Sachsen-Anhalt: Was das Wahlergebnis über politische Bildung und Generationengerechtigkeit verrät

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Wenn man Artikel und Analysen zur vergangenen Wahl in Sachsen-Anhalt liest, liest man viel von der Gefahr für die Demokratie, welche von einer Wahl der AfD ausgeht. Diese Gefahr sehe ich und möchte sie in keinster Weise herunterspielen. In diesem Meinungsartikel aber möchte ich einen Appell richten – einen Appell, es meiner Generation nicht noch schwerer zu machen, als es ohnehin schon ist.

Die Wahl in Sachsen-Anhalt zeigt vor allem eins: Jene, die den aktuellen, leider wirklich katastrophalen Zustand mitverursacht haben, hoffen nun durch eine Wahl Radikaler auf eine Veränderung, die realistisch gesehen wahrscheinlich nur mit magischen Kräften möglich wäre. Ausbaden muss das am Ende die junge Generation.

Ja, ich gebe zu, diese Aussage ist überspitzt, doch in diesem Meinungsartikel möchte ich aufzeigen, weshalb mir gerade das starke Ergebnis der AfD innerhalb der Boomer-Wählergruppe wirklich zu denken gibt.

Ulrich Siegmund und die AfD haben die Wahl in Sachsen-Anhalt gewonnen, mit klarem Abstand und – rein wahlarithmetisch – verdient. Während zahlreichen Wählern bei den Altparteien jegliche Art von Volksnähe fehlt, scheint der AfD genau das im kleinen Ost-Bundesland vorbildlich zu gelingen. Bei zahlreichen Volksfesten im Osten ist die AfD ein fester Bestandteil, man ist dabei, und die Menschen schätzen das. Auch die voll gelungene Simson-Tour Ulrich Siegmunds ist ein weiteres bilderbuchhaftes Beispiel dafür, wie volksnaher, moderner Wahlkampf im Jahr 2026 funktioniert. Spitzenkandidat Siegmund tuckert mit seiner Schwalbe zwischen über tausend AfD- und Simson-Fans. Doch so wichtig diese Volksnähe auch sein mag: Jedem Menschen mit einem kleinen Hauch von Weitsicht sollte hoffentlich klar sein, dass sich die Probleme, vor denen Sachsen-Anhalt, aber auch Deutschland stehen, nicht mit Zweitaktmotoren und Bratwurst lösen lassen.

Gerade bei der Generation der Boomer war das Ergebnis der AfD besonders bitter, und genau dieser Zustand macht mich wütend. Denn im Gegensatz zu vielen anderen Wählergruppen hatte diese Generation tatsächlich alle Möglichkeiten: gute Bildungschancen, einen boomenden Arbeitsmarkt, jahrzehntelangen Wohlstand und die politische Freiheit, das Land nach ihren Vorstellungen zu formen. Wer unter diesen Voraussetzungen aufgewachsen ist und trotzdem eine Partei wählt, die den Austritt aus Euro und EU fordert und unsere Zukunft aufs Spiel setzt, hat aus meiner Sicht keine Berechtigung, sich jetzt auf Protest oder Enttäuschung zu berufen. Man kann nicht selbst über Jahrzehnte hinweg die Weichen stellen und sich anschließend als Opfer der eigenen Entscheidungen inszenieren.

Doch so leicht will ich es mir nicht machen. Ein Faktor, der bei der Diskussion um das AfD-Ergebnis viel zu selten genannt wird, ist die mangelnde politische Bildung in Teilen der Bevölkerung – und zwar altersübergreifend. Wer die Mechanismen von Demokratie, EU und Wirtschaftspolitik nicht versteht, ist anfälliger für einfache Antworten auf komplexe Probleme. Das entschuldigt die Wahlentscheidung nicht, erklärt aber, warum populistische Scheinlösungen wie ein Euro-Austritt oder eine Bürgerwehr überhaupt verfangen.

Und ja, an dieser Stelle muss ich auch selbstkritisch sein: Auch in meiner eigenen Generation gibt es ein Ergebnis, das mich beunruhigt. Unter jungen Männern zwischen 18 und 29 Jahren hat die AfD mit rund 49 Prozent so stark abgeschnitten wie in kaum einer anderen Gruppe. Das zeigt mir, dass die Frustration über fehlende Perspektiven, Wohnungsnot und ein löchriges Rentensystem längst nicht nur ein Boomer-Problem ist, sondern auch meine eigene Generation erfasst hat – und dass wir uns dieser Entwicklung ehrlich stellen müssen, statt sie kleinzureden.

Denn mich als jungen Menschen verärgert vor allem eines: Eine Generation, die alle erdenklichen Möglichkeiten hatte, fährt sich selbst an die Wand und verbaut meiner Generation nun den letzten Funken Hoffnung. Denn seien wir doch einmal ehrlich: Was wird meiner Generation überlassen? Ein ungelöstes Klimaproblem, ein massives Rentenloch und auch eine mangelnde innere und äußere Sicherheit – diese Liste ließe sich noch lange weiterführen, doch der Punkt ist ein anderer. Ich halte nichts davon, als Teil meiner Generation nun in Selbstbemitleidung zu verfallen, und habe kein Problem damit, anzupacken und diese Zustände zu verändern – bestenfalls durch Machen und Anpacken. Doch für das Gelingen dieser Veränderung braucht meine Generation ein paar entscheidende Komponenten, zu denen unter anderem Freiheit und auch ein starkes Europa für wirtschaftlichen Aufschwung gehören. Leider gehen diese Komponenten mit dem Programm der AfD nicht einher.

Deshalb ist mein Appell an jeden Boomer: Ich verstehe die Verärgerung über die aktuelle Situation, und nicht jeder Boomer ist für alle genannten Punkte verantwortlich. Die Probleme gehen tiefer, und genau deshalb werden jene, die oberflächliche Lösungen anbieten, diese auch nicht lösen können. Die Probleme können wir nur mit harter Arbeit und Konsistenz lösen – nicht mit einem Austritt aus dem Euro, der EU oder der Gründung einer Bürgerwehr. Lieber Boomer, wir können die Vergangenheit und vergangene Fehler nicht ändern, doch für die Zukunft sollten wir uns alle gemeinsam überlegen, wie wir die Probleme unserer Zeit lösen wollen – und wer uns dabei unterstützen kann und wer nicht.

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