Die Debatte um Work-Life-Balance und Work-Life-Blend wird geführt, als stünden Gründerinnen und Gründer vor einer freien Wahl zwischen zwei Lebensmodellen. Neue Zahlen des Statistischen Bundesamts vom 23. Juli 2026 zeichnen ein anderes Bild: Selbstständige mit Beschäftigten arbeiten gut zehnmal so häufig überlang wie Angestellte in Vollzeit. Und die große Mehrheit derer, die in Deutschland gründen, hat sich längst für einen dritten Weg entschieden.
Auf einen Blick
- 44,5 Prozent der Selbstständigen mit Beschäftigten arbeiteten 2025 gewöhnlich 49 Stunden und mehr pro Woche – bei Angestellten in Vollzeit waren es 4,1 Prozent.
- 30,8 Prozent von ihnen arbeiteten regelmäßig zwischen 18 und 23 Uhr – bei Angestellten 13,4 Prozent.
- Bei echter Nachtarbeit zwischen 23 und 6 Uhr verschwindet der Unterschied: 4,2 Prozent gegenüber 4,3 Prozent.
- 483.000 der rund 690.000 Existenzgründungen 2025 entfielen auf den Nebenerwerb – ein Anteil von 70 Prozent.
- 78 Prozent der Startup-Gründerinnen und -Gründer würden wieder gründen. 2023 waren es 90 Prozent.
Quellen: Statistisches Bundesamt, Pressemitteilung Nr. 263 vom 23.07.2026 (Erstergebnisse Mikrozensus 2025); KfW-Gründungsmonitor 2026, vorgestellt am 19.05.2026; Deutscher Startup Monitor 2025 des Startup-Verbands, 29.09.2025.
Wer in Deutschland gründen will, bekommt zwei Ratschläge, die sich gegenseitig ausschließen. Der eine sagt: Zieh eine klare Grenze, sonst brennst du aus. Der andere: Grenzen sind eine Illusion, dein Unternehmen kennt keinen Feierabend. Beide klingen nach Haltung. Keiner von beiden beschreibt, was tatsächlich passiert.
Seit dem 23. Juli 2026 lässt sich das nachrechnen. An diesem Tag hat das Statistische Bundesamt die Erstergebnisse des Mikrozensus 2025 zur Arbeitszeit veröffentlicht – und damit erstmals seit Jahren belastbare Zahlen dazu geliefert, wie sich der Arbeitstag von Selbstständigen tatsächlich von dem eines Angestellten unterscheidet. Das Ergebnis ist eindeutiger, als die Debatte vermuten lässt. Und es liegt an einer anderen Stelle, als die meisten annehmen.
Die Zahl, die die Debatte entscheidet
44,5 Prozent. So viele Selbstständige mit Beschäftigten arbeiteten 2025 gewöhnlich 49 Stunden und mehr pro Woche. Das gilt in der amtlichen Statistik als überlange Arbeitszeit. Bei Solo-Selbstständigen – also Selbstständigen ohne Angestellte – sind es 23,0 Prozent, bei Angestellten in Vollzeit 4,1 Prozent. Der Durchschnitt aller Vollzeiterwerbstätigen lag bei 40,2 Wochenstunden (Statistisches Bundesamt, 23.07.2026).
Wer Menschen beschäftigt, arbeitet also gut zehnmal so häufig überlang wie jemand, der angestellt ist. Das ist kein Lebensstil, den man wählt. Das ist eine Eigenschaft der Rolle.
Aufschlussreicher ist der Abstand zwischen den beiden Gruppen von Selbstständigen. Zwischen 23,0 und 44,5 Prozent liegt kein gradueller Übergang, sondern ein Sprung. Er passiert nicht in dem Moment, in dem jemand gründet. Er passiert bei der ersten Einstellung. Wer Gehälter zu zahlen hat, verliert die Möglichkeit, in schlechten Wochen einfach weniger zu arbeiten.

Wo der Work-Life-Blend wirklich stattfindet
Die interessanteste Zahl der Erhebung wurde in der Berichterstattung kaum aufgegriffen. 30,8 Prozent der Selbstständigen mit Beschäftigten arbeiteten 2025 regelmäßig zwischen 18 und 23 Uhr. Bei Angestellten war es gut jede siebte Person, also 13,4 Prozent. Der Unterschied ist deutlich.
Bei echter Nachtarbeit zwischen 23 und 6 Uhr aber verschwindet er vollständig. 4,2 Prozent der Selbstständigen mit Beschäftigten arbeiten nachts, bei Angestellten sind es 4,3 Prozent. Praktisch identisch.
Damit fällt ein Bild in sich zusammen, das in der Gründerkultur seit Jahren gepflegt wird. Die Figur, die um drei Uhr morgens am Produkt sitzt, ist statistisch eine Randerscheinung – und zwar in beiden Gruppen gleichermaßen. Was Selbstständige von Angestellten trennt, ist nicht die Nacht. Es ist der Abend.
