580 Millionen Kredit statt Börsengang: Wie die Autodoc-Gründer ihre Firma zurückkauften

0
52
Konzeptgrafik in Navyblau: ein Eigentümerring, dessen fehlendes Segment in Bernsteingelb an seinen Platz zurückkehrt – Sinnbild für den Rückkauf der Autodoc-Anteile durch die drei Gründer.

Im Juli 2026 haben drei Gründer aus Berlin 580 Millionen Euro Fremdkapital aufgenommen, um ihren eigenen Investor auszuzahlen. Seitdem gehört Autodoc wieder vollständig Alexej Erdle, Max Wegner und Vitalij Kungel – den drei Männern, die das Unternehmen 2008 in Berlin-Weißensee als E&S Pkwteile GmbH gegründet haben. Zwei Jahre zuvor war der US-Finanzinvestor Apollo mit einer strategischen Minderheitsbeteiligung eingestiegen, bei einer Bewertung von 2,3 Milliarden Euro. Danach scheiterten zwei Anläufe an die Börse.

Apollo brauchte einen Ausgang. Der Kapitalmarkt lieferte ihn nicht. Also haben die Gründer den Ausgang selbst gebaut – mit einem Kredit statt mit einem Börsengang.

Das ist keine Randnotiz aus dem Autoteilehandel. Es ist die sauberste Demonstration einer Entscheidung, die jeder Gründer irgendwann trifft: Wem gehört das hier eigentlich, und was bist du bereit, dafür zu zahlen?

Die Zahlen des Deals

Die Struktur ist öffentlich, weil Autodoc erstmals an den institutionellen Kreditmarkt gegangen ist. Aufgeteilt sieht sie so aus:

  • 530 Millionen Euro Term Loan B, vorrangig besichert, sieben Jahre Laufzeit, verzinst mit EURIBOR plus 3,50 Prozentpunkten.
  • 50 Millionen Euro revolvierende Kreditlinie, 6,5 Jahre, EURIBOR plus 3,00 Prozentpunkte.
  • Ratings: Moody’s vergibt Ba3 mit stabilem Ausblick, S&P B+ mit positivem Ausblick.

Der Erlös fließt fast vollständig in den Rückkauf der Anteile, die von Apollo verwaltete Fonds hielten, plus Transaktionskosten. Darüber wurde eine neue Holding gestülpt, die Autodoc Holding SE. Die Gründer halten sie über die AutoTech GmbH & Co. KG. Die Börsen-Zeitung berichtet, dass der Transaktion eine Bewertung von rund vier Milliarden Euro zugrunde liegt.

Zwei Jahre, 2,3 Milliarden Euro Einstiegsbewertung, rund vier Milliarden Euro Ausstiegsbewertung. Apollo hat gut verdient. Die Gründer haben die Differenz finanziert – und dafür etwas bekommen, das sich in keiner Bilanz abbilden lässt: die Kontrolle darüber, wann und ob dieses Unternehmen an die Börse geht.

Das Geschäft, das den Kredit trägt

Ein Kredit über 530 Millionen Euro ist kein Mut, sondern eine Rechnung. Sie geht nur auf, wenn darunter ein Geschäft liegt, das verlässlich Bargeld produziert. Autodoc liegt darunter.

2025 setzte die Gruppe 1,8 Milliarden Euro um, nach rund 1,6 Milliarden Euro im Jahr davor. Im ersten Quartal 2026 waren es 484,9 Millionen Euro, ein Plus von 13,5 Prozent. Das bereinigte EBITDA stieg auf 39,4 Millionen Euro bei einer Marge von 8,1 Prozent. Der Nettogewinn verdoppelte sich auf 22,2 Millionen Euro. Entscheidend für einen Kreditgeber ist aber eine andere Zeile: Der freie Cashflow lag im ersten Quartal bei 113,1 Millionen Euro, plus 36,8 Prozent, bei 259,7 Millionen Euro Liquidität zum Quartalsende.

