Venture Capital in Deutschland: Mehr Geld, weniger Wetten – wo der Markt 2026 steht

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Venture Capital Deutschland: Kapitalstrom konzentriert sich auf wenige große Deals – Symbolbild

Venture Capital in Deutschland hat 2025 ein Comeback erlebt: Knapp 8,4 Milliarden Euro Risikokapital flossen in deutsche Startups – ein Plus von 19 Prozent. Gleichzeitig fiel die Zahl der Finanzierungsrunden das vierte Jahr in Folge. Der Markt hat sich erholt, aber schmal: Das Geld sucht wenige große Wetten, in der Breite wird die Auswahl härter.

Auf einen Blick

  • 8,4 Mrd. € Risikokapital für deutsche Startups 2025 (+19 % ggü. Vorjahr)
  • 716 Finanzierungsrunden – vierter Rückgang in Folge
  • 18 Runden über je 100 Mio. € (Vorjahr: 12)
  • Bayern vor Berlin: 3,3 Mrd. € vs. 2,7 Mrd. €
  • 3.053 Neugründungen im 1. Halbjahr 2026 – Rekord

Quellen: EY Startup-Barometer (Jan. 2026), Startup-Verband (Juli 2026)

Die größte deutsche Finanzierungsrunde des Jahres 2025 ging nicht an einen Berliner Lieferdienst und nicht an eine Consumer-App. Sie ging an Helsing, einen Anbieter von Verteidigungs-KI aus München: 600 Millionen Euro, so viel wie kein anderes deutsches Startup im vergangenen Jahr. Sieben der zehn größten Runden entfielen laut EY Startup-Barometer vom Januar 2026 auf Bayern. Wer wissen will, wo der deutsche Venture-Capital-Markt steht, sollte bei dieser Runde beginnen – sie erzählt fast die ganze Geschichte.

Denn der Markt ist zurück, aber er ist ein anderer geworden. Es fließt wieder deutlich mehr Kapital als in den Krisenjahren 2023 und 2024. Nur verteilt es sich nicht mehr breit über das Ökosystem, sondern konzentriert sich auf wenige, große, technologisch schwere Wetten. Für Gründer ist das eine gute und eine schlechte Nachricht zugleich.

Venture Capital in Deutschland: Mehr Volumen, weniger Runden

Die Zahlen des EY Startup-Barometers zeichnen ein Bild mit Schlagseite. Knapp 8,4 Milliarden Euro Risikokapital sammelten deutsche Startups 2025 ein – 19 Prozent mehr als im Vorjahr und der dritthöchste Wert seit Beginn der Erhebung. Die Zahl der Finanzierungsrunden sank dagegen auf 716. Das sind fünf Prozent weniger als 2024. Es ist der vierte Rückgang in Folge.

Beides zusammen ergibt eine klare Diagnose: Das Kapital wird in größeren Tickets vergeben. 18 Runden über jeweils mindestens 100 Millionen Euro zählte EY im Jahr 2025, sechs mehr als im Vorjahr. Der Durchschnittsdeal wächst, die Zahl der Gelegenheiten schrumpft. Wer eine große Runde hebt, hebt sie heute leichter als 2023. Wer eine kleine sucht, konkurriert mit mehr Bewerbern um weniger Zusagen.

Auffällig bleibt außerdem, wie ungleich das Geld verteilt ist: Nur rund ein Prozent des Risikokapitals ging 2025 an rein weibliche Gründungsteams, wie EY im März 2026 vorrechnete.

Bayern vor Berlin: Das Kapital wandert zur Substanz

Der zweite Befund ist geografisch. Bayern sammelte 2025 rund 3,3 Milliarden Euro ein und liegt damit deutlich vor Berlin mit 2,7 Milliarden. Noch vor wenigen Jahren wäre diese Reihenfolge eine Sensation gewesen.

Dahinter steht eine Verschiebung dessen, was Investoren für wertvoll halten. Das billige Geld der Nullzinsjahre floss bevorzugt in schnell skalierende Konsumentenmodelle – Lieferdienste, E-Commerce, Fintech-Apps. Das teurere Geld von heute sucht Verteidigungstechnologie, Industrie-KI und DeepTech, also Geschäftsmodelle mit technologischen Eintrittsbarrieren. Der „Next Generation“-Report von Startup-Verband und startupdetector vom Juli 2026 zeigt die Folgen auch an der Spitze der Bewertungen: Berlin kommt nur noch auf 16 Einhörner, 2023 waren es 22. Die Zahl der Milliarden-Startups abseits der großen Hotspots hat sich im selben Zeitraum von fünf auf zehn verdoppelt.

Unten herrscht Gründungsfieber

Während die Finanzierungsrunden schrumpfen, passiert am unteren Ende des Marktes das Gegenteil. 3.053 Startups wurden im ersten Halbjahr 2026 in Deutschland gegründet, so viele wie in keinem Halbjahr seit Beginn der Erhebung 2019 – ein Plus von 52 Prozent gegenüber dem zweiten Halbjahr 2025 (Stand: Juli 2026, Startup-Verband). Der Juni war mit über 600 Neugründungen der stärkste Monat der Zeitreihe. Mehr als jedes dritte neue Startup hat einen KI-Bezug.

