Am 9. September 2024 stand Christian Sewing auf dem Handelsblatt-Bankengipfel in Frankfurt und rechnete dem Land vor, dass es mit „durchschnittlich 26 Stunden pro Woche und einer Rente mit 63“ nicht zu schaffen sei. „Wir alle müssen wieder mehr arbeiten“, sagte der Deutsche-Bank-Chef laut Handelsblatt. Das „wir alle“ war höflich. Gemeint warst du.
Schon im Mai 2023 hatte Arbeitgeberpräsident Rainer Dulger die Viertagewoche zur Wohlstandsgefahr erklärt: „Nichts wird besser, wenn wir alle weniger arbeiten“, sagte er t-online – das Rentensystem werde sonst „in seiner aktuellen Form unfinanzierbar“. Die Erzählung dahinter kennst du aus jedem zweiten Kommentar unter jedem Karriere-Post: Die Jungen wollen nicht mehr. Zu weich, zu anspruchsvoll, zu wenig Bock.
Das Problem an dieser Erzählung: Die Daten kennen sie nicht. „Dass die Generation Z viel fordert, aber wenig arbeitet, ist ein verbreitetes Vorurteil. Doch es ist falsch. Die jungen Leute sind fleißig wie lange nicht mehr“, sagt Enzo Weber, Forschungsbereichsleiter am Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), gegenüber ZDFheute. Die Wirtschaftsweise Monika Schnitzer wird noch deutlicher: „Die Gen Z arbeitet mehr als die Generationen vor ihr.“
Und während dir Fleiß gepredigt wird, meldet das Statistische Bundesamt trocken: Der Reallohnindex lag 2025 bei 100 Punkten. 2019 lag er bei 100,5. Sechs Jahre Arbeit. Null Fortschritt. Wer da nachrechnet, ist nicht faul. Er ist wach.
Auf einen Blick
- 76 Prozent der 20- bis 24-Jährigen waren 2023 erwerbstätig – laut IAB die stärkste Arbeitsmarktbeteiligung dieser Altersgruppe seit Jahrzehnten.
- Studierende jobben so viel wie nie: 56 Prozent Beschäftigungsquote, fast 20 Punkte mehr als 2015 (IAB).
- Reallohnindex 2025: 100 Punkte – exakt das Niveau von 2019 (100,5). Die Zuwächse 2024/25 haben nur die Verluste von 2020 bis 2023 repariert (Destatis).
- Der Wunsch nach kürzeren Arbeitszeiten zieht sich laut IW-Befragung 2024 durch alle Altersgruppen – er ist keine Gen-Z-Marotte.
- 40 Prozent der 18- bis 29-Jährigen berichten von niedrigem psychischen Wohlbefinden (RKI 2024).
Die Anklage
Sewings 26 Stunden sind eine echte Zahl – und ein rhetorischer Trick. Es ist der Durchschnitt über alle Erwerbstätigen, inklusive Teilzeit, Minijobs und Altersteilzeit. Als Ziel nannte er den OECD-Schnitt von 33 bis 34 Wochenstunden. Nur: Wer diese Zahl gegen „die Jungen“ wendet, hat die Statistik nicht gelesen, aus der sie stammt. Denn genau am unteren Ende der Alterspyramide passiert gerade das Gegenteil von Verweigerung.
Die Akte: Wer hier wirklich arbeitet
Das IAB hat die Erwerbsdaten der Jahre 2015 bis 2023 ausgewertet, ZDFheute und die ING haben die Befunde aufbereitet. Ergebnis: Drei von vier jungen Erwachsenen zwischen 20 und 24 stehen in einem Beschäftigungsverhältnis – so viele wie seit Jahrzehnten nicht. Die Beschäftigungsquote von Studierenden stieg von 2015 bis 2023 um fast 20 Prozentpunkte auf 56 Prozent. Mehr als jeder zweite Studierende arbeitet neben dem Studium.
Auch das Klischee vom notorischen Jobhopper hält der Prüfung nicht stand: Junge Beschäftigte wechseln laut IAB nicht häufiger den Arbeitgeber als frühere Jahrgänge im selben Alter. Und ihre Motive sind so unromantisch wie vernünftig: finanzielle Unabhängigkeit, Absicherung nach Pandemie und Preisschock, früh anfangen mit der Vorsorge. Das ist keine Generation, die sich treiben lässt. Das ist eine Generation, die von Geld redet, während andere noch von Passion reden.
Selbst der Wunsch nach weniger Stunden – das Lieblingsargument jeder Faulheits-Debatte – ist kein Jugendphänomen: Laut einer IW-Auswertung von 2024 wünschen sich Beschäftigte quer durch alle Altersgruppen kürzere Arbeitszeiten. Der Unterschied ist nur, wer es laut sagt.