Der Blend beginnt nicht nachts um drei, sondern abends um acht.
Für alle, die noch überlegen zu gründen, ist das die praktisch nützlichere Information. Die Frage lautet nicht, ob man Nächte durchhält. Sie lautet, was in den fünf Stunden zwischen 18 und 23 Uhr passieren soll – und wer sonst noch etwas von diesem Fenster will. Partner, Freundeskreis, Sport, Familie: Sie alle konkurrieren um exakt denselben Zeitraum. Wie sich hohe Leistung organisieren lässt, ohne dass dieses Fenster vollständig dem Unternehmen gehört, zeigt unser Blick auf High Performance ohne Burnout.
Die Mehrheit wählt einen dritten Weg
Wer die Balance-Blend-Frage für die zentrale Entscheidung hält, übersieht, wie in Deutschland tatsächlich gegründet wird. Rund 690.000 Menschen machten sich 2025 selbstständig, nach 585.000 im Jahr zuvor. Getragen wurde dieser Zuwachs fast vollständig vom Nebenerwerb: 483.000 Nebenerwerbsgründungen standen 206.000 Vollerwerbsgründungen gegenüber. Die Zahl der Vollerwerbsgründungen veränderte sich kaum. Das entspricht einem Nebenerwerbsanteil von 70 Prozent – so berichtet es der KfW-Gründungsmonitor 2026, der auf 50.000 repräsentativen Interviews beruht.
Die deutsche Antwort auf die Frage nach Balance oder Blend lautet also weder das eine noch das andere. Sie lautet: erst einmal nebenbei. Wer den Job behält, muss die Frage nach der Grenze gar nicht beantworten – die Grenze zieht der Arbeitsvertrag.
Diese Gründerinnen und Gründer sind jung. Das Durchschnittsalter lag 2025 bei 34,2 Jahren, 40 Prozent waren unter 30, und mehr als ein Fünftel der jungen Gründenden startete direkt aus dem Studium heraus. Auch die Bereitschaft ist in dieser Altersgruppe am höchsten: 36 Prozent der unter 30-Jährigen wären lieber selbstständig als angestellt, im Bevölkerungsschnitt sind es 26 Prozent. Anfang der Nullerjahre lag dieser Wert bei den Jüngeren allerdings noch bei rund 50 Prozent. Dass diese Generation deshalb keineswegs arbeitsscheu ist, sondern schlicht nachrechnet, haben wir im Kommentar Gen Z ist nicht faul auseinandergenommen.
Dr. Dirk Schumacher, Chefvolkswirt der KfW, führt das auf zwei gegenläufige Kräfte zurück: „Einerseits nehmen vor allem viele junge Menschen über die Medien erfolgreiche Gründer wahr, seien es Start-up-Unternehmer oder Influencer, die als Rollenvorbilder für eine Selbstständigkeit dienen. Andererseits wird in Deutschland im Vergleich zu früher viel weniger gegründet. Dadurch kommen die Menschen auch seltener mit Selbstständigen in Kontakt, Rollenvorbilder im direkten Umfeld fehlen.“ Wie eine Generation gründet, die ihre Vorbilder überwiegend auf dem Bildschirm findet, ist damit auch eine Frage der Erwartungen an den eigenen Alltag.
Der Einwand: Stunden messen die falsche Sache
Gegen die Fixierung auf Stundenzahlen spricht eine belastbare deutsche Untersuchung. Ab Februar 2024 begleitete ein Team der Universität Münster unter der wissenschaftlichen Leitung von Prof. Dr. Julia Backmann 45 Organisationen durch einen sechsmonatigen Test der Vier-Tage-Woche, organisiert von der Berliner Beratung Intraprenör gemeinsam mit der Organisation 4 Day Week Global. Die Ergebnisse wurden am 18. Oktober 2024 vorgestellt.
Bei reduzierter Arbeitszeit blieben Umsatz und Gewinn im Rahmen des Vorjahres – die leichten Zuwächse waren statistisch nicht signifikant. Entscheidend ist, wie das gelang: Die kürzere Zeit wurde nicht durch Überstunden ausgeglichen. Jeweils über 60 Prozent der Belegschaften nannten stattdessen den Abbau von Ablenkungen und die Optimierung von Prozessen, gut die Hälfte der Unternehmen änderte die Meetingkultur, ein Viertel führte neue digitale Werkzeuge ein.
Das Potenzial der verkürzten Arbeitszeit scheint unter komplizierten Prozessen, Meetings und geringer Digitalisierung zu schlummern.
Carsten Meier, Managing Partner von Intraprenör und Co-Initiator der Pilotstudie
Die gemessenen Gesundheitseffekte fielen dabei moderat aus. Die Teilnehmenden berichteten von weniger Stress, per Fitness-Tracker schliefen sie im Schnitt 38 Minuten pro Woche länger als die Kontrollgruppe – gut fünf Minuten pro Nacht. Beeindruckender ist die Nachhaltigkeit: Mehr als 70 Prozent der Organisationen wollten die Vier-Tage-Woche über die Pilotphase hinaus fortführen. Details finden sich in der Zusammenfassung der Universität Münster.
