Zalando Gründungsgeschichte: Warum der Milliarden-Exit nie stattfand

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Zalando Gründungsgeschichte: Logistikhalle mit Förderbändern und Versandkartons als Sinnbild für das Volumengeschäft hinter dem Online-Modehändler

Die Zalando Gründungsgeschichte gilt als der größte deutsche Startup-Erfolg der vergangenen zwei Jahrzehnte. Wer sie als Milliarden-Exit erzählt, erzählt sie falsch: Ausgestiegen ist nie jemand. Wer die Aktie zum Ausgabepreis von 21,50 Euro zeichnete, liegt knapp zwölf Jahre später rund 15 Prozent im Plus. Das eigentliche Geschäft steckte nie in der Idee.

Auf einen Blick

  • 50.000 Euro Startkapital gab Alexander Samwer den beiden WHU-Absolventen Robert Gentz und David Schneider im März 2008 – plus Programmierer von Rocket Internet.
  • 21,50 Euro Ausgabepreis beim Börsengang am 1. Oktober 2014, Bewertung rund 5,35 Milliarden Euro, Emissionserlös 605 Millionen Euro.
  • 24,75 Euro Kurs im August 2026 – ein Plus von gut 15 Prozent gegenüber dem Ausgabepreis, verteilt auf knapp zwölf Jahre.
  • 12,3 Milliarden Euro Konzernumsatz 2025, 591 Millionen Euro bereinigtes EBIT, 62 Millionen aktive Kunden.
  • 1,1 Milliarden Euro zahlte Zalando für ABOUT YOU; die Transaktion wurde am 11. Juli 2025 abgeschlossen.

Quellen: Business Insider/Gründerszene-Chronik; finanzen.net zum IPO 2014; Kursdaten Stand 10. August 2026; Zalando-Geschäftszahlen 2025; Unternehmensmitteilung ABOUT YOU Holding SE vom 11.07.2025.

Anfang August verlor die Zalando-Aktie binnen einer Woche rund 13 Prozent. Kein Skandal, keine Insolvenz, keine Gewinnwarnung im klassischen Sinn. Das Unternehmen hatte am 4. August 2026 seine Halbjahreszahlen vorgelegt, das bereinigte EBIT – das operative Ergebnis ohne Sondereffekte – war um 16,1 Prozent auf 270 Millionen Euro gestiegen, und trotzdem verkauften Anleger. Der Grund: Zalando engte die Wachstumsprognose für das Gesamtjahr auf die untere Hälfte der bisherigen Spanne ein. Sneaker verkauften sich schlechter als geplant.

Das ist der eigentliche Endpunkt der bekanntesten deutschen Gründungsgeschichte. Nicht ein Verkauf, nicht ein Champagnerkorken, sondern ein Quartalsbericht, der die Erwartungen um ein paar Zehntelprozentpunkte verfehlt. Genau das macht den Fall lehrreich – und zwar deutlich lehrreicher als die Legende, die seit 2008 über Zalando erzählt wird.

Die Zalando-Gründungsgeschichte beginnt nicht mit einer Idee, sondern mit 50.000 Euro

Zwei Absolventen der WHU – Otto Beisheim School of Management, Robert Gentz und David Schneider, gründen im März 2008 einen Online-Schuhversand. Das Vorbild ist der amerikanische Händler Zappos, bis in den Klang des Namens hinein. Das Kapital kommt von Alexander Samwer: 50.000 Euro, dazu für einige Stunden Programmierer aus dem Berliner Inkubator Rocket Internet – einer Firmenschmiede, die Kapital und Personal gleichzeitig stellt. Im Oktober 2008 geht der Shop online. So schildert es die Chronik von Business Insider/Gründerszene.

Man kann diese Passage romantisieren. Man sollte es nicht. An dieser Konstellation ist nichts, was ein Gründer heute als Blaupause verwenden könnte, außer einem: Die Idee war zu keinem Zeitpunkt der Engpass. Schuhe im Internet zu verkaufen, war 2008 kein Geheimnis – Zappos hatte den Beweis in den USA bereits erbracht. Der Engpass war die Fähigkeit, in kurzer Zeit sehr viel Kapital in Lager, Retourenlogistik und Traffic zu verwandeln, ohne daran zu ersticken.

Genau dafür war Rocket Internet gebaut. Nicht als Ideengeber, sondern als Ausführungsmaschine.

