Der deutsche Mittelstand hat seine Digitalisierungsausgaben so stark gekürzt wie seit der Pandemie nicht mehr – zurück auf Vor-Corona-Niveau. Eine zeitgleich vorgestellte Studie von KfW Research und dem ZEW Mannheim liefert die unbequeme Erklärung dafür: Digitalkapital verzinst sich wie ein Zinseszins. Wer bereits einen Bestand hat, verdient an jedem weiteren Euro bis zu fünfmal mehr als der Durchschnitt.
Auf einen Blick
- 30 % statt 35 %: Anteil der Mittelständler mit abgeschlossenen Digitalisierungsprojekten fiel von 2021–2023 auf 2022–2024 zurück auf Vor-Corona-Niveau
- 23,8 statt 31,9 Mrd. €: Digitalisierungsausgaben des Mittelstands – ein Minus von 8,1 Mrd. € nominal, preisbereinigt 8,6 Mrd. €
- 156.600 € gegen unter 50 €: durchschnittlicher digitaler Kapitalstock der bestdigitalisierten gegenüber der am schwächsten digitalisierten Unternehmen
- 0,159 % gegen 0,808 %: Produktivitätsgewinn durch 10 % mehr Digitalkapital – im Schnitt gegenüber den bereits am stärksten digitalisierten Betrieben
- 88 % gegen 32 %: Anteil der Digitalisierungsausgaben aus Eigenmitteln – verglichen mit dem Bankkreditanteil bei klassischen Sachinvestitionen
Quellen: KfW Research & ZEW Mannheim, gemeinsame Pressemitteilung vom 23.04.2026; KfW-Digitalisierungsbericht Mittelstand 2025 (Meldung 23.04.2026); KfW Research, Pressemitteilung 12.03.2025. Stand: September 2026.
Am 23. April 2026 traten Prof. Dr. Irene Bertschek vom ZEW Mannheim und KfW-Chefvolkswirt Dr. Dirk Schumacher gemeinsam vor die Presse in Frankfurt. Zwei Studien, die eigentlich zusammengehören, wurden dort selten im selben Atemzug vorgestellt. Die eine zeigt: Der deutsche Mittelstand hat seine Digitalisierung binnen eines Jahres spürbar heruntergefahren. Die andere erklärt, warum das teuer wird – und die Antwort hat wenig mit gutem oder schlechtem Willen zu tun, sondern mit der Mechanik von Kapital.
Der amtliche Befund zuerst: Der Anteil der Mittelständler mit abgeschlossenen Digitalisierungsprojekten fiel von 35 Prozent (Berichtszeitraum 2021–2023) auf 30 Prozent (2022–2024) – exakt der Wert von vor der Pandemie. Die Ausgaben sanken von 31,9 auf 23,8 Milliarden Euro. „Der durch die Corona-Krise ausgelöste Schub in der Digitalisierung ist zum Erliegen gekommen“, sagte Schumacher bei der Vorstellung der Zahlen. Ursächlich sei auch die schwache Konjunktur, die das Investitionsverhalten der Unternehmen bremse.
Der Corona-Schub ist vorbei
Zum Vergleich: Für klassische Sachinvestitionen – Maschinen, Fahrzeuge, Gebäude – gab der Mittelstand 2023 rund 250 Milliarden Euro aus, achtmal so viel wie für die eigene Digitalisierung. Und selbst dieser deutlich kleinere Digitalisierungstopf verteilt sich extrem ungleich. Große Mittelständler mit mindestens 50 Beschäftigten machen nur zwei Prozent aller Unternehmen aus, tragen aber 41 Prozent der Digitalisierungsausgaben – umgerechnet 12,9 Milliarden Euro. Kleinstunternehmen mit weniger als fünf Beschäftigten, immerhin 81 Prozent aller Mittelständler, kommen zusammen auf gerade einmal 4 Milliarden Euro.
