Deutschland fällt im neuen EU-Digitalranking auf Platz 17 von 27, zwei Plätze tiefer als im Vorjahr. Die eigentliche Kluft verläuft aber nicht zwischen Berlin und Kopenhagen. Sie verläuft innerhalb der deutschen Wirtschaft selbst, zwischen Konzern und Mittelstand.
Auf einen Blick
- Platz 17 von 27 im EU-Digitalranking DESI, zwei Plätze schlechter als 2025
- 50 % vs. 20 %: So viele Großunternehmen sehen sich als digitale Vorreiter; so viele Kleinunternehmen haben gar keinen digitalen Plan
- 42 % nennen Sorgen um Cloud-Sicherheit als größte Digitalisierungsbremse im Mittelstand
- 29 Zentren kostenloser Mittelstands-Digitalberatung laufen bis Ende 2026 aus, Nachfolge 2027 startet mit nur 6 regionalen Zentren
- 134,3 Mio. € Förderung im Programm „Digital Jetzt“ lösten 447,1 Mio. € zusätzlichen Umsatz aus
Quellen: Bitkom DESI-Index (03.08.2026), Bitkom-Umfrage (18.03.2026), Forterro Industriebarometer 2025 (25.01.2026), Bundeswirtschaftsministerium/Ramboll-Evaluation (06.03.2025), Förderbekanntmachung Bundesanzeiger (22.12.2025).
Am 3. August 2026 veröffentlicht der Digitalverband Bitkom eine Tabelle mit 27 Zeilen. Deutschland steht in Zeile 17, mit 51,1 von 100 möglichen Punkten im DESI-Index – dem jährlichen Digitalisierungs-Ranking der EU-Kommission. Im Vorjahr war es noch Platz 14. Bitkom-Präsident Dr. Ralf Wintergerst kommentiert knapp: „Platz 17 kann für Deutschland nicht der Anspruch sein.“ Die naheliegende Schlagzeile lautet: Deutschland fällt zurück. Sie beschreibt nur das falsche Problem. Dieselbe Studie zeigt, dass Deutschland bei der digitalen Transformation von Unternehmen auf Platz 11 liegt – unter den fünf größten EU-Volkswirtschaften sogar auf Platz 1. Das Länderranking verdeckt eine Spaltung, die für Mittelständler ungleich wichtiger ist als der Abstand zu Dänemark.
Eine Tabelle mit 27 Zeilen
An der Spitze liegt Dänemark mit 76,4 Punkten, gefolgt von Finnland, den Niederlanden, Malta und Luxemburg. Am Ende rangieren Rumänien (26,5), Bulgarien (36,9) und die Slowakei (38,3). Deutschland bewegt sich mit 51,1 Punkten im Mittelfeld, schlechter als 2025 und schlechter als im alten EU-Kommissions-DESI 2022, wo noch Platz 13 stand.
Die vier Teilkategorien zeigen, wo genau es hakt. Bei der Qualität der digitalen Infrastruktur steht Deutschland auf Platz 11, mit einer 5G-Abdeckung von 99,5 Prozent der Haushalte – über dem EU-Schnitt von 96,8 Prozent. Bei der tatsächlichen Nutzung dieser Infrastruktur fällt das Land auf Platz 21 zurück: Nur 7 Prozent der Bevölkerung nutzen einen Anschluss mit mindestens 1.000 Mbit/s. Bei digitalen Kompetenzen liegt Deutschland auf Platz 11, IT-Fachkräfte machen 5,5 Prozent aller Beschäftigten aus (EU-Schnitt: 5,0 Prozent). Am schlechtesten schneidet die digitale Verwaltung ab, Platz 22 von 27: Nur 69,6 Prozent nutzen digitale Behördenleistungen, EU-Schnitt 76,0 Prozent (Bitkom, DESI-Index 2026, 03.08.2026).
Die Infrastruktur steht also. Das Problem ist, wer sie nutzt – und wer nicht.
Fünfzig zu zwanzig
Fünf Monate vor der DESI-Veröffentlichung hatte Bitkom bereits die entscheidendere Zahl geliefert, nur mit umgekehrtem Vorzeichen. In einer repräsentativen Umfrage vom 18. März 2026 bezeichnet sich jedes zweite große Unternehmen als digitaler Vorreiter. Bei den kleinen Unternehmen hat jedes fünfte überhaupt keinen digitalen Plan, nicht einmal einen schlechten.
Die Lücke zieht sich durch fast jede Kennzahl der Umfrage. 41 Prozent aller Unternehmen setzen inzwischen Künstliche Intelligenz ein, mehr als doppelt so viele wie im Jahr zuvor. Drei von vier KI-Nutzern berichten von einem spürbaren Wettbewerbsvorteil. Gleichzeitig sagt die Hälfte aller Unternehmen, sie kämen mit der digitalen Transformation kaum zurecht. 13 Prozent sehen ihre Existenz dadurch gefährdet. 61 Prozent nutzen ihre eigenen Datenbestände kaum oder gar nicht, zwei Drittel arbeiten nie mit Startups zusammen (Bitkom, 18.03.2026).
„Erfolgreiche Digitalisierung muss keine Frage der Größe sein.“
Dr. Ralf Wintergerst, Bitkom-Präsident
Ein Anspruch, kein Befund. Die Zahlen zwei Absätze weiter oben sagen etwas anderes.
