Am 20. Oktober 2026 stand Jensen Huang in einem stillgelegten Berliner Kraftwerk und nannte vier Namen: Agile Robots, Avelios Medical, Mirelo und Reflex Aerospace. Bei allen vier steigt Nvidia als Minderheitsgesellschafter ein. Die Investments sind Teil eines europaweiten Engagements von knapp 10 Milliarden US-Dollar. Wie viel Geld in welches Unternehmen fließt, hat der Konzern nicht gesagt – bis heute nicht.
Die Zahl, die an diesem Tag niemand auf die Bühne gestellt hat, ist eine andere: 0,1 Prozent. So viel ihres verwalteten Vermögens stecken deutsche Pensionskassen und Versicherer in Venture Capital. Verwaltet werden rund 2,8 Billionen Euro. Das sind die Zahlen, die das German Venture and Growth Forum (GVGF) in die Debatte um den Gipfel eingebracht hat – und sie erklären besser als jede Rede, warum ein US-Chiphersteller gerade der sichtbarste Frühphasen-Investor des Landes wird.
Deutsche Startups haben im ersten Halbjahr 2026 laut GVGF 5,1 Milliarden Euro eingesammelt. Weniger als ein Drittel davon kam von deutschen Investoren.
Auf einen Blick
- Nvidia hat am 20. Oktober 2026 auf dem Invest in Germany Summit Beteiligungen an vier deutschen Startups angekündigt: Agile Robots, Avelios Medical, Mirelo und Reflex Aerospace. Einzelbeträge: nicht genannt.
- Die vier sind Teil eines europaweiten Engagements von knapp 10 Milliarden US-Dollar und vervollständigen eine Runde von 13 Unternehmen – vier in Frankreich, fünf in Großbritannien, vier hier.
- Zwei Bundesministerien haben mit Nvidia eine gemeinsame Absichtserklärung zu „Physical AI“ unterzeichnet.
- Im dritten Quartal 2026 kamen laut KfW 43 Prozent des Kapitals in deutschen Runden von US-Investoren. Der Anteil deutscher Investoren fiel von 33 auf 19 Prozent.
- Für dich als Gründerin oder Gründer ist das kein Makro-Thema, sondern eine Verhandlungsfrage: Was ein strategischer Investor auf deinem Cap Table kostet, steht nicht im Term Sheet.
Was Nvidia tatsächlich gekauft hat
Vier Unternehmen, vier völlig verschiedene Wetten – und in jedem Fall keine Mehrheit.
Agile Robots aus München ist 2018 aus dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt ausgegründet worden und seit 2021 Unicorn, nach einer 220-Millionen-Dollar-Runde unter Führung von SoftBanks Vision Fund 2. Das Unternehmen baut Industrieroboterarme und hat mit Agile ONE einen eigenen Humanoiden angekündigt.
Avelios Medical, ebenfalls München, baut ein Krankenhausinformationssystem, das KI nicht nachrüstet, sondern als Grundlage hat. Die Series A über 30 Millionen Euro führte Sequoia an.
Mirelo, 2023 gegründet, erzeugt mit KI Geräusche, Sprache und Musik passend zu bewegtem Bild. Die Seed-Runde über 41 Millionen Dollar kam von Index Ventures und Andreessen Horowitz.
Reflex Aerospace mit Sitz in Berlin und Fertigung in Bayern baut Satelliten, die nach Bestellung in neun bis zwölf Monaten lieferbar sind – klassische Programme brauchen zwei bis vier Jahre. Der erste Satellit ist im Orbit. Die 50-Millionen-Euro-Series-A im November 2025 war die größte, die ein deutsches Raumfahrt-Startup bis dahin eingesammelt hatte; dabei waren Bayern Kapital, der High-Tech Gründerfonds, Alpine Space Ventures und Human Element. Wer wissen will, wie dieser Sektor gerade bewertet wird, findet die europäische Referenz in unserer Analyse zu Europas größter Raumfahrt-Series-C über 450 Millionen Euro.
Neu ist das Muster nicht. Nvidia hält in Deutschland bereits Anteile an Black Forest Labs, n8n und Neura Robotics – also genau an den Firmen, über die wir an anderer Stelle beschrieben haben, wie kleine Teams gegen Konzerne gewinnen, indem sie eine Lücke besetzen.