Im Schnitt gab ein großer Mittelständler 2023 pro Digitalisierungsprojekt 216.000 Euro aus, ein kleines Unternehmen 8.000 Euro – das 27-Fache. Vor der Pandemie, etwa 2019, lag dieser Faktor noch bei 17. Die Lücke wächst also nicht trotz, sondern während des allgemeinen Digitalisierungsschubs der vergangenen Jahre. Dass nicht der Netzausbau, sondern die Nutzung vorhandener Möglichkeiten Deutschlands eigentliches Digitalisierungsproblem ist, wurde an dieser Stelle bereits im August beschrieben – die neuen KfW-Zahlen liefern dazu den passenden Unterbau.
Digitalkapital: Warum derselbe Euro nicht dasselbe bringt
Die gemeinsame Studie von KfW Research und dem ZEW Mannheim erklärt, weshalb sich dieser Vorsprung von selbst verstärkt. Erhöht ein Unternehmen seinen digitalen Kapitalstock – die kumulierten, um Abschreibung bereinigten Ausgaben für Digitalisierungsvorhaben – um zehn Prozent, steigt seine Produktivität im Schnitt um 0,159 Prozent. Bei den Unternehmen, die bereits zu den am stärksten digitalisierten zählen, sind es 0,808 Prozent – gut fünfmal so viel für dieselbe zusätzliche Investition.
Der Grund liegt in der Verteilung selbst. Die am besten digitalisierten 25 Prozent der Mittelständler verfügen im Schnitt über einen digitalen Kapitalstock von 156.600 Euro. Bei der unteren Hälfte der Unternehmen liegt derselbe Wert bei unter 50 Euro.
„Erst einmal muss ein Grundstock an digitalem Kapital und an Erfahrung im Umgang mit den Technologien vorhanden sein, bevor Erfolge zu sehen sind.“
Prof. Dr. Irene Bertschek, Leiterin Digitale Ökonomie, ZEW Mannheim
Wie das in der Praxis aussieht, zeigen zwei baden-württembergische Familienunternehmen, die ihren Kapitalstock seit Jahren gezielt aufbauen. Der Werkzeugmaschinenhersteller Trumpf aus Ditzingen vernetzte bereits 2020 in einer neuen „Smart Factory“ 30 Maschinen über drei Hallen hinweg – nach eigenen Angaben der dritte volldigitalisierte Standort weltweit neben Chicago und Taicang. „Wir vermeiden Ausschuss, senken die Bearbeitungszeit und sorgen für mehr Effizienz“, sagte der damalige Trumpf-Werkzeugmaschinenchef Heinz-Jürgen Prokop laut der Fachzeitschrift KEM zur Eröffnung. Auch der Künzelsauer Schrauben- und Befestigungskonzern Würth baut seit Jahren an seinem digitalen Vertrieb: Der E-Business-Anteil am Umsatz lag bereits 2020 bei 20 Prozent, seither erweitert das Unternehmen seine digitale Kaufberatung kontinuierlich um KI-gestützte Tools, wie IT-I-Ko berichtete. Beide Fälle folgen exakt dem Muster der Studie: Wer den Grundstock früh legt, baut ihn leichter weiter aus, als wer bei null anfängt. Digitalisierung ist kein Projekt. Sie ist Zinseszins – und die meisten Mittelständler steigen zu spät ein.
Die Gegenperspektive: Ist Zurückhaltung wirklich ein Fehler?
Ein Einwand ist berechtigt: Vielleicht digitalisieren kleine Betriebe nicht aus Trägheit seltener, sondern weil ihnen die Finanzierung fehlt, die bei klassischen Investitionen selbstverständlich ist. Tatsächlich zeigt die KfW-Studie, dass der Mittelstand 88 Prozent seiner Digitalisierungsausgaben aus eigenen Mitteln bestreitet. Bei klassischen Sachinvestitionen liegt der Bankkreditanteil bei 32 Prozent, bei der Digitalisierung bei gerade einmal 8 Prozent. Banken beleihen eine Werkzeugmaschine, die im Zweifel weiterverkauft werden kann. Eine Warenwirtschaftssoftware oder ein CRM-System bieten diese Sicherheit nicht – im Insolvenzfall bleibt für die Bank kein Restwert.
