Warum alles teurer wird – und wer wirklich schuld ist

0
84

Der Supermarktbon, die Nebenkostenabrechnung, die Restaurantrechnung. Alles ist teurer geworden, und je nachdem, wen du fragst, bekommst du eine andere Schuldzuweisung: die Gier der Konzerne, die Notenbanken, der Krieg, die Politik. Alle vier Antworten haben einen wahren Kern. Keine erklärt allein, was passiert ist.

Die Frage nach der Schuld ist deshalb die falsche Frage. Die richtige lautet: Über welche Kanäle entstehen Preissteigerungen überhaupt, welcher davon hat 2021 bis 2023 am meisten getragen, und wer profitiert von einem sinkenden Geldwert.

Dieser Text erklärt die Mechanik. Wie die aktuelle Lage aussieht, was Notenbanken gerade tun und was das für Kapitalkosten bedeutet, steht in unserer Analyse dazu, was Gründer und Investoren 2026 über Inflation wissen müssen.

Auf einen Blick

  • Die Inflationsrate in Deutschland lag 2022 im Jahresdurchschnitt bei 7,9 Prozent, im Oktober 2022 bei 10,4 Prozent. Energie verteuerte sich um 34,7 Prozent, Nahrungsmittel um 13,4 Prozent (Statistisches Bundesamt, Januar 2023).
  • Die Geldmenge M3 im Euroraum wuchs im Januar 2021 mit 12,5 Prozent gegenüber dem Vorjahr – der höchste Wert seit der Finanzkrise (Deutsche Bundesbank, Februar 2021).
  • Die EZB-Studie von Arce, Ciccarelli, Kornprobst und Montes-Galdón (2024) kommt zu dem Schluss, dass Angebotsfaktoren die Hauptrolle spielten und ein überhitzter Arbeitsmarkt nur einen kleinen Beitrag leistete.
  • Steigende Unternehmensgewinne erklärten rund 45 Prozent des Anstiegs des Konsumdeflators zwischen Anfang 2022 und Anfang 2023, Importpreise rund 40 Prozent (Hansen, Toscani und Zhou, IWF-Arbeitspapier 2023).
  • Die deutsche Schuldenquote sank von 69,3 Prozent (2021) auf 63,7 Prozent (2023), ohne dass der Schuldenstand gesunken wäre (Deutsche Bundesbank).

Die monetäre Erklärung und was an ihr dran ist

Milton Friedmans Satz, Inflation sei immer und überall ein monetäres Phänomen, ist der Ausgangspunkt jeder ernsthaften Debatte. Die Logik ist einfach und robust: Wenn die Geldmenge schneller wächst als die Menge der produzierten Güter, verteilt sich mehr Kaufkraft auf dieselben Waren. Preise sind das Tauschverhältnis zwischen Geld und Gütern, nicht mehr.

Die Daten geben dem Argument zunächst recht. Die Jahreswachstumsrate der Geldmenge M3 im Euroraum erreichte im Januar 2021 12,5 Prozent, nach 12,4 Prozent im Dezember 2020 (Deutsche Bundesbank, Februar 2021). Anleihekäufe, Notkredite und staatliche Transferprogramme trafen auf eine Volkswirtschaft, die pandemiebedingt weniger produzierte. Wer damals auf die Geldmenge schaute, sah die Inflation früher kommen als die meisten Prognosemodelle der Notenbanken.

Der Einwand ist ebenso hart. Zwischen Geldmengenwachstum und Inflation liegt kein stabiler Zusammenhang. In den zehn Jahren nach der Finanzkrise wuchs die Geldmenge im Euroraum kräftig, die Inflation blieb hartnäckig unter dem EZB-Ziel von zwei Prozent. Genau daran ist die Geldmengensteuerung als geldpolitische Strategie in den 1980er- und 1990er-Jahren gescheitert: Der zeitliche Vorlauf ist variabel, die Größenordnung nicht vorhersagbar. Als Warnsignal taugt die Geldmenge. Als vollständige Erklärung nicht.

Was 2021 bis 2023 tatsächlich passiert ist

Der Vorteil dieser Inflationsepisode: Sie ist inzwischen gründlich erforscht. Die EZB hat in einem Occasional Paper von Óscar Arce, Matteo Ciccarelli, Antoine Kornprobst und Carlos Montes-Galdón (2024) das Modell von Bernanke und Blanchard auf den Euroraum angewendet. Ergebnis: Angebots- und Nachfragefaktoren wirkten zusammen, aber die Angebotsseite spielte die Hauptrolle.

Energiepreise lieferten zwischen dem zweiten Quartal 2021 und dem ersten Quartal 2023 die größten positiven Beiträge. Nahrungsmittelpreise kamen ab Anfang 2022 hinzu, mit geringerer Wucht. Lieferkettenengpässe trafen auf nachgeholte Nachfrage und wirkten im Euroraum hartnäckiger als in den USA. Und der Punkt, der die politische Debatte am stärksten korrigiert: Für einen überhitzten Arbeitsmarkt fanden die Autoren nur kleine Effekte und keine belastbaren Hinweise darauf, dass Lohnwachstum die Inflation getrieben hätte.

