1993 hatten 14 Prozent der vietnamesischen Haushalte Strom. Nicht 14 Prozent der ländlichen Haushalte – 14 Prozent aller. Das ist eine Zahl der Weltbank, keine Schätzung.
2019 hatten es nahezu alle. Die Wirtschaftsleistung pro Kopf lag 1986 bei unter 700 US-Dollar und 2023 bei knapp 4.500. Die extreme Armutsquote fiel zwischen 2010 und 2023 von 14 auf unter 4 Prozent. 2025 wuchs die vietnamesische Wirtschaft um 8 Prozent.
Polen erzählt dieselbe Geschichte mit europäischen Vorzeichen. 1989 war es eines der ärmsten Länder des Kontinents. Heute liegt die Wirtschaftsleistung pro Kopf laut Eurostat bei rund 80 Prozent des EU-Durchschnitts – und nach Projektionen des Internationalen Währungsfonds zieht Polen 2026 kaufkraftbereinigt an Japan vorbei.
Auf einen Blick
- Vietnam: BIP pro Kopf unter 700 US-Dollar (1986) auf knapp 4.500 (2023); extreme Armut von 14 auf unter 4 Prozent (2010–2023). Quelle: Weltbank.
- Polen: rund 80 Prozent des EU-Durchschnitts (Eurostat); überholt Japan 2026 bei kaufkraftbereinigtem BIP pro Kopf (IWF-Projektion).
- Der Auslöser: marktwirtschaftliche Reformen – Đổi Mới in Vietnam ab 1986, der Balcerowicz-Plan in Polen ab 1990.
- Der unbequeme Teil: In beiden Ländern haben Reiche laut Umfragen des Historikers Rainer Zitelmann ein besseres Image als in Deutschland.
Was Vietnam tatsächlich getan hat
Đổi Mới heißt übersetzt ungefähr „Erneuerung“. Ab 1986 gab die vietnamesische Führung Preise frei, ließ Privateigentum zu und öffnete das Land für ausländisches Kapital. Das war kein spontaner Ausbruch von Freiheit, sondern ein bewusst gesteuertes Reformprogramm einer Einparteienregierung, die begriffen hatte, dass die Planwirtschaft ihr Land verhungern ließ.
Die Zahlen dahinter sind unspektakulär und deshalb glaubwürdig. Die Lebenserwartung stieg laut Weltbank von 70,5 Jahren (1990) auf 74,5 (2023). Der Zugang zu sauberem Wasser auf dem Land wuchs zwischen 1993 und 2019 von 17 auf 51 Prozent. Vietnam ist heute mit einem Außenhandelsanteil von fast 170 Prozent des BIP eine der offensten Volkswirtschaften der Welt – was auch heißt: extrem abhängig von globalen Verwerfungen.
Was Polen tatsächlich getan hat
Der Balcerowicz-Plan ab Januar 1990 war das Gegenteil von behutsam. Preisfreigabe, Währungsstabilisierung, Öffnung für Auslandskapital, Privatisierung – alles auf einmal statt in Etappen. Die ersten zwei Jahre waren brutal: Betriebe kollabierten, die Arbeitslosigkeit sprang von faktisch null auf zweistellige Werte.
Danach lief es. Und zwar so lange und so gleichmäßig, dass Polen inzwischen die Länder einholt, an denen sich Deutschland früher orientiert hat. Wer 1990 gesagt hätte, dass Polen einmal Japan überholt, wäre ausgelacht worden.
Das Muster – und warum du es nicht kopieren kannst
Drei Dinge tauchen in beiden Geschichten auf: Eigentum, das wirklich einem gehört. Preise, die die Wahrheit über Knappheit sagen. Zugang zu Kapital von außen.
Das ist Regierungsarbeit. Als Gründerin oder Gründer in Deutschland kannst du daraus keine Handlungsanweisung ableiten – Eigentumsrechte hast du, freie Preise auch, und beim Zugang zu Risikokapital ist die Lage zwar zäh, aber nicht vietnamesisch.