Diese Zurückhaltung ist also nicht irrational. Aus Sicht des einzelnen Betriebs ist sie sogar nachvollziehbar: Warum das laufende Geschäft mit ungewissem Ausgang belasten, wenn niemand das Risiko mitträgt? Nur ändert das nichts am Ergebnis, das die Studie misst. Der Kapitalstock wächst trotzdem nicht von allein, und die Rendite auf die ersten eigenen Euro bleibt niedrig, solange der Grundstock fehlt. Wer wartet, wartet nicht kostenlos – er wartet auf einen Zins, der sich erst zu akkumulieren beginnt, wenn tatsächlich investiert wird.
Was das für Unternehmer bedeutet
Für Unternehmer mit laufendem Geschäft heißt das zunächst: nicht auf das eine große Projekt warten. „Die Investitionen sollten kontinuierlich und in ausreichender Höhe vorgenommen werden, um dauerhafte Wirkung zu entfalten und die Unternehmen wirklich nach vorne zu bringen“, rät Schumacher – und trifft damit genau den Mechanismus der Studie: Kleine, regelmäßige Digitalisierungsschritte bauen den Grundstock auf, von dem später jeder weitere Euro überdurchschnittlich profitiert.
Bei der Finanzierung lohnt sich zunächst ein Realitätscheck. Die früher bekannten Bundesprogramme Digital Jetzt und go-digital, jahrelang die Standardantwort auf die Frage nach Fördergeld, existieren nicht mehr: Digital Jetzt lief zum 31.12.2023 aus, go-digital zum 1.1.2025, wie eine Analyse von Skill-Sprinters vom April 2026 zeigt. Einen direkten Bundesnachfolger gibt es bislang nicht – der Bund verweist stattdessen auf die Länder. Wer in Bayern sitzt, findet im Digitalbonus Bayern noch bis Ende 2027 einen Zuschuss von 7.500 bis 30.000 Euro bei einer Förderquote von 50 Prozent. Anderswo bleibt der KfW-ERP-Förderkredit Digitalisierung und Innovation die verlässlichste Bundesoption: ein zinsgünstiger Kredit von bis zu 25 Millionen Euro, kein Zuschuss, aber spürbar billiger als der Dispo der Hausbank. Wer zunächst nur wissen will, wo er steht, bekommt das bei einem der bundesweit rund 30 Mittelstand-Digital-Zentren kostenlos und anbieterneutral – ohne Förderantrag, ohne Wartezeit.
Die Politik hat das Problem erkannt – die Betriebe noch nicht
Dass das Thema inzwischen auch politisch ankommt, zeigt Bertscheks zweite Funktion: Seit August 2025 leitet sie zusätzlich die Expertenkommission Forschung und Innovation (EFI), die die Bundesregierung berät und ihren ersten Jahresbericht 2026 an Bundeskanzler Friedrich Merz übergeben hat. Die Digitalisierungslücke des Mittelstands ist damit kein Nischenthema einer Fachstudie mehr, sondern Teil der Grundlage, auf der Deutschlands Innovationspolitik ihre Prioritäten setzt.
Für den einzelnen Betrieb ändert das kurzfristig wenig. Die Rendite auf digitales Kapital stellt sich nicht ein, weil eine Kommission sie für wichtig erklärt, sondern weil jemand die ersten Euro investiert und dranbleibt. Genau das war 2026 seltener der Fall als in den Jahren zuvor – und genau deshalb wird die Lücke zwischen den Vorreitern und dem Rest nicht kleiner, sondern größer.
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