Schulden als Strategie: Wann Fremdkapital klüger ist als Eigenkapital

0
105

Das Wort „Schulden“ hat in Deutschland einen schlechten Ruf. Tief verwurzelt in der Sparkultur des 20. Jahrhunderts gilt Verschuldung vielen noch immer als Zeichen von Schwäche oder Misswirtschaft. In den Zahlen ist diese Haltung inzwischen messbar – und sie wird gerade stärker, nicht schwächer.

Laut der KfW-Research-Analyse „Fokus Volkswirtschaft“ Nr. 543 vom April 2026, für die zwischen dem 13. und 21. Januar 2026 rund 2.170 Unternehmen befragt wurden, würden nur noch 27 Prozent der Unternehmen in Deutschland überhaupt einen Kredit von Banken oder Sparkassen in Betracht ziehen. 2017 waren es 66 Prozent, 2023 noch 42 Prozent. Bei Kleinstunternehmen mit bis zu zehn Beschäftigten ist der Anteil von 69 Prozent im Jahr 2017 auf 23 Prozent gefallen.

Der Grund ist nicht der Preis. Nur 37 Prozent der Befragten nannten zu hohe Zinsen. 63 Prozent gaben an, Schulden grundsätzlich vermeiden zu wollen, 50 Prozent lehnen Fremdfinanzierung prinzipiell ab. Das ist keine Rechnung, das ist eine Überzeugung. Und Überzeugungen sind teuer, wenn sie nicht überprüft werden.

Auf einen Blick

  • Nur 27 Prozent der deutschen Unternehmen ziehen laut KfW Research (April 2026) überhaupt einen Bankkredit in Betracht – 2017 waren es 66 Prozent.
  • Die EZB hält ihre Leitzinsen seit dem 17. Juni 2026 bei einem Einlagesatz von 2,25 Prozent und einem Hauptrefinanzierungssatz von 2,40 Prozent.
  • Für Unternehmenskredite im Euroraum weist die EZB-Zinsstatistik für April 2026 einen zusammengefassten Indikator von 3,62 Prozent aus; kleine Kredite bis 250.000 Euro lagen bei 3,70 Prozent.
  • Der ERP-Gründerkredit StartGeld der KfW reicht bis 200.000 Euro bei 80 Prozent Haftungsfreistellung für die Hausbank – aber mit selbstschuldnerischer Bürgschaft der Gesellschafter.
  • Das Statistische Bundesamt zählte für April 2026 2.276 Unternehmensinsolvenzen, 7,1 Prozent mehr als im Vorjahresmonat.

Zins ist ein Preis. Anteil ist ein Anspruch.

Der entscheidende Unterschied zwischen Fremd- und Eigenkapital ist nicht, was es kostet, sondern wie lange. Fremdkapital hat ein Ende. Du zahlst einen Zins, du tilgst, und irgendwann ist der Vertrag erledigt. Der Kreditgeber redet dir nicht in die Produktstrategie hinein und sitzt nicht in deinem Beirat.

Eigenkapital hat kein Ende. Wer 20 Prozent deiner Anteile hält, hält sie auch noch, wenn dein Unternehmen zehnmal so groß ist. Er hat Stimmrechte, Informationsrechte und in fast jedem Vertrag eine Liquidationspräferenz, die im schlechten Fall vor deinem Anteil bedient wird. Dafür trägt er Risiko: Geht das Unternehmen unter, verliert er sein Geld und du schuldest ihm nichts.

Diese Asymmetrie ist der ganze Punkt. Fremdkapital ist billiger, solange es gut läuft, und gefährlicher, wenn es schlecht läuft. Eigenkapital ist teurer, solange es gut läuft, und schützt dich, wenn es schlecht läuft. Wer diese Entscheidung zwischen eigenem Wachstumstempo und fremdem Kapital als Frage der Haltung führt statt als Frage der Risikoverteilung, entscheidet sie schlecht.

Was Verwässerung wirklich kostet

Rechne es einmal durch, statt es zu fühlen. Angenommen, du brauchst 500.000 Euro für den nächsten Wachstumsschritt.