Dahinter stehen 9,5 Millionen aktive Kunden in zwölf Monaten, 5,1 Millionen Bestellungen allein im ersten Quartal, rund 7,8 Millionen Artikel von etwa 2.700 Herstellern, über 5.500 Mitarbeitende an 13 Standorten und 27 belieferte europäische Länder.

Grob gerechnet: Ein annualisiertes bereinigtes EBITDA von etwa 160 Millionen Euro trägt 530 Millionen Euro Schulden – gut das Dreifache. Das ist für einen Term Loan B keine aggressive Quote, sondern eine, die Ratingagenturen mit Ba3 und B+ quittieren. Genau deshalb war dieser Weg überhaupt offen. Ohne den Cashflow wäre es Wunschdenken gewesen.

Warum Schulden hier billiger waren als Anteile

Der Reflex in der Gründerszene ist Eigenkapital. Runde, Bewertung, Pressemitteilung. Autodoc hat den umgekehrten Weg genommen, und die Logik dahinter ist unbequem einfach.

Anteile kosten für immer. Zinsen kosten sieben Jahre. Wer ein Fünftel seines Unternehmens abgibt, gibt ein Fünftel jedes künftigen Gewinns ab, jedes Exit-Erlöses, jeder Dividende – ohne Enddatum. Ein Term Loan B hat ein Enddatum, einen festen Preis und keine Stimmrechte. Der Aufschlag von 3,50 Prozentpunkten über dem EURIBOR ist teuer im Vergleich zu einem Hausbankkredit und billig im Vergleich zu einem Anteil an einem Unternehmen, das seinen Umsatz seit 2021 fast verdoppelt hat.

Dazu kommt der Punkt, den Gründer regelmäßig unterschätzen: Ein Kreditgeber will sein Geld zurück, ein Gesellschafter will einen Ausstieg. Das erste ist verhandelbar und planbar, das zweite ist ein Ereignis, über das du nur teilweise bestimmst. Apollo hat zwei Jahre lang auf einen Börsengang gewartet, der nicht kam. Ein Kreditgeber hätte in derselben Zeit nur seine Zinsen kassiert und niemanden unter Druck gesetzt.

Wir haben diese Rechnung hier schon einmal aufgemacht, in Schulden als Strategie: Wann Fremdkapital klüger ist als Eigenkapital. Autodoc ist das Lehrbuchbeispiel dafür, in der größten Größenordnung, die der deutsche Mittelstandsmarkt dieses Jahr gesehen hat.

Die Bedingung ist immer dieselbe, und sie ist hart: Fremdkapital braucht Cashflow. Eigenkapital braucht eine Geschichte. Wer noch keine Kunden hat, bekommt keinen Term Loan B – der bekommt eine Runde oder gar nichts. Die Übersicht in Die 5 wichtigsten Finanzierungsarten für Startups in Deutschland zeigt, wo auf dieser Skala du gerade stehst.

Was das für dich heißt, wenn du keine 1,8 Milliarden umsetzt

Die Zahlen sind nicht übertragbar. Die Entscheidung ist es.

Jede Finanzierung ist ein Tausch: Geld gegen Kontrolle, Geld gegen Zeit oder Geld gegen Risiko. Autodoc hat 2024 Kontrolle gegen Kapital getauscht und 2026 Risiko gegen Kontrolle zurückgetauscht. Beides waren rationale Entscheidungen in unterschiedlichen Marktlagen – 2024 sah der Börsengang nah aus, 2026 nicht mehr.

Was du daraus mitnehmen kannst: Ein Investor ist kein Partner auf Lebenszeit, sondern jemand mit einem Ausstiegshorizont. Fonds haben Laufzeiten. Wenn der geplante Ausgang – meistens der Börsengang oder ein Verkauf – nicht kommt, wird aus deinem strategischen Kapitalpartner ein Gesellschafter, der raus will. Diese Dynamik ist der wichtigste Satz im ganzen Deal, und sie steht in keinem Term Sheet.

