Nur noch 7 Prozent der deutschen Unicorn-Gründerinnen und -Gründer würden heute noch einmal in den USA gründen – vor einem Jahr war es noch jeder Vierte. Der Digitalverband Bitkom feiert die Zahl als Vertrauensbeweis für den Standort Deutschland. Doch der Blick auf zwei Münchner Startups, die genau entgegengesetzte Wege gingen, zeigt: Die Trennlinie zwischen deutschen und amerikanischen Unternehmern verläuft nicht durch die Postleitzahl des Hauptsitzes.
Vierzehn Menschen haben gerade eine der meistzitierten Zahlen des deutschen Startup-Jahres 2026 produziert. Die Get-Started-Initiative des Digitalverbands Bitkom befragte im Dezember und Januar die noch aktiven Gründerinnen und Gründer der 25 deutschen Unicorns – nicht börsennotierte Startups mit einer Bewertung ab einer Milliarde Euro –, die noch im Management ihres Unternehmens sitzen. Die Frage: Würdest du heute noch einmal gründen, und wenn ja, wo? Das Ergebnis, veröffentlicht am 19. Januar 2026: Nur 7 Prozent würden die USA wählen, ein Jahr zuvor waren es 24 Prozent. 57 Prozent würden wieder in Deutschland gründen, nach 47 Prozent im Vorjahr.
Auf einen Blick
- 7 % der deutschen Unicorn-Gründer würden heute noch in den USA gründen – vor einem Jahr waren es 24 %
- 57 % würden wieder in Deutschland gründen (Vorjahr: 47 %)
- 18 % Tech-Champions im DAX gegenüber 33 % im S&P 500
- DAX-Wachstum seit 2015: 3 % pro Jahr – S&P 500: 10 % pro Jahr
- Personio: 8,5 Mrd. USD Bewertung (Juni 2022), erstes profitables Quartal im Q1 2026
Quellen: Bitkom Get Started Unicorn-Report (19.01.2026), McKinsey „Tech-Champions made in Germany“ (November 2023), Unternehmensangaben Personio/Celonis. Stand: September 2026.
Der Umschwung in Zahlen: von 24 auf 7 Prozent
Bitkom-Präsident Dr. Ralf Wintergerst ordnet die Zahlen politisch ein: „Deutschland ist auf dem richtigen Weg, jungen Tech-Unternehmen bessere Bedingungen für Wachstum und Erfolg zu geben. Mehr innovative, wachstumsstarke Startups sind ein wichtiger Beitrag für digitale Souveränität“, sagt er in der Bitkom-Pressemitteilung vom 19. Januar 2026. Die Erklärung der Gründer selbst liest sich nüchterner: 79 Prozent fordern vor allem Bürokratieabbau, 64 Prozent erleichterten Marktzugang im EU-Binnenmarkt, 43 Prozent besseren Zugang zu Wachstumskapital. Das klingt weniger nach neu entdeckter Standortliebe als nach einer Liste offener Baustellen.
Wie unentschlossen das Bild bleibt, zeigt eine zweite Zahl aus derselben Umfrage: 79 Prozent der Befragten erwarten 2026 mindestens einen Börsengang eines deutschen Unicorns. Aber nur 29 Prozent glauben, dass er an einer deutschen Börse stattfindet. 50 Prozent rechnen weiterhin mit den USA. Gründen ja, aussteigen über die Wall Street trotzdem – die Skepsis gegenüber Amerika endet offenbar an der Börsentür.
Warum die Euphorie zu früh kommt
Der eigentliche Unterschied zwischen deutschen und amerikanischen Unternehmern zeigt sich nicht in Umfragen zur Standortpräferenz, sondern in den Wachstumszahlen der Unternehmen, die es bereits geschafft haben. Eine im November 2023 veröffentlichte McKinsey-Studie mit dem Titel „Tech-Champions made in Germany“ verglich die vierzig wertvollsten börsennotierten Unternehmen beider Länder. Ergebnis: Im DAX gelten 18 Prozent als Tech-Champions – Unternehmen, die überproportional zu Wachstum und Innovation beitragen –, im S&P 500 sind es 33 Prozent. Der DAX wuchs seit 2015 im Schnitt um 3 Prozent pro Jahr, der S&P 500 um 10 Prozent. Deutsche Tech-Unternehmen im DAX investieren im Schnitt rund 12 Prozent ihres Umsatzes in Forschung und Entwicklung – solide, aber kein Wert, der eine Wachstumslücke von sieben Prozentpunkten pro Jahr aufholt.
Diese Lücke ist strukturell, nicht kulturell in dem Sinne, dass sie mit gutem Willen oder ein paar Umfrage-Prozentpunkten verschwindet. Sie entsteht über Jahrzehnte an Kapitalmarkttiefe, Risikokapitalvolumen und, das zeigt der nächste Abschnitt, am Umgang mit dem eigenen Erfolg.
Weniger USA-Sehnsucht macht aus deutschen Gründern noch keine amerikanischen Unternehmer.
