Wirtschaft in Österreich und der Schweiz: Warum der DACH-Raum kein Markt ist, sondern drei

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Wirtschaft Österreich Schweiz: Besprechungsraum über einer Alpenstadt mit Finanzcharts

Die Wirtschaft in Österreich und der Schweiz lief im ersten Halbjahr 2026 auseinander – belegt durch zwei Bilanzen, die neun Tage auseinanderlagen. Österreichs Startups sammelten rund 472 Millionen Euro ein, ein Plus von 329 Prozent. Schweizer Startups kamen im selben Zeitraum auf 1,25 Milliarden Franken, 15,5 Prozent weniger als ein Jahr zuvor. Wer Österreich und die Schweiz als Anhängsel des deutschen Marktes behandelt, verwechselt eine gemeinsame Sprache mit einem gemeinsamen Markt.

Auf einen Blick

  • 472 Mio. Euro Risikokapital flossen im ersten Halbjahr 2026 in österreichische Startups – plus 329 Prozent, bei 97 Finanzierungsrunden (Halbjahresrekord).
  • 1.245 Mio. Franken gingen im selben Zeitraum an Schweizer Startups – minus 15,5 Prozent, bei stabilen 123 Investments.
  • 12,5 Prozent beträgt der Anteil heimischer Kapitalgeber an österreichischen Runden über 10 Mio. Euro. Ein Jahr zuvor waren es rund 80 Prozent.
  • 97.500 US-Dollar BIP pro Kopf erreichte die Schweiz 2025 kaufkraftbereinigt (Rang 8 weltweit), Österreich 75.000 Dollar (Rang 21).
  • 78 zu 55 Prozent lautet das Verhältnis der Exportquoten: So viel ihres BIP führten Schweiz und Österreich 2025 aus.

Quellen: EY Österreich & invest.austria, Start-up Investment Barometer, 23. Juli 2026; Startupticker.ch & SECA, Swiss Venture Capital Report Update H1 2026, 14. Juli 2026; „Die Volkswirtschaft“ (Seco), 14. April 2026. Stand: Juli 2026.

Am 14. Juli veröffentlichten das Portal Startupticker.ch und die Investorenvereinigung SECA ihr Halbjahres-Update zum Swiss Venture Capital Report. Ergebnis: 1.245 Millionen Franken, 123 Investments, ein Rückgang von 15,5 Prozent gegenüber dem Vorjahreshalbjahr. Neun Tage später meldete EY Österreich gemeinsam mit invest.austria 472 Millionen Euro und 97 Finanzierungsrunden – so viele wie nie zuvor in einem Halbjahr.

Zwei Nachbarländer, derselbe Zeitraum, gegenläufige Kurven. Für Unternehmer, die von Deutschland aus denken, ist das keine Statistikkuriosität. Es ist der Beleg dafür, dass „DACH“ als Marktbegriff nichts erklärt. Wer sein Vertriebs-, Personal- und Finanzierungsmodell aus Berlin oder München nach Wien und Zürich kopiert, überträgt es in zwei Volkswirtschaften mit anderer Industriestruktur, anderer Währungslogik und – das ist die teuerste Differenz – anderen Kapitalquellen.

Wirtschaft in Österreich und der Schweiz: Warum Sprung und Delle dieselbe Ursache haben

Österreichs Zahl sieht spektakulärer aus, als sie ist. Die durchschnittliche Ticketgröße stieg laut EY von 2,0 auf 6,3 Millionen Euro, den höchsten Halbjahreswert seit 2022. Getragen wurde der Sprung von zwei Runden über je 100 Millionen Euro: dem Getränkehersteller waterdrop und dem Bauindustrie-Unternehmen Gropyus. Nimmt man diese beiden heraus, bleibt ein solider, aber kein rekordverdächtiger Markt.

Die Schweiz zeigt das umgekehrte Bild: Der Gesamtbetrag sank, die Zahl der Investments blieb mit 123 konstant – der mehrjährige Abwärtstrend bei den Deals ist gestoppt. Verschoben hat sich die Zusammensetzung. Hardware-Startups verbuchten mit über 324 Millionen Franken einen Halbjahresrekord, mehr als 60 Prozent über der bisherigen Bestmarke. Große Biotech-Runden blieben dagegen aus – und weil Zürich stark von Biotech und ICT lebt, schneidet der Kanton laut SECA-Auswertung historisch schlecht ab. Vorn liegt stattdessen der Kanton Waadt mit über 330 Millionen Franken.