Zalando war nie eine Ideenfirma. Es war ab Tag eins eine Logistikfirma mit einem Schuhkarton davor.

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Der Börsengang war kein Ausstieg, sondern eine Zwischenfinanzierung

Am 1. Oktober 2014 notiert Zalando erstmals in Frankfurt. Der Ausgabepreis liegt bei 21,50 Euro, knapp unter dem oberen Ende der Spanne von 18 bis 22,50 Euro, obwohl die Nachfrage das Angebot um mehr als das Zehnfache übersteigt. Das Unternehmen wird mit rund 5,35 Milliarden Euro bewertet und nimmt 605 Millionen Euro ein, wie finanzen.net damals berichtete.

In der gängigen Erzählung ist das der Moment des Exits. Er ist es nicht. Gentz und Schneider blieben. Gentz führt das Unternehmen bis heute als Co-CEO, seit September 2024 gemeinsam mit David Schröder; Schneider gab den Co-CEO-Posten ab und kümmert sich seither um strategische Partnerschaften und Markenbeziehungen. Achtzehn Jahre nach der Gründung sind beide Gründer noch im Haus.

Und der Kurs? Er stand im August 2026 bei 24,75 Euro. Wer am ersten Tag zum Ausgabepreis zeichnete und durchhielt, hat in knapp zwölf Jahren gut 15 Prozent gewonnen. Ohne Dividende: Zalando hat seit dem Börsengang keine ausgeschüttet und gibt Kapital stattdessen über Rückkäufe zurück – zuletzt im Mai 2026, als ein im März gestartetes Programm über bis zu 300 Millionen Euro mit knapp 14 Millionen zurückgekauften Aktien abgeschlossen wurde. Unter dem Strich bleiben gut ein Prozent Kursgewinn pro Jahr. Für ein Unternehmen, das im selben Zeitraum seinen Umsatz vervielfacht hat, ist das eine bemerkenswerte Diskrepanz.

Was der ABOUT-YOU-Kauf über das eigentliche Geschäftsmodell verrät

Am 11. Juli 2025 schloss Zalando die Übernahme des Hamburger Wettbewerbers ABOUT YOU ab. Preis: 6,50 Euro je Aktie, insgesamt rund 1,1 Milliarden Euro. Zalando hält seither 91,45 Prozent des Grundkapitals und strebt einen Squeeze-out an – die Zwangsabfindung der verbliebenen Minderheitsaktionäre. Die erwarteten Synergien beziffert das Unternehmen langfristig auf rund 100 Millionen Euro operatives Ergebnis pro Jahr; für 2026 sind 40 Millionen Euro angesetzt, im ersten Quartal waren zehn Millionen erreicht.

Diese Zahlen sind der Kern der Sache. Zalando kauft keinen Wettbewerber, um dessen Kundschaft zu übernehmen. Es kauft Volumen, das durch die eigene Infrastruktur läuft. Sichtbar wird das im B2B-Segment: 1,1 Milliarden Euro Umsatz 2025, ein Plus von 14,6 Prozent, bei mehr als verdoppeltem bereinigtem EBIT. Zalando verkauft inzwischen nicht nur Mode, sondern Logistik, Zahlungsabwicklung und Software an andere Händler.

Co-CEO Robert Gentz formulierte den Anspruch im Earnings Call zum zweiten Quartal am 4. August 2026 so: „European fashion represents a massive EUR 500 billion addressable market“ – dokumentiert im Transkript von Investing.com. Ein Markt dieser Größe lässt sich nicht mit einem besseren Onlineshop erobern. Er lässt sich nur mit einer Infrastruktur erobern, die andere mitbenutzen.

Die Gegenrechnung: Wer Zalando am Kurs misst, misst womöglich das Falsche

Gegen diese Lesart lässt sich einiges vorbringen, und es lohnt sich, das ernst zu nehmen. Der Aktienkurs seit dem IPO ist der Maßstab eines Investors, nicht der eines Unternehmers. Operativ ist Zalando 2025 auf 12,3 Milliarden Euro Umsatz gekommen, ein Plus von 16,8 Prozent, bei 591 Millionen Euro bereinigtem EBIT und 62 Millionen aktiven Kunden. Es gibt in Europa kein zweites Mode-Ökosystem dieser Größenordnung, und es gibt in Deutschland kein zweites Internetunternehmen, das aus einer Rocket-Internet-Kopie ein börsennotiertes Schwergewicht mit eigener Technologiebasis gemacht hat.