Der zweite Punkt ist praktischer. Autodoc konnte den Rückkauf nur stemmen, weil das Unternehmen seit Jahren profitabel wächst und Bargeld erwirtschaftet, statt es zu verbrennen. Profitabilität ist keine Tugend, sie ist Verhandlungsmacht. Ein Unternehmen mit positivem Cashflow hat immer mindestens zwei Optionen; ein Unternehmen ohne hat genau eine, und die heißt: die nächste Runde zu den Bedingungen der Gegenseite.

Wer die Frage vor der ersten Runde durchdenkt, hat später weniger zu reparieren. Bootstrapping vs. VC: Was niemand dir vorher sagt geht genau diesen Punkt durch. Und wenn du wissen willst, wie eng das Fenster für Eigenkapital in Deutschland gerade ist: Venture Capital in Deutschland: Mehr Geld, weniger Wetten beschreibt einen Markt, in dem mehr Kapital auf weniger Unternehmen verteilt wird.

Der Preis, der nicht auf dem Deckblatt steht

Ein Rückkauf über Fremdkapital ist kein Sieg ohne Rechnung. Drei Dinge hat Autodoc sich mit eingekauft.

Erstens Zinsrisiko. Der Kupon ist an den EURIBOR gekoppelt, nicht fest. Steigen die Sätze, steigt der Schuldendienst – ohne dass sich am Geschäft irgendetwas ändert. Wie schnell sich das Umfeld drehen kann, haben Gründer zwischen 2022 und 2026 dreimal erlebt; wir haben es in Nach der Zinssperre: Wie Startups die EZB-Unsicherheit überleben aufgeschrieben.

Zweitens Disziplin von außen. Ein Term Loan B kommt mit Berichtspflichten und Kennzahlen, die eingehalten werden müssen. Der Aufsichtsrat ist weg, der Kreditvertrag ist da. Das ist nicht weniger Kontrolle durch Dritte, sondern eine andere Art davon.

Drittens ein Zeitfenster. Sieben Jahre klingen lang. Für ein Unternehmen, das gleichzeitig ins B2B-Geschäft expandiert und einen Börsengang vorbereitet, sind sie ein Takt. Die Phase, in der aus einem funktionierenden Modell ein tragfähiges wird, ist ohnehin die gefährlichste – nachzulesen in Vom MVP zur Skalierung: Die kritische Wachstumsphase.

Und der Börsengang?

Er bleibt auf der Agenda. CEO Dmitri Zadorojnii hat die Finanzierung ausdrücklich als Weg beschrieben, sich institutionellen Kapitalmärkten zu öffnen; der Zeitpunkt hänge von den Marktbedingungen ab. Genau das ist der zweite, leisere Teil der Nachricht: Ein Unternehmen mit einem gerateten Kredit und einer Investorenbasis am Anleihemarkt ist für einen späteren Börsengang besser aufgestellt als eines, das nur seine Hausbank kennt.

Die Gründer haben sich also nicht vom Kapitalmarkt abgewendet. Sie haben ihn in der Reihenfolge betreten, die ihnen passt – erst Fremdkapital zu ihren Bedingungen, dann vielleicht Eigenkapital zu ihrem Zeitpunkt.

Zwei geplatzte Börsengänge hätten das Ende der Geschichte sein können. Stattdessen sind sie der Grund, warum drei Gründer aus Berlin-Weißensee heute wieder alles besitzen, was sie 2008 angefangen haben. Nicht weil der Markt es ihnen erlaubt hat, sondern weil ihr Geschäft genug Bargeld produziert, um sich die Erlaubnis zu kaufen.

Quellen: AUTODOC Group (Geschäftszahlen 2025 und Q1 2026), autohaus.de und profi-werkstatt.net (Kreditstruktur, Konditionen, Ratings), Börsen-Zeitung (Rückkauf und Bewertung).

Bleib informiert – kostenlos direkt in dein Postfach. VentureView schickt dir die wichtigsten Startup- und Wirtschaftsthemen, bevor sie jeder kennt.