Die deutschen Zahlen passen dazu. 2022 stiegen die Verbraucherpreise im Jahresdurchschnitt um 7,9 Prozent, im Oktober 2022 lag die Rate bei 10,4 Prozent. Der Treiber war eindeutig: Energie verteuerte sich um 34,7 Prozent, Nahrungsmittel um 13,4 Prozent (Statistisches Bundesamt, Januar 2023). Danach fiel die Rate auf 5,9 Prozent im Jahr 2023 und auf jeweils 2,2 Prozent 2024 und 2025 – im Wesentlichen, weil der Energiepreisschock auslief.

Die ehrliche Zusammenfassung: Die lockere Geldpolitik bereitete den Boden, indem sie Nachfrage stützte und Preiserhöhungen durchsetzbar machte. Ausgelöst und getragen wurde die Welle aber von realen Knappheiten – Gas, Öl, Container, Halbleiter, Getreide.

Gierflation: Was die Forschung wirklich gefunden hat

Der Vorwurf, Unternehmen hätten den Schock genutzt, um Preise über die Kostensteigerung hinaus anzuheben, ist keine bloße Kampfvokabel. Er ist untersucht worden, und die Ergebnisse sind für beide Lager unbequem.

Die EZB selbst stellte im Wirtschaftsbericht 4/2023 fest, dass Stückgewinne über drei Quartale hinweg rund 60 Prozent des Wachstums des BIP-Deflators ausmachten. Der BIP-Deflator lag im ersten Quartal 2023 bei 6,2 Prozent, verglichen mit durchschnittlich 1,6 Prozent zwischen 1999 und 2019. Im Sektor der nichtfinanziellen Kapitalgesellschaften steuerten Betriebsüberschüsse brutto knapp die Hälfte des inländischen Preisdrucks bei. Ein Arbeitspapier des Internationalen Währungsfonds von Niels-Jakob Hansen, Frederik Toscani und Jing Zhou (2023) kam auf rund 45 Prozent Beitrag inländischer Gewinne zur Veränderung des Konsumdeflators zwischen dem ersten Quartal 2022 und dem ersten Quartal 2023 – bei rund 40 Prozent durch Importpreise und rund 25 Prozent durch Arbeitskosten.

So weit die Zahlen, die in Schlagzeilen landen. Der zweite Teil landet dort selten. Die EZB hat ihren eigenen Indikator im Wirtschaftsbericht 4/2024 vom 20. Juni 2024 kritisch überprüft: Stückgewinne werden am BIP gemessen, und das BIP enthält Vorleistungen wie Energie und Material nicht. Rechnet man mit dem Gesamtangebot, also BIP plus Importe, dreht sich das Bild: 2022 sind die Gewinnmargen nach dieser Messung gesunken, die Unternehmen haben den Importpreisschock also teilweise abgefedert. 2023 stiegen sie, aber vor allem weil die Importpreise fielen, nicht weil aggressiver bepreist wurde.

Bleibt eine differenzierte Antwort: Gewinne waren buchhalterisch ein großer Teil des gemessenen Preisanstiegs, weil Unternehmen den externen Kostenschock weitergaben und die Löhne zunächst zurückblieben. Ein flächendeckender Gierschub lässt sich daraus nicht ableiten. Wo Preissetzungsmacht konzentriert ist, funktioniert die Weitergabe allerdings besser – wie Marktmacht entsteht und wann sie für die Wirtschaft gefährlich wird, ist deshalb die relevantere Frage als die nach der Gesinnung von Vorständen. Auf der Ebene des einzelnen Regals kommen zusätzlich Effekte dazu, die nichts mit Kosten zu tun haben und alles mit Wahrnehmung: wie Preise über Ankereffekte dein Gehirn manipulieren, ist in Phasen hoher Inflation besonders wirksam, weil Referenzpreise verschwimmen.

„Inflation ist die heimlichste aller Steuern – sie trifft die Ärmsten am härtesten und wird von der Politik am wenigsten erklärt.“

Wer wirklich gewinnt: Schuldner und der Staat

Inflation verteilt um, und zwar nach einer sehr simplen Regel: Wer nominal fixierte Schulden hat, gewinnt. Wer nominal fixierte Forderungen hat, verliert. Ein Kredit über 300.000 Euro zu festem Zins bleibt nominal gleich groß, während Einkommen und Preise um ihn herum steigen. Die reale Last schrumpft. Genau deshalb ist die Frage, wann Fremdkapital strategisch klüger ist als Eigenkapital, in einem inflationären Umfeld anders zu beantworten als in einem stabilen.