Der Einwand hat eine klare Grenze. Die Studie untersuchte Angestellte, nicht Gründende. Ein Team kann interne Meetings streichen. Eine Gründerin kann einen Kundentermin nicht an eine bessere Prozesslandschaft delegieren. Der Kern bleibt trotzdem übertragbar: Der Hebel liegt in der Struktur der Arbeit, nicht in ihrer Dauer. Disziplin heißt in diesem Zusammenhang nicht, länger durchzuhalten. Sie heißt zu entscheiden, was in die Stunden hineinkommt, die ohnehin verplant sind. Manche Gründer verlegen dafür gleich den Arbeitsort: Warum Reisen zum Wettbewerbsvorteil werden kann, beschreibt unser Text zum Digital Nomad 2.0.
Was daraus folgt – für alle, die noch nicht gegründet haben
Erstens: Der Nebenerwerb ist kein Kompromiss, sondern der Normalfall. Sieben von zehn Gründungen in Deutschland starten so. Die Gewerbeanmeldung kostet je nach Gemeinde zwischen 15 und 65 Euro – in Berlin 26 Euro, in Hamburg 20 Euro, in München 47 Euro. Wer einen freien Beruf ausübt, zahlt dafür nichts und meldet sich über den Fragebogen zur steuerlichen Erfassung bei ELSTER an.
Zweitens: Die Kleinunternehmerregelung setzt die Grenze, bis zu der es steuerlich schlank bleibt. Seit dem 1. Januar 2025 gelten nach § 19 UStG zwei Schwellen: 25.000 Euro Nettoumsatz im Vorjahr und 100.000 Euro im laufenden Jahr. Wer darunter bleibt, weist auf Rechnungen keine Umsatzsteuer aus und reicht keine Voranmeldungen ein – im Gegenzug entfällt der Vorsteuerabzug. 25.000 Euro im Jahr entsprechen rund 2.080 Euro Umsatz pro Monat. Das ist die Zahl, an der sich planen lässt (Übersicht der IHK Region Stuttgart, Stand 2026; dies ersetzt keine Steuerberatung).
Drittens: Wer aus der Hochschule gründet, sollte das EXIST-Gründungsstipendium kennen. Nach der Förderrichtlinie reicht das Stipendium von 1.000 Euro monatlich für Studierende bis 3.000 Euro für Promovierte, maximal zwölf Monate. Dazu kommen bis zu 10.000 Euro Sachausgaben bei einer Einzelgründung, bis zu 30.000 Euro im Team von bis zu drei Personen und bis zu 5.000 Euro für Coaching und Gründungsberatung. Angesichts dessen, dass mehr als ein Fünftel der jungen Gründenden 2025 aus dem Studium heraus startete, ist das die relevanteste Finanzierungsquelle dieser Gruppe.
Viertens: Das Abendfenster gehört geplant, bevor irgendetwas anderes geplant wird. Die Statistik sagt, dass zwischen 18 und 23 Uhr entschieden wird, ob ein Vorhaben neben dem Job Bestand hat. Wer nicht benennen kann, welche Abende der Woche fest reserviert sind – und welche ausdrücklich nicht –, überlässt diese Entscheidung dem Zufall.
Der eigentliche Engpass ist nicht die Zeit
Die Gründungsbereitschaft im deutschen Startup-Ökosystem sinkt. 78 Prozent der Befragten würden erneut ein Startup gründen, nach 84 Prozent 2024 und 90 Prozent 2023, so der Deutsche Startup Monitor 2025 mit 1.846 Befragten. Bemerkenswert ist, was die Befragten als Gründe für einen Wechsel ins Ausland angeben: weniger Bürokratie (88 Prozent) und besserer Kapitalzugang (71 Prozent). Arbeitsbelastung taucht in dieser Aufzählung nicht auf.
Das ist der eigentliche Befund. Wer in Deutschland aufgibt, tut es selten, weil die Woche zu lang war. Er tut es, weil zu viel dieser Woche in Dinge floss, die mit dem Produkt nichts zu tun hatten. Der Mikrozensus misst, wie lange gearbeitet wird. Er misst nicht, woran.
Für die kommenden Jahre heißt das: Die Balance-Blend-Debatte beschreibt ein Gefühl, der Mikrozensus beschreibt eine Struktur. Solange 70 Prozent der Gründungen im Nebenerwerb entstehen, entscheidet sich die deutsche Gründungsdynamik nicht an der Frage, wie viel jemand arbeiten will – sondern daran, ob fünf Abendstunden pro Woche ausreichen, um an einem Vorhaben ernsthaft weiterzukommen. Das ist keine Frage der Disziplin. Das ist eine Frage dessen, wie viel Reibung zwischen einer Idee und ihrem ersten Kunden liegt.
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