besitzt; was Value Investing mit unternehmerischem Denken gemeinsam hat, ist dafür der beste Startpunkt. Drittens: Bleib skeptisch bei allem, was schnelle Ergebnisse verspricht – ob passives Einkommen Mythos oder realistische Strategie ist, hängt fast immer an Jahrzehnten, nicht an Monaten.
Der langweiligste Teil deines Depots wird in zwanzig Jahren sehr wahrscheinlich der erfolgreichste sein. Richte ihn heute ein – und lass ihn dann in Ruhe. Dieser Artikel ist eine journalistische Einordnung und keine Anlageberatung.
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