Der größte Schuldner ist der Staat, und bei ihm lässt sich der Effekt exakt beziffern. Die deutsche Schuldenquote sank von 69,3 Prozent des BIP (2021) auf 66,4 Prozent (2022) und 63,7 Prozent (2023). Der Schuldenstand selbst ist in diesen Jahren nicht gesunken, sondern auf 2,62 Billionen Euro gestiegen (Deutsche Bundesbank). Geschrumpft ist nur das Verhältnis zur nominalen Wirtschaftsleistung, die die Inflation aufblähte. Der Staat hat nichts zurückgezahlt und steht trotzdem besser da.

Dazu kommt die zweite, direktere Einnahme: die kalte Progression. Wenn dein Lohn nur die Inflation ausgleicht, du aber durch den progressiven Tarif in eine höhere Durchschnittsbelastung rutschst, zahlst du mehr Steuern bei unverändertem Realeinkommen. Der Sechste Steuerprogressionsbericht der Bundesregierung beziffert die Wirkung für 2024 auf 9,6 Milliarden Euro; rund 35,1 Millionen Steuerpflichtige waren mit durchschnittlich 273 Euro betroffen. Für 2025 nennt der Bericht 7,9 Milliarden Euro.

Deutschland gleicht diesen Effekt inzwischen weitgehend aus, aber nur, weil der Gesetzgeber es jedes Mal aktiv beschließt. Das Inflationsausgleichsgesetz vom 8. Dezember 2022 verschob die Tarifeckwerte für 2023 und 2024, das Steuerfortentwicklungsgesetz tat dasselbe für 2025 und 2026 – mit einem Entlastungsvolumen von rund 3,4 Milliarden Euro für 2025 und weiteren 2,8 Milliarden Euro für 2026 (Bundesministerium der Finanzen). Eine Verschiebung aller Tarifeckwerte um einen Prozentpunkt kostet den Staat rund 2,6 Milliarden Euro jährlich und betrifft etwa 49 Millionen Steuerpflichtige. Ein Automatismus ist das nicht.

Wer verliert

Auf der anderen Seite stehen alle, deren Vermögen nominal fixiert ist: Sparbuch, Tagesgeld, Festgeld, klassische Lebensversicherung, langlaufende Anleihen mit niedrigem Kupon. Die Bundesbank misst für 2021 bis 2023, dass die durchschnittlichen Vermögensbestände je Haushalt in Deutschland nominal leicht zulegten, real aber zurückgingen. Der Verlust erscheint auf keinem Kontoauszug, weil dort der nominale Betrag steht.

Getroffen werden außerdem Arbeitnehmer, deren Löhne der Preisentwicklung hinterherlaufen. Die Reallöhne in Deutschland sanken 2022 um 4,0 Prozent gegenüber dem Vorjahr (Statistisches Bundesamt, revidierte Zahlen, April 2023) – der stärkste Rückgang seit Beginn der Zeitreihe. Und weil Haushalte mit niedrigem Einkommen einen deutlich größeren Anteil ihres Geldes für Energie und Nahrungsmittel ausgeben, also genau für die beiden Kategorien mit den höchsten Steigerungsraten, war ihre effektive Inflationsrate höher als der veröffentlichte Durchschnitt.

Die geldpolitische Antwort trifft dann wieder alle, nur anders: Steigende Leitzinsen bremsen Preise, indem sie Kredite verteuern und Investitionen ausbremsen. Für junge Unternehmen ist das der spürbarste Kanal überhaupt, und warum Zinsen für Startups alles verändern, lässt sich an jeder Finanzierungsrunde der letzten Jahre ablesen.

Was du daraus mitnimmst

Es gibt keinen einzelnen Schuldigen, aber es gibt eine klare Rangfolge der Kanäle: reale Angebotsschocks als Auslöser, expansive Geldpolitik als Verstärker, Preissetzungsmacht als Übertragungsmechanismus, progressive Steuertarife und nominale Schuldverträge als Verteilungsmaschine im Hintergrund. Wer eine dieser vier Ebenen zur alleinigen Erklärung erhebt, betreibt Politik, nicht Analyse.

Für dich folgt daraus eine unromantische Regel: Nominale Positionen verlieren, reale Positionen halten – bei Guthaben wie bei Krediten, nur mit umgekehrtem Vorzeichen. Wie eine ganze Generation daraus Konsequenzen zieht, zeigt der Blick auf die Gen Z am Kapitalmarkt.

Nimm deinen letzten Kontoauszug, such den Zinssatz auf deinem Tagesgeld und zieh die aktuelle Inflationsrate davon ab. Die Zahl, die übrig bleibt, ist das, was dein Geld dieses Jahr wirklich verdient.

Bleib informiert – kostenlos direkt in dein Postfach. VentureView schickt dir die wichtigsten Startup- und Wirtschaftsthemen, bevor sie jeder kennt.