VentureView-Analyse, auf Basis Bitkom Get Started Unicorn-Report 2026
Celonis ging nach New York, Personio blieb in München – und beide gewannen
Zwei Münchner Startups liefern die Gegenprobe zur These, wonach der Hauptsitz über den unternehmerischen Charakter entscheidet. Celonis, 2011 von den TUM-Studenten Alexander Rinke, Bastian Nominacher und Martin Klenk gegründet, eröffnete bereits 2016 ein Büro in New York und führt heute vom One World Trade Center aus einen globalen Softwarekonzern für Process Mining – die automatisierte Analyse von Geschäftsprozessen anhand von IT-Systemdaten. Personio, 2015 in München gegründet, tat das Gegenteil: Der Hauptsitz blieb München, auch nachdem das Unternehmen 2021 zum ersten europäischen HR-Tech-Unicorn wurde und die Bewertung im Juni 2022 auf 8,5 Milliarden US-Dollar stieg. Im ersten Quartal 2026 meldete Personio sein erstes profitables Quartal – parallel zur Übernahme des Recruiting-KI-Startups Aurio.
Beide Unternehmen zählen zu den wertvollsten Software-Exporten Deutschlands. Der Unterschied liegt nicht in der Adresse auf der Visitenkarte, sondern im Vertriebsmodell. Celonis übernahm früh die amerikanische Praxis des aggressiven, landesweiten Enterprise-Vertriebs mit hohen Vertragswerten und schneller internationaler Skalierung. Personio wuchs zunächst diszipliniert im europäischen Mittelstandssegment, bevor es dieselbe Vertriebslogik auf den größeren Markt anwandte. Beide importierten amerikanisches Go-to-Market-Denken – nur zu unterschiedlichen Zeitpunkten und mit unterschiedlicher geografischer Konsequenz.
Die Gegenprobe: 14 Gründer sind keine Grundgesamtheit
Die Bitkom-Zahlen verdienen einen Vorbehalt, den der Verband selbst offen ausweist: Die Umfrage ist nicht repräsentativ. Befragt wurden 14 von 25 noch aktiven Unicorn-Gründerinnen und -Gründern – eine kleine, hochselektive Gruppe von Menschen, die es bereits geschafft haben, in Deutschland zu skalieren. Ihre Einschätzung sagt wenig darüber aus, wie ein Gründer denkt, der heute bei null anfängt und noch keinen Zugang zu den Netzwerken hat, die den Erfolg dieser 14 erst ermöglicht haben. Die Stichprobe misst Zufriedenheit unter den Gewinnern, nicht die Standortentscheidung der breiten Gründungsmasse. Wer daraus eine allgemeine Trendwende gegen die USA ableitet, verwechselt eine Momentaufnahme unter Overperformern mit einem repräsentativen Stimmungsbild.
Was das für die Einordnung des Marktes bedeutet
Für alle, die den deutschen Startup-Markt beurteilen, ob als Investor, Beobachter oder angehender Gründer, folgt daraus eine nüchterne Lesart: Standortpräferenz ist ein Stimmungsindikator, keine Wachstumskennzahl. Die relevante Frage ist nicht, ob ein Unternehmen in München oder New York gegründet wird, sondern ob es das amerikanische Vertriebstempo und die amerikanische Risikobereitschaft im Kapitaleinsatz übernimmt – unabhängig vom Firmensitz. Celonis und Personio beweisen, dass beide Wege, früher Umzug oder dauerhaftes Bleiben, zum Erfolg führen können, solange die operative Logik amerikanisch bleibt.
Wer die Bitkom-Zahlen als Beleg liest, dass Deutschland „aufgeholt“ hat, verwechselt eine verbesserte Stimmungslage mit einer geschlossenen strukturellen Lücke, die McKinsey mit sieben Prozentpunkten Wachstumsdifferenz pro Jahr beziffert. Diese Lücke schließt sich nicht durch Umfragen unter 14 Gewinnern, sondern durch mehr Unternehmen, die so schnell wachsen wie Celonis und Personio – unabhängig davon, wo ihr Briefkopf steht. Wer wissen will, wie es um den Standort wirklich bestellt ist, sollte 2027 nicht die nächste Umfrage lesen, sondern nachzählen, wie viele neue deutsche Software-Unternehmen es in die Top 40 nach Marktkapitalisierung geschafft haben. Mehr dazu, wie sich amerikanisches Führungsdenken überhaupt von deutschem unterscheidet, lesen Sie in unserer Analyse zu Elon Musks Führungsstil.
Der VentureView Brief: Das Wichtigste aus Startups, Wirtschaft und Politik – einmal pro Woche, in fünf Minuten. Jetzt kostenlos abonnieren.
Bleib informiert – kostenlos direkt in dein Postfach. VentureView schickt dir die wichtigsten Startup- und Wirtschaftsthemen, bevor sie jeder kennt.