Eine Sache überträgt sich trotzdem, und sie ist der interessanteste Fund des ganzen Materials.
Der Teil, der Deutschland betrifft
Der Historiker und Soziologe Rainer Zitelmann hat für seine Untersuchung nicht nur Wirtschaftsdaten ausgewertet, sondern in beiden Ländern repräsentative Umfragen zum Image von Reichtum und Marktwirtschaft erheben lassen. Das Ergebnis: In Polen und Vietnam werden Reiche und Kapitalismus deutlich positiver gesehen als in Deutschland.
Das klingt wie eine Fußnote. Es ist der eigentliche Befund. Länder, die Armut aus eigener Erfahrung kennen, haben ein entspannteres Verhältnis zu Wohlstand als Länder, die seit drei Generationen keine mehr hatten.
Wer in Deutschland sagt „ich will damit Geld verdienen“, schiebt fast immer einen Halbsatz hinterher. Etwas über Sinn, über Impact, über Nachhaltigkeit. Meistens stimmt das sogar – aber der Reflex, es sofort dazuzusagen, ist erlernt. Er hat mit einer Kultur zu tun, in der finanzieller Ehrgeiz erklärungsbedürftig ist.
Diese Scham ist nicht natürlich. Sie ist kulturell. Und damit ist sie optional.
Das ist keine kleine Sache für eine Generation, die ohnehin dauernd erklären muss, warum sie arbeitet, wie sie arbeitet. Wer bei jedem unternehmerischen Schritt erst eine moralische Rechtfertigung mitliefern muss, verliert Tempo – und irgendwann die Lust.
Der ehrliche Einwand
Wer diese Geschichte als reinen Marktbeweis erzählt, lässt etwas weg.
Vietnam ist ein Einparteienstaat. Die wirtschaftliche Öffnung kam ohne politische, und die Reformen waren möglich, weil eine Führung sie ohne Widerspruch durchsetzen konnte. Wer daraus ableitet, Marktwirtschaft brauche keine Demokratie, hat das Argument in die falsche Richtung gedreht.
Und Polen hatte etwas, das kein Entwicklungsland der Welt hat: die Aussicht auf EU-Mitgliedschaft, danach den EU-Binnenmarkt und erhebliche Strukturmittel. Der Balcerowicz-Plan war die Voraussetzung, nicht die alleinige Ursache.
Beide Einwände stimmen. Beide erklären aber nicht, warum es in denselben Jahrzehnten Länder mit ähnlichen Ausgangslagen gab, die genau nichts erreicht haben. Das Muster bleibt stehen – es ist nur schmaler, als seine lautesten Vertreter behaupten.
Was du mitnimmst
Nicht ein Reformprogramm. Sondern die Beobachtung, dass die Haltung einer Gesellschaft zu Wohlstand kein Naturgesetz ist, sondern ein Zustand – und dass Länder, die ihn geändert haben, ihren Lebensstandard in einer einzigen Generation vervielfacht haben.
Wenn du gerade selbst etwas aufbaust: Der Halbsatz, den du dir angewöhnt hast, ist nicht Teil der Idee. Er ist Teil der Umgebung.
Zum Weiterlesen
Rainer Zitelmann: Warum Entwicklungshilfe nichts bringt und wie Länder wirklich Armut besiegen. FinanzBuch Verlag, München 2025, 224 Seiten. Es handelt sich um die aktualisierte Neuausgabe des 2023 erschienenen Titels Der Aufstieg des Drachen und des weißen Adlers. Die englische Fassung (How Nations Escape Poverty, Encounter Books 2024) stand 2025 auf der Finalistenliste des Hayek Book Prize des Manhattan Institute.
Datenquellen: Weltbank (Viet Nam Country Overview), Eurostat, Internationaler Währungsfonds. Stand: August 2026.
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