Beide Bewegungen haben denselben Treiber: internationales Kapital, das sich Sektoren sucht, nicht Länder. Es fließt gerade in Deep Tech und Hardware – und dorthin, wo die Unternehmen sitzen.

Wer die großen Schecks schreibt, sitzt nicht mehr in Wien

Das ist die Zahl, die ein Gründer in Wien sich notieren sollte. Bei Finanzierungen bis eine Million Euro stellen österreichische Investoren noch 74 Prozent aller beteiligten Kapitalgeber. Zwischen einer und zehn Millionen sind es 36 Prozent. Oberhalb von zehn Millionen Euro: 12,5 Prozent. Im ersten Halbjahr 2025 lag dieser Wert noch bei rund 80 Prozent.

Je größer die Finanzierungsrunde, desto internationaler wird die Kapitalbasis.

Florian Haas, Head of Start-up bei EY Österreich

Von mindestens 230 namentlich bekannten Investoren im ersten Halbjahr saßen 116 in Österreich, 49 in Deutschland, 11 in der Schweiz, 7 in den USA. Sieben der zehn größten Runden kamen ganz ohne österreichische Beteiligung zustande. Wer also eine Series A – die erste größere institutionelle Finanzierungsrunde – für 2027 plant, baut faktisch eine internationale Investorenliste, nicht eine österreichische.

Daniela Haunstein, Managing Director von invest.austria, benennt das Folgeproblem präzise: Wenn Aushängeschilder wie Tractive oder zuletzt Emmi AI – im ersten Halbjahr 2026 von Mistral übernommen – erfolgreich verkauft werden, „fließt das Geld nur dann in unseren Kreislauf zurück, wenn heimische Geldgeber:innen an Bord waren“. Ein Exit ohne lokale Investoren ist für das Ökosystem ein Nullsummenspiel. Genau deshalb drängt die Branche auf den angekündigten Dachfonds – ein staatlich mitfinanzierter Fonds, der wiederum in VC-Fonds investiert.

Der Franken ist keine Währung, er ist ein Filter

Die Kapitalmarktzahlen sind ein Ausschnitt. Die strukturelle Differenz ist älter und größer. Die Ökonomen Vincent Pochon und Philipp Wegmüller vom Schweizer Staatssekretariat für Wirtschaft haben sie im April 2026 im Seco-Fachmagazin „Die Volkswirtschaft“ aufgeschlüsselt: Zwischen 2006 und 2025 wuchs das reale BIP pro Kopf in der Schweiz um rund 17 Prozent, in Österreich um knapp 10. 2025 lag die Schweiz damit etwa fünf Prozent über dem Vorkrisenniveau von 2019 – Österreich noch immer knapp darunter.

Die Erklärung liegt nicht in der Sektorgröße: In beiden Ländern entfallen über 60 Prozent der Wertschöpfung auf Dienstleistungen, der Industrieanteil liegt jeweils bei einem Fünftel. Entscheidend ist die Spezialisierung. Österreich ist auf mittlere Technologien ausgerichtet: Maschinenbau, energieintensive Metallerzeugnisse, Fahrzeugteile. Dafür stehen Namen wie voestalpine, OMV, Andritz oder Red Bull. Die Schweizer Industrie konzentriert sich auf forschungsintensive Nischen – Pharma, Chemie, Präzisionsinstrumente, spezialisierte Maschinen – mit Roche, Nestlé oder Swatch als Aushängeschildern.

Dazu kommt der Absatzmarkt. Österreich ist eng mit Deutschland und Mittel-/Osteuropa verflochten und geriet nach der Pandemie in den Sog der deutschen Industrierezession. Die Schweiz verkauft breiter – nach Nordamerika und Asien – und wurde vom schwachen Euroraum weniger gebremst.

Und dann ist da der Franken. Er steht seit Jahren unter Aufwertungsdruck und macht Schweizer Exporte teurer. Pochon und Wegmüller lesen ihn trotzdem als Vorteil: als Disziplinierungsmechanismus. Wer unter permanentem Aufwertungsdruck exportieren will, muss schwer ersetzbare Produkte anbieten. Preiswettbewerb funktioniert dort nicht. Für Anbieter aus Deutschland heißt das: Der Markt verzeiht keine mittelmäßige Qualität zum mittleren Preis.