Variante Eigenkapital: Du gibst 20 Prozent der Anteile ab. Wird das Unternehmen später für 20 Millionen Euro verkauft, entfallen 4 Millionen Euro auf diesen Investor. Das ist der Preis der 500.000 Euro – rund das Achtfache, und er steigt mit jedem Erfolg, den du danach erarbeitest.

Variante Fremdkapital: Nimmst du stattdessen 500.000 Euro als Annuitätendarlehen über sieben Jahre auf – zur Veranschaulichung mit einem angenommenen Zinssatz von 6 Prozent, also spürbar über dem Marktdurchschnitt von 3,62 Prozent, den die EZB für Unternehmenskredite im April 2026 ausweist –, zahlst du über die gesamte Laufzeit rund 127.000 Euro Zinsen. Die Anteile bleiben vollständig bei dir. Die Zinsen sind zudem Betriebsausgabe und mindern den steuerlichen Gewinn, während eine Beteiligung das nicht tut.

127.000 Euro gegen 4 Millionen Euro. Die Zahl wirkt eindeutig – ist es aber nur unter einer Bedingung: Du musst die Annuität von rund 90.000 Euro pro Jahr in jedem einzelnen dieser sieben Jahre aufbringen, auch in dem Jahr, in dem der größte Kunde kündigt. Der Investor bekommt in diesem Jahr nichts. Die Bank schon.

Genau deshalb ist die alte Faustregel unvollständig. Es reicht nicht, dass die Rendite des Vorhabens über den Zinskosten liegt. Der Cashflow muss die Tilgung auch dann tragen, wenn die Rendite ein Jahr lang ausbleibt. Wer diese Frage nach der passenden Finanzierungsart früh sauber durchdenkt, spart sich später teure Notlösungen.

Was die KfW anbietet – und wo die Bürgschaft steht

Für junge Unternehmen ist der ERP-Gründerkredit StartGeld (Programm 067) das relevanteste Instrument. Er reicht bis 200.000 Euro pro Vorhaben, davon bis zu 80.000 Euro für Betriebsmittel. Die Laufzeit beträgt bis zu zehn Jahre mit bis zu zwei tilgungsfreien Anlaufjahren, der Zins ist über die gesamte Laufzeit festgeschrieben. Eigenkapital ist formal nicht erforderlich. Vor allem übernimmt die KfW eine 80-prozentige Haftungsfreistellung gegenüber deiner Hausbank – der Grund, warum Gründer ohne Sicherheiten überhaupt eine Zusage bekommen.

Und hier liegt der Punkt, den viele überlesen. Die Haftungsfreistellung schützt die Bank, nicht dich. Das Merkblatt zum Programm 067 verlangt bei Gesellschaften mit beschränkter Haftung ausdrücklich eine quotale selbstschuldnerische Bürgschaft aller Gesellschafter, die über die gesamte Laufzeit bestehen bleiben muss. Wenn du also eine UG oder GmbH gerade deshalb gewählt hast, um deine Haftung zu begrenzen, dann hebst du diese Begrenzung mit deiner Unterschrift unter die Bürgschaft für den geförderten Betrag wieder auf. Die Haftungsbeschränkung der Rechtsform endet dort, wo die persönliche Bürgschaft anfängt.

Das ist kein Argument gegen den Kredit. Es ist ein Argument dafür, den Bürgschaftsumfang vor der Unterschrift zu kennen und im Zweifel zu verhandeln.

Venture Debt: der Zwischenweg, der auch verwässert

Zwischen Bankkredit und Beteiligung liegt Venture Debt – Fremdkapital für Unternehmen, die für eine klassische Bank zu jung und zu unbesichert sind. Der Markt ist im DACH-Raum spürbar vorhanden: Nach der KfW-Research-Analyse „Fokus Volkswirtschaft“ Nr. 441 wurden 2022 in Deutschland 41 Venture-Debt-Transaktionen mit einem Volumen von knapp 4 Milliarden Euro gezählt; europaweit stieg das Venture-Debt-Volumen im Verhältnis zum Venture Capital von 10 bis 15 Prozent in den Jahren 2016 bis 2021 auf 24 Prozent im Jahr 2022.