Rekordquartal mit immer weniger Teilnehmern
Der Gipfel fiel in ein Quartal, das auf dem Papier grandios aussieht. Das Venture-Capital-Dashboard der KfW weist für das dritte Quartal 2026 rund 4,5 Milliarden Euro Dealvolumen aus – das höchste Quartal seit Ende 2021, nach 3,33 Milliarden im zweiten Quartal und 1,2 Milliarden im Vorjahresquartal. Nach neun Monaten stehen 9,5 Milliarden Euro, mehr als in den kompletten Jahren 2023, 2024 und 2025 jeweils zusammenkamen.
Die zweite Zahlenreihe erzählt eine andere Geschichte. Die Zahl der Runden ab einer Million Euro fiel im dritten Quartal auf 89. Nach neun Monaten sind es 276 – gegenüber 304 im Vorjahreszeitraum und 324 im Jahr davor. Das ist der dritte Rückgang in Folge. Sechs Runden über 100 Millionen Euro machten mit rund 3,5 Milliarden Euro etwa drei Viertel des Quartalsvolumens aus. Auf Seed-Finanzierungen entfielen 227 Millionen Euro. Das ist der gesamte deutsche Seed-Markt eines Quartals – und ungefähr so viel, wie Agile Robots 2021 in einer einzigen Runde bekam.
Mehr Geld, weniger Wetten: Dieses Muster hat sich seit unserer Bestandsaufnahme zum deutschen Venture-Capital-Markt nicht gedreht, es hat sich verschärft. Die mittlere Rundengröße stieg von 2,1 Millionen Euro im Jahr 2023 auf 4,3 Millionen in den ersten neun Monaten 2026. Wer finanziert wird, bekommt mehr. Wer nicht finanziert wird, taucht in keiner Statistik auf.
Und die Herkunft des Geldes verschiebt sich. US-Investoren stellten im dritten Quartal rund 43 Prozent des Kapitals, nach 28 bis 32 Prozent in den Quartalen davor. Der Anteil deutscher Investoren fiel von 33 auf 19 Prozent. Die KfW schränkt selbst ein: Ein einzelner Verteidigungsdeal über eine Milliarde Euro mit starker US-Beteiligung verzerrt das Bild, ohne ihn läge der US-Anteil bei etwa 20 Prozent. Die Richtung bleibt trotzdem dieselbe – und sie passt zu dem, was wir bei den Gründern selbst beobachtet haben: Deutsche Unicorn-Gründer orientieren sich inzwischen weg von den USA, während das Kapital den umgekehrten Weg nimmt.
Was der Staat dafür gibt
Der zweite Teil des Berliner Tages war kein Investment, sondern ein Pakt. Das Bundeswirtschafts- und das Bundesforschungsministerium haben mit Nvidia eine gemeinsame Absichtserklärung zu „Physical AI“ unterzeichnet – KI, die ihre Umgebung wahrnimmt und mit ihr interagiert, also Fertigung, Maschinenbau, Automobilindustrie. Laut Dealroom liegt die berichtete staatliche Förderung im hohen dreistelligen Millionenbereich. Die Initiative ist in die KI-Roadmap der Bundesregierung und die Plattform Industrie 4.0 eingebettet; Siemens zeigte dazu Anwendungen aus seinem Erlanger Werk.
Bundeskanzler Friedrich Merz formulierte die Erwartung an die Unternehmen unmissverständlich: „Bitte öffnen Sie Ihre Türen für KI, damit sie Ihre Daten nutzen kann.“ Der Adressat ist klar. Rund 47 Prozent der deutschen Mittelständler nutzen KI, bei den großen Unternehmen sind es 67 Prozent. Dass die Lücke nicht zwischen Deutschland und dem Ausland verläuft, sondern zwischen groß und klein, haben wir bereits beim Digitalisierungsgrad gesehen: Deutschlands Digital-Rückstand ist ein Größenproblem.
Die Frage, die der Pakt offenlässt, ist die nach der Gegenleistung. Industriedaten aus deutschen Werkshallen sind der eigentliche Rohstoff für Physical-AI-Modelle. Wer die Modelle am Ende besitzt, steht in einer Absichtserklärung nicht.