Hinzu kommt: Der Vergleich mit dem Ausgabepreis blendet aus, was dazwischen lag. Am 7. Juli 2021 stand die Aktie bei 104,95 Euro, dem bis heute gültigen Allzeithoch. Wer in diesem Fenster verkaufte, hat den Exit gemacht, den es angeblich nie gab. Auch das Argument, ein hoher Anteil des jüngsten Wachstums stamme aus der Konsolidierung von ABOUT YOU und nicht aus operativer Stärke, hat Substanz – im ersten Quartal 2026 stand einem berichteten GMV-Wachstum, also einem Plus beim Bruttowarenvolumen der Plattform, von 21,7 Prozent nur ein Pro-forma-Wachstum von 6 Prozent gegenüber.

Beides stimmt. Nur ändert es an der Grundaussage wenig. Ein Unternehmen, das seinen Umsatz seit dem Börsengang vervielfacht und dessen Marktwert im selben Zeitraum kaum von der Stelle kommt, sagt etwas darüber aus, wie der Kapitalmarkt Plattformgeschäfte mit dünnen Margen bewertet. Zalandos bereinigte EBIT-Marge lag 2025 bei rund 4,8 Prozent. Das ist Handel, nicht Software.

Was daraus folgt

Für jeden, der Gründungsgeschichten liest, um daraus ein Marktverständnis zu bauen, stecken in diesem Fall drei nachprüfbare Lehren.

Erstens: Die Kopie ist legitim, die Ausführung ist der Wettbewerb. Zalando hat Zappos kopiert und trotzdem gewonnen, weil das Rennen nie um die Idee ging. Wer eine Gründungsgeschichte hört, sollte deshalb nicht fragen, wie originell der Einfall war, sondern welchen Engpass das Unternehmen kontrolliert hat.

Zweitens: Ein Börsengang ist ein Finanzierungsereignis, kein Zielpunkt. Die 605 Millionen Euro von 2014 waren Betriebskapital für den Ausbau des Logistiknetzes. Die Gründer sind noch da, weil in einem margenschwachen Volumengeschäft die Wertschöpfung Jahrzehnte braucht, nicht Quartale. Wer in Deutschland über fehlende Exits klagt, sollte diesen Fall danebenlegen: Der bekannteste deutsche Erfolg ist ausdrücklich keiner.

Drittens: Die Bewertung folgt der Marge, nicht der Größe. 12,3 Milliarden Euro Umsatz bei 4,8 Prozent bereinigter EBIT-Marge werden anders bewertet als ein Bruchteil davon bei 30 Prozent. Wer verstehen will, warum Zalando bei rund 25 Euro steht, muss nicht auf den Aktienchart schauen, sondern auf diese eine Zahl. Und darauf, dass das margenstärkere B2B-Geschäft mit 1,1 Milliarden Euro erst rund neun Prozent des Konzernumsatzes ausmacht.

Denselben Mechanismus – Eigentum statt Ausstieg – haben zuletzt die Gründer von Autodoc vorgeführt, als sie ihren Finanzinvestor mit einem Kredit über 580 Millionen Euro auszahlten. Der Weg zurück zur vollständigen Kontrolle ist in Deutschland offenbar attraktiver als der Weg hinaus.

Ausblick

Für das Gesamtjahr 2026 erwartet Zalando ein bereinigtes EBIT zwischen 680 und 720 Millionen Euro und ein Wachstum in der unteren Hälfte der Spanne von 12 bis 17 Prozent. Die entscheidende Frage der kommenden Quartale lautet nicht, ob das erreicht wird. Sie lautet, ob der B2B-Anteil schnell genug wächst, um die Konzernmarge sichtbar zu heben – und ob sich die ABOUT-YOU-Synergien von 40 Millionen Euro in diesem Jahr auf die avisierten 100 Millionen Euro skalieren lassen. Gelingt das, wird aus einem Händler mit Technologie ein Technologieanbieter mit Handel. Gelingt es nicht, bleibt Zalando genau das, was es seit 2008 ist: ein außerordentlich gut geführtes Volumengeschäft, das der Kapitalmarkt entsprechend bewertet.

Die Legende vom Milliarden-Exit wird man trotzdem weiter hören. Sie ist eingängiger. Nur eben falsch.

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