Auch die Landkarte verändert sich: Hamburg wuchs um 83 Prozent, Hessen um 82, Berlin nur um 21. Seit Jahresbeginn kamen zudem sechs neue Einhörner hinzu – deutschlandweit sind es nun 36.

Die Schere ist damit vollständig: unten Rekordgründungen, oben Rekordtickets, dazwischen ein Engpass. Genau in dieser Mitte – Series A, Series B, Wachstumsfinanzierung – entscheidet sich, ob aus dem Jahrgang 2026 internationale Unternehmen werden oder nur Handelsregistereinträge.

Vielleicht ist die Lage besser als die Klage

Man kann diese Diagnose auch anzweifeln. Wer nur auf die Volumina schaut, sieht einen Markt in bemerkenswerter Verfassung: drittbestes Jahr der Geschichte, 19 Prozent Wachstum, 36 Einhörner, Rekordgründungen. Die deutsche Klage über den Kapitalmangel, so ließe sich argumentieren, ist zum Teil Verbandsrhetorik – wer Förderprogramme und Steueranreize fordert, hat ein Interesse daran, die Lücke groß zu zeichnen. Auch die Gründungsstatistik selbst verdient einen zweiten Blick: Rund ein Fünftel der Handelsregistereinträge wird von Analysten manuell als „Startup“ klassifiziert, unter anderem nach Kriterien wie Wachstumspotenzial. Wer „KI“ in den Unternehmenszweck schreibt, dürfte es leichter in die Statistik schaffen.

„Wir laden gerade auf diese Gründungsphase so viel Bürokratie drauf wie auf die großen DAX-Konzerne.“

Verena Pausder, Vorsitzende des Startup-Verbands

Und trotzdem hält das zentrale Argument der Skeptiker der Prüfung stand. Verena Pausder, Vorsitzende des Startup-Verbands, bezifferte die Lücke im Juli 2026 im ARD-Morgenmagazin, dokumentiert vom VC Magazin: In den USA fließen pro Kopf rund 510 Euro Risikokapital, in Deutschland etwa 90. „Wir laden gerade auf diese Gründungsphase so viel Bürokratie drauf wie auf die großen DAX-Konzerne“, sagte sie dort. Die Zahlen stützen den Kern ihrer Kritik: Vier Jahre sinkende Rundenzahlen sind kein statistisches Rauschen, sondern ein Trend. Deutschland hat kein Gründungsproblem. Es hat, nach allen bisherigen Daten, ein Skalierungsproblem.

Was daraus für Gründer folgt

Für Gründer ergibt sich daraus eine unbequeme, aber klare Rechnung. Kapital ist vorhanden – für Substanz. Wer technologische Tiefe, zahlende Kunden und einen nachvollziehbaren Pfad zur Profitabilität vorweisen kann, trifft auf Investoren, die größere Schecks schreiben als je zuvor seit 2021. Wer dagegen eine Idee mit Marketingbudget skalieren will, findet den Markt von 2021 nicht mehr vor.

Drei Konsequenzen liegen nahe. Erstens: Runway konservativ planen, gerade in einem unsicheren Zinsumfeld – die nächste Runde kommt später und gegen härtere Konkurrenz. Zweitens: Die Bewertung der letzten Runde ist kein Anspruch auf die nächste. Down Rounds sind kein Makel mehr, sondern Marktpreis. Drittens: Der Standort der Kunden zählt mehr als der Standort des Büros – dass Bayern Berlin überholt hat, zeigt, dass Kapital dorthin geht, wo Industrie und Technologie sich treffen.

Bleibt die strukturelle Frage, die kein Gründer allein lösen kann: Woher kommt das Wachstumskapital? „Damit die Unternehmen, die wir hier gründen, auch groß werden können, müssen wir mehr Kapital allokieren“, fordert Pausder. Gemeint sind vor allem institutionelle Anleger wie Pensionskassen und Versicherungen, die in den USA einen erheblichen Teil des Venture-Kapitals stellen – in Deutschland bislang kaum.

Wie es weitergeht, wird sich an zwei Zahlen ablesen lassen. Steigt das Volumen weiter, während die Rundenzahl ein fünftes Jahr fällt, dann festigt sich der deutsche Markt als Ökosystem der wenigen großen Gewinner – gut für Helsing und seinesgleichen, hart für die Mitte. Drehen dagegen die Rundenzahlen, wäre das das erste Signal, dass die Rekordgründungen von 2026 auch finanziert werden. Nach bisherigen Daten spricht mehr für das erste Szenario. Sicher ist nur: Die 3.053 Gründerteams dieses Halbjahres werden die Antwort nicht auf Konferenzbühnen finden, sondern in ihren eigenen Umsatzzahlen. Das Kapital, das sie suchen, ist wählerisch geworden. Für den Standort ist das unbequem – für die Qualität der Unternehmen, die ihn künftig prägen, womöglich nicht das Schlechteste.

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