Wo es im Mittelstand wirklich klemmt
Der Industriebarometer 2025 des ERP-Anbieters Forterro, veröffentlicht im Januar 2026, erklärt, warum Größe trotzdem zählt. ERP-Systeme – betriebliche Software, die Einkauf, Produktion und Finanzen zusammenführt – sind dabei der Testfall: Größte Bremse ist nicht der Preis, sondern die Sorge um Sicherheit. 42 Prozent der befragten Unternehmen nennen Bedenken rund um Cloud-Lösungen als Haupthindernis, international der höchste Wert aller untersuchten Länder. 40 Prozent beklagen fehlende digitale Fachkräfte, 41 Prozent sagen, der Fachkräftemangel habe bereits konkrete Projekte oder Wachstum ausgebremst. 54 Prozent sind nicht zuversichtlich, in den kommenden Jahren genug digitale Talente zu finden; international liegt dieser Wert im Schnitt nur bei 37 Prozent. 46 Prozent fehlt KI-Kompetenz, 44 Prozent fehlt ERP-Know-how.
„Die Zahlen sind ein Weckruf“, kommentiert Thomas Knorr, Vice President Cloud Transformation bei Forterro. Nur 51 Prozent der Betriebe haben überhaupt eine digitale Transformations-Roadmap. 31 Prozent bewerten ihren eigenen Fortschritt der letzten drei Jahre selbst als „schlecht“. Für ein Unternehmen mit eigener IT-Abteilung ist Cloud-Sicherheit ein lösbares Projekt. Für einen Betrieb mit fünf Leuten in der Verwaltung ist sie ein Grund, erst gar nicht anzufangen.
Die Gegenrechnung
So eindeutig, wie die Zahlen bislang klingen, ist das Bild nicht – zumal, wie der Blick auf die Digitalkapital-Investitionen im Mittelstand zeigt, Zurückhaltung beim Ausgeben nicht automatisch Zurückhaltung beim Planen bedeutet. Eine YouGov-Umfrage im Auftrag des IT-Dienstleisters Kyndryl unter 512 deutschen Entscheiderinnen und Entscheidern, Stand April 2024 und dokumentiert von Computerwoche, zeichnet ein freundlicheres Bild. Nur 23 Prozent sahen damals keinen akuten Modernisierungsbedarf. Ein Drittel der Firmen mit Sicherheitsbedarf arbeitete bereits aktiv daran. Die Studie misst eher Absicht als tatsächliche digitale Reife, und zwei Drittel der Befragten kamen aus Großunternehmen. Trotzdem zeigt sie: Der Mittelstand plant, auch wenn er noch nicht liefert.
Auch die DESI-Zahlen selbst stützen kein reines Abstiegsbild. Dass Deutschland bei der digitalen Transformation von Unternehmen unter den fünf größten EU-Staaten auf Platz 1 liegt, während das Gesamtranking auf Platz 17 fällt, verschiebt die Diagnose: Zur deutschen Wirtschaft insgesamt passt der Befund kaum. Zur digitalen Verwaltung (Platz 22) und zur Verteilung innerhalb der Wirtschaft passt er genau.
Ein Förderprogramm, das sich selbst abschafft
Wer die Lücke schließen will, landet schnell bei der Förderpolitik – und bei einem Lehrstück darüber, wie Planungssicherheit verschwindet, während ein Programm noch läuft. Die 29 „Mittelstand-Digital Zentren“, die kleinen Unternehmen seit 2021 kostenlose, anbieterneutrale Digital- und KI-Beratung anbieten, laufen laut Förderbekanntmachung im Bundesanzeiger vom 22. Dezember 2025 schrittweise bis Ende Dezember 2026 aus. Eine externe Evaluation des Bundeswirtschaftsministeriums (Ramboll Management Consulting, veröffentlicht am 06.03.2025) bescheinigt dem Netzwerk „eine hohe Wirksamkeit“: über 260.000 Unternehmenskontakte zwischen 2021 und 2023. Im Schwesterprogramm „Digital Jetzt“ lösten 134,3 Millionen Euro Förderung rund 447,1 Millionen Euro an zusätzlichem Umsatz bei den geförderten Betrieben aus, laut Ministerium eine „hohe volkswirtschaftliche Hebelwirkung“.
Das Nachfolgenetzwerk startet 2027 trotzdem mit zunächst nur sechs statt 29 regionalen Zentren, ergänzt um eine noch unbestimmte Zahl branchenspezifischer Angebote. Einen Rechtsanspruch auf Anschlussförderung gibt es laut Förderbekanntmachung ausdrücklich nicht. Ein Betrieb, der gerade erst über IT-Sicherheit nachdenkt, bekommt daraus kein Startsignal. Er bekommt einen Grund zu warten, bis klar ist, ob seine eigene Region überhaupt wieder eine Anlaufstelle bekommt. Ein wirksames Programm abzuschmelzen, ohne die Lücke zu benennen, ist Haushaltspolitik auf Kosten der Verlässlichkeit – und Verlässlichkeit zählt für einen Fünf-Personen-Betrieb mehr als jeder einzelne Fördereuro.
Die nächste DESI-Tabelle erscheint im Sommer 2027, mitten im Übergang zum neuen Zentren-Netzwerk. Steigt Deutschland dann, liegt das kaum am Länderranking selbst. Es liegt daran, ob die Lücke zwischen den 50 Prozent digitalen Vorreitern unter den Großen und den 20 Prozent planlosen Kleinen kleiner geworden ist. Bitkom, Forterro und das eigene Wirtschaftsministerium kommen aus drei verschiedenen Richtungen zur selben Diagnose: Die deutsche Wirtschaft hat kein flächendeckendes Digitalisierungsproblem. Sie hat ein Problem bei den Unternehmen unter 50 Mitarbeitenden. Und das braucht keinen besseren Rang zwischen Dänemark und Rumänien, sondern eine Förderlandschaft, auf die sich auch der kleinste Betrieb verlassen kann, wenn er den Schritt endlich wagt.
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