Die Rechnung: Was Arbeit noch kauft
Jetzt die andere Seite der Gleichung – die, über die auf Bankengipfeln nicht geredet wird. 2025 stiegen die Nominallöhne laut Destatis um 4,2 Prozent, die Preise um 2,2 Prozent, real blieben plus 1,9 Prozent. 2024 waren es plus 3,1 Prozent. Klingt nach Aufschwung. Ist aber Reparatur: Nach den Reallohnverlusten der Jahre 2020 bis 2023 erreichte der Reallohnindex 2025 mit 100 Punkten fast wieder – fast! – das Niveau von 2019.
Übersetzt: Ein kompletter Berufseinstieg – sechs Jahre, für viele aus dieser Generation die ersten sechs Jahre ihres Arbeitslebens – hat in Kaufkraft gerechnet nichts aufgebaut. Die Generation davor hat in solchen Zeiträumen Eigenkapital angespart. Diese hier hat Inflationslücken gestopft.
Gleichzeitig lief der Vermögensaufbau woanders prächtig: Der DAX markierte im Juli 2026 ein Allzeithoch, während die Konjunkturprognosen fürs Land bei mageren 0,4 bis 1,2 Prozent liegen. Wer besaß, wurde reicher. Wer arbeitete, hielt das Niveau. Das ist die Arithmetik, die diese Generation verstanden hat – nicht, weil sie zynisch ist, sondern weil sie rechnen kann. Fleiß ist kein Vermögensplan mehr. Er war es für die, die heute Reden über Fleiß halten.
Der Preis, den keiner einrechnet
Die Anklage ignoriert nicht nur die Arbeitsdaten. Sie ignoriert auch die Kosten. 40 Prozent der 18- bis 29-Jährigen berichten laut Robert Koch-Institut (2024) von niedrigem psychischen Wohlbefinden. Der DAK-Gesundheitsreport zählte schon 2023 bei einem Drittel der jungen Frauen unter 19 eine diagnostizierte psychische Erkrankung, berichtet ZDFheute. Diese Generation verweigert Arbeit nicht. Sie bezahlt sie – als erste seit langem ohne verlässlichen Gegenwert.
Was an der Kritik trotzdem stimmt
Fairness gehört zur Abrechnung. Das Demografieproblem, das Sewing und Dulger umtreibt, ist real: Rund 400.000 qualifizierte Arbeitskräfte gehen laut Dulger pro Jahr in Rente, und die Rentenformel kennt kein Pardon – weniger Beitragsstunden bedeuten irgendwann weniger System. Auch die niedrige Pro-Kopf-Stundenzahl im OECD-Vergleich ist keine Erfindung. Wer das Gesamtvolumen an Arbeit erhöhen will, hat ein echtes Anliegen.
Aber es ist ein Struktur- und Demografieproblem: Kinderbetreuung, Anreize im Steuer- und Abgabensystem, qualifizierte Zuwanderung, Gesundheit. Wer daraus ein Charakterproblem der Jüngsten macht, wählt die bequemste und faulste aller Analysen – und beschimpft ausgerechnet die Altersgruppe, die gerade die stärkste Erwerbsbeteiligung seit Jahrzehnten liefert.
Was du daraus machst
Erstens: Rechne weiter – aber für dich. Wenn der Reallohn sechs Jahre stagniert, ist jede Gehaltsverhandlung deine private Reallohnpolitik. Verhandeln ist keine Kunst, es ist eine Pflicht – und die Zahlen aus diesem Text sind dein Argument.
Zweitens: Besitz schlägt Überstunden. Die Lücke zwischen Börsenrekord und Lohnstagnation schließt du nicht mit Mehrarbeit, sondern mit Beteiligung an Produktivvermögen – früh, langweilig, regelmäßig.
Drittens: Wenn dir Arbeit den Gegenwert verweigert, bau dir eine, die ihn liefert. 3.053 Neugründungen in sechs Monaten, Rekord, viele davon im Nebenerwerb – und keine Generation gründet so digital und so pragmatisch wie deine.
Viertens: Hör auf, dich zu entschuldigen. Eigenverantwortung heißt nicht, jede Zuschreibung zu schlucken. Es heißt, die eigene Rechnung aufzumachen und danach zu handeln.
Fazit
Die faulste Leistung in dieser Debatte ist die Anklage selbst: eine Statistik, falsch gelesen, als Moralpredigt recycelt. Die Daten sagen: Diese Generation arbeitet so viel wie lange keine vor ihr – zu Preisen, die keine vor ihr akzeptieren musste. Du schuldest niemandem Reue. Du schuldest dir eine Rechnung, die aufgeht.
Alle Zahlen: Destatis (Reallohnindex, Februar 2026), IAB-Auswertung 2015–2023 (berichtet via ZDFheute und ING), IW 2024, RKI 2024, DAK 2023; Zitate: Handelsblatt (Sewing, Bankengipfel, 9.9.2024), t-online (Dulger, Mai 2023), ZDFheute (Weber, Schnitzer). Stand: 30. Juli 2026.
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