Die Gegenrechnung
Es gibt eine ernsthafte Gegenposition, und sie ist stärker, als die Souveränitätsdebatte zugibt.
Erstens: Kapital hat keine Nationalität, Rechenzeit schon. Was ein Robotik- oder Satellitenunternehmen von Nvidia bekommt, ist nicht primär Geld, sondern Zugang zu Hardware, Architektur-Know-how und einer Kundenbasis. Für ein Unternehmen wie Reflex Aerospace, dessen Produktversprechen Datenverarbeitung an Bord ist, ist der Chiphersteller der naheliegendste Gesellschafter, den es gibt.
Zweitens: Deutschland investierte 2025 laut KfW 0,16 Prozent seiner Wirtschaftsleistung in Venture Capital. Frankreich kam auf 0,25 Prozent, Großbritannien auf 0,73, die USA auf 0,90. Bei dieser Ausgangslage ist ausländisches Kapital keine Niederlage, sondern Arithmetik. 43 deutsche Unicorns wären ohne es nicht entstanden.
Drittens – und das ist der unbequemste Punkt: Das Abschreckende kommt nicht immer von außen. Am selben Tag, an dem Merz in Berlin um Investitionen warb, kündigte Roche an, alle weiteren Investitionsentscheidungen in Deutschland einzufrieren. Grund war die geplante Anhebung des gesetzlichen Herstellerrabatts von 7 auf 15,5 Prozent. Die Allianz-Forschung hat ausgerechnet, dass ausländische Investitionen in Deutschland zwischen 2019 und 2025 um 6,4 Prozent gefallen sind, während die US-Investitionen im selben Zeitraum um 20,2 Prozent zulegten. Das Problem ist nicht, dass zu viele Amerikaner kommen.
Was das für dich heißt
Du wirst in absehbarer Zeit keinen Anruf von Jensen Huang bekommen. Trotzdem ändert dieser Gipfel etwas an deiner Finanzierungsrealität, und zwar in drei Punkten.
Erstens: Der Seed-Markt ist kleiner, als die Schlagzeilen suggerieren. 227 Millionen Euro Seed-Volumen in einem Rekordquartal heißt, dass die Milliardenzahlen an dir vorbeilaufen. Plane mit einem Markt, in dem weniger Runden stattfinden und jede einzelne härter geprüft wird – nicht mit dem Quartalsvolumen aus der Pressemitteilung. Was das für die Alternative bedeutet, haben wir in Bootstrapping vs. VC durchgerechnet.
Zweitens: Ein strategischer Investor ist kein besserer VC, sondern ein anderer. Ein Finanzinvestor will einen Exit. Ein Konzern will Optionen. Das klingt harmloser und ist es nicht: Informationsrechte, Vorkaufsrechte und Exklusivitätsklauseln entscheiden später darüber, wer dich überhaupt noch kaufen kann. Wenn ein strategischer Gesellschafter in deine Runde will, verhandelst du nicht über die Bewertung, sondern über diese drei Punkte.
Drittens: Das deutsche Geld liegt da, es ist nur nicht abrufbar. 2,8 Billionen Euro bei Versicherern und Pensionskassen, 0,1 Prozent davon in Venture Capital. Das GVGF fordert rund 15 Milliarden Euro zusätzliches privates Inlandskapital pro Jahr. Ob diese Forderung je Gesetz wird, entscheidet mehr über deine nächste Runde als jede Absichtserklärung mit einem US-Konzern.
Nvidias Einstieg bei vier deutschen Unternehmen ist eine gute Nachricht für diese vier Unternehmen. Für alle anderen ist er vor allem eine Diagnose.
Stand der Angaben: 28. Oktober 2026. Die Beteiligungen wurden angekündigt; Nvidia hat weder Beträge noch Anteilshöhen veröffentlicht. Quellen: KfW Venture Capital Dashboard Q3/2026, Dealroom, German Venture and Growth Forum, Allianz Research, ComputerBase, European Business Magazine.
Bleib informiert – kostenlos direkt in dein Postfach. VentureView schickt dir die wichtigsten Startup- und Wirtschaftsthemen, bevor sie jeder kennt.