Gegenperspektive: Die Alpenmärkte sind kleiner, als sie sich anfühlen

Gegen die These lässt sich einiges anführen. Beide Länder haben zusammen etwa 18 Millionen Einwohner, ein Fünftel des deutschsprachigen Raums. Österreichs 472 Millionen Euro sind, gemessen an europäischen Wachstumsrunden, kein großer Kapitalmarkt. Zwei Deals machten daraus einen Rekord.

Auch das Argument, Österreich sei rechtlich besonders gründerfreundlich geworden, hält der Prüfung nur teilweise stand. Die zum 1. Januar 2024 eingeführte Flexible Kapitalgesellschaft (FlexKapG oder FlexCo) sollte Mitarbeiterbeteiligung vereinfachen. Nach zwei Jahren existieren laut Praxisauswertungen rund 1.300 FlexCos – gegenüber mehr als 200.000 bestehenden GmbHs. Der erwartete Boom blieb aus, auch weil das abgesenkte Mindeststammkapital von 10.000 Euro laut WKO zeitgleich auch für die klassische GmbH gilt und Risikokapitalgeber weiterhin GmbH-Strukturen bevorzugen.

Die ehrliche Lesart lautet deshalb nicht: Österreich und die Schweiz sind die besseren Märkte. Sie lautet: Es sind Margenmärkte, keine Volumenmärkte. Wer dort Stückzahlen sucht, wird enttäuscht. Wer Deckungsbeitrag sucht, findet ihn.

Was daraus folgt – für Unternehmer, die bereits operieren

Erstens, zur Finanzierung: Wer in Österreich eine Runde über zehn Millionen Euro plant, sollte die Investorenansprache zwölf bis achtzehn Monate vorher international aufsetzen. Die 12,5-Prozent-Zahl ist kein Stimmungsbild, sondern eine Verteilung. Deutsche Fonds waren mit 49 aktiven Investoren die zweitgrößte Gruppe im Land – für ein österreichisches Unternehmen ist München näher als Wien.

Zweitens, zur Beteiligung: Die FlexCo erlaubt Unternehmenswert-Anteile – eine eigene Anteilsklasse für Mitarbeitende – mit Nennbeträgen ab einem Cent und bis zu 24,9999 Prozent des Stammkapitals. Das ist ein echtes Instrument, aber kein Grund zum Rechtsformwechsel aus Signalgründen. Bei 1.300 Gesellschaften in zwei Jahren ist die Form Nische, nicht Standard.

Drittens, zur Schweiz: Preislisten nicht umrechnen, sondern neu kalkulieren. Wer Euro-Preise zum Tageskurs in Franken überträgt, verschenkt Marge in einem Markt, dessen Zahlungsbereitschaft strukturell über der deutschen liegt. Und wer Hardware oder Deep Tech baut, sollte zur Kenntnis nehmen, dass das Kapital derzeit in der Westschweiz sitzt: Drei der vier Hardware-Deals unter den zehn größten Runden gingen an Startups aus dem Kanton Waadt.

Viertens, zur Reihenfolge: Für Schweizer Unternehmen ist Österreich häufig das Einfallstor in den EU-Binnenmarkt – die Schweiz ist der drittgrößte Investor in Österreich, und Österreich erzielt gegenüber der Schweiz Jahr für Jahr einen Handelsbilanzüberschuss. Umgekehrt gilt: Wer aus Deutschland zuerst nach Wien geht, kauft sich EU-Recht und CEE-Zugang. Wer zuerst nach Zürich geht, kauft sich Marge und eine Zollgrenze.

Ausblick

Kurzfristig spricht wenig für eine Angleichung. Die Schweizer Investoren zeigten sich in der SECA-Umfrage optimistischer als vor einem Jahr, doch Fundraising bleibt ihre größte Hürde, und 21 Exits im laufenden Jahr sind kein Aufbruchssignal. In Österreich hängt der Aufschwung weniger an internationalen Fonds als daran, ob heimisches Wachstumskapital – über Pensionskassen, Versicherungen und den geplanten Dachfonds – mobilisiert wird. Bis dahin bleibt der österreichische Markt an fremden Zyklen aufgehängt.

Für Unternehmer heißt das vor allem eines: Der DACH-Raum ist kein Markt mit drei Postleitzahlen, sondern drei Märkte mit einer gemeinsamen Sprache. Wer das in seiner Planung abbildet, arbeitet mit besseren Annahmen als der Wettbewerb, der weiter „D-A-CH“ in eine Zeile schreibt. Wie sich die Kapitalseite in Deutschland selbst entwickelt, haben wir im Überblick zum deutschen Venture-Capital-Markt 2026 aufgeschlüsselt.

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