Die KfW hält in derselben Analyse fest, dass Venture Debt risikobedingt teurer ist als ein klassischer Bankkredit und dass neben Laufzeit und Zinsen häufig Warrants – also Bezugsrechte auf Anteile – sowie Covenants vereinbart werden. Damit ist das Instrument eben nicht verwässerungsfrei, sondern nur später verwässernd. Wer Venture Debt als „Eigenkapital ohne Anteilsabgabe“ verkauft bekommt, sollte den Wert der Warrants durchrechnen lassen, bevor er unterschreibt. Auch die übrigen alternativen Kapitalquellen jenseits von Bank und VC haben solche versteckten Preisbestandteile – sie stehen nur selten auf der ersten Seite des Term Sheets.

Wenn der Hebel in die andere Richtung zeigt

Ein Hebel verstärkt beide Richtungen. Das Statistische Bundesamt meldete für April 2026 2.276 beantragte Unternehmensinsolvenzen, 7,1 Prozent mehr als im April 2025; von Januar bis April 2026 waren es 8.551 Verfahren, ein Plus von 6,7 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Die Forderungen der Gläubiger summierten sich in diesen vier Monaten auf rund 13,9 Milliarden Euro.

Was in einem solchen Verlauf konkret passiert: Der Umsatz fällt, die Annuität nicht. Covenants greifen, die Bank kann fällig stellen. Die Bürgschaft wird gezogen und trifft dein Privatvermögen. Anschlussfinanzierung wird teurer, weil das Rating gesunken ist – und die Zinsen, die du zahlst, hängen an einem Umfeld, das du nicht kontrollierst. Wie stark die Zinspolitik der EZB die Planbarkeit junger Unternehmen bestimmt, merkt man erst, wenn die Zinsbindung ausläuft.

Deshalb gehören drei Größen in jede Kreditentscheidung, bevor der Zinssatz überhaupt eine Rolle spielt: die Höhe der Bürgschaft, die Höhe der monatlichen Belastung im schlechtesten realistischen Monat, und die Frage, wie viele Monate dein Unternehmen diese Belastung ohne Umsatzwachstum aushält.

Der Satz, der die Entscheidung trägt

Fremdkapital ist kein Makel und kein Erfolgsrezept. Es ist ein Werkzeug mit einer klaren Bedingung: Es passt zu Vorhaben mit planbarem Rückfluss – eine Maschine, ein Warenlager, ein Vertriebsmitarbeiter mit bekanntem Deckungsbeitrag. Es passt schlecht zu Vorhaben mit unsicherem Ausgang – ein neues Produkt, ein neuer Markt, eine Wette. Dafür ist Eigenkapital da, und genau dafür ist der höhere Preis gerechtfertigt.

Diese Einordnung ersetzt keine Beratung. Welche Struktur in deinem Fall steuerlich und haftungsrechtlich sinnvoll ist, hängt an Rechtsform, Bestandsverträgen und persönlicher Situation – das gehört zu deinem Steuerberater und zu deiner Hausbank, nicht in einen Artikel. Dass eine ganze Generation Kapitalfragen inzwischen selbst durchrechnet, statt sie zu delegieren, zeigt sich ohnehin nicht nur bei der Unternehmensfinanzierung, sondern auch daran, wie die Gen Z am Kapitalmarkt auftritt.

Nimm dein nächstes Finanzierungsvorhaben und schreibe zwei Zahlen nebeneinander auf ein Blatt: die Gesamtzinskosten über die Laufzeit und den Anteil am Unternehmenswert, den dieselbe Summe als Beteiligung kosten würde – gerechnet auf den Wert, den du in fünf Jahren erwartest. Wenn du beide Zahlen nicht nennen kannst, ist die Frage nicht Fremd- oder Eigenkapital. Dann ist die Frage, ob du das Vorhaben verstanden hast.

Bleib informiert – kostenlos direkt in dein Postfach. VentureView schickt dir die wichtigsten Startup- und Wirtschaftsthemen, bevor sie jeder kennt.