Die Rente ist sicher – sagt wer genau?

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„Die Rente ist sicher.“ Der Satz stammt von Norbert Blüm, Arbeitsminister unter Helmut Kohl, und hat als Wahlkampfplakat aus den Achtzigerjahren überlebt. Heute wird er fast nur noch zitiert, um ihn zu widerlegen. Das ist bequem – und es ist ungenau. Die interessante Frage ist nicht, ob Blüm gelogen hat. Die interessante Frage ist, was „sicher“ in einem Umlagesystem überhaupt bedeuten kann.

Die ehrliche Antwort: Sicher ist, dass es Renten geben wird. Nicht sicher ist, wie hoch sie ausfallen, ab wann du sie bekommst und wie viel du vorher dafür bezahlt hast. Diese drei Größen sind die Stellschrauben, an denen seit dreißig Jahren jede Bundesregierung dreht – und weiter drehen wird, solange die Demografie sie dazu zwingt.

Wenn du Mitte zwanzig bist, ist das keine abstrakte Politikdebatte. Der Rentenbeitrag ist der größte Dauerauftrag deines Arbeitslebens. Also lohnt es sich, die Zahlen genau zu kennen – auch die, die in dieser Debatte routinemäßig falsch zitiert werden.

Auf einen Blick

  • Der Beitragssatz zur gesetzlichen Rentenversicherung liegt 2026 laut Deutscher Rentenversicherung unverändert bei 18,6 Prozent des Bruttolohns, geteilt zwischen dir und deinem Arbeitgeber.
  • Das Sicherungsniveau vor Steuern beträgt nach Angaben der Deutschen Rentenversicherung 48,0 Prozent – gesetzlich festgeschrieben bis 2031.
  • 1962 kamen in Westdeutschland laut Demografieportal des Bundes sechs aktiv Versicherte auf einen Altersrentner. Heute sind es rund zwei – nicht drei.
  • Der Bund überweist der Rentenversicherung 2026 nach dem beschlossenen Bundeshaushalt mehr als 127 Milliarden Euro. Der gesamte Bundesetat umfasst 524,54 Milliarden Euro.
  • Der Rentenversicherungsbericht 2025 der Bundesregierung rechnet mit einem Beitragssatz von 20,0 Prozent im Jahr 2029 und 21,2 Prozent im Jahr 2039.

Die Zahl, die fast alle falsch zitieren

In Talkshows, Kommentarspalten und – bis vor Kurzem – auch in diesem Artikel lief dieselbe Zahlenreihe: früher sechs Beitragszahler pro Rentner, heute drei. Die erste Hälfte stimmt. Die zweite nicht.

Das Demografieportal des Bundes weist aus, dass 1962 in Westdeutschland sechs aktiv Versicherte auf einen Altersrentner kamen. Für die Gegenwart nennt dieselbe Quelle nicht drei, sondern rund zwei Beitragszahler je Altersrentner. Die Verwirrung entsteht, weil in der Debatte munter durcheinandergeworfen wird, was gezählt wird: alle Erwerbstätigen oder nur die Beitragszahler, alle Renten oder nur die Altersrenten. Wer „drei“ sagt, benutzt fast immer eine ältere oder eine großzügiger abgegrenzte Zahl.

Das ist kein Detail für Statistiker. Es macht das Problem größer, als die gängige Erzählung behauptet – und es zeigt, wie nachlässig hier mit Zahlen umgegangen wird, von allen Seiten. Die Richtung bleibt ohnehin dieselbe: Vorausberechnungen der Deutschen Rentenversicherung kommen auf etwa 1,9 Beitragszahler je Altersrentner im Jahr 2037 und rund 1,7 im Jahr 2070. Die Bundesregierung betont dabei ausdrücklich, dass es sich um Modellrechnungen handelt und nicht um Prognosen.

Wer die Rente heute schon bezahlt

Der zweite blinde Fleck: Die gesetzliche Rente wird längst nicht mehr allein aus Beiträgen finanziert. Nach Angaben der Deutschen Rentenversicherung flossen 2023 rund 112,4 Milliarden Euro an Bundesmitteln in das System – etwa 22 Prozent der Einnahmen der allgemeinen Rentenversicherung. Für 2026 sind es laut Bundeshaushalt mehr als 127 Milliarden Euro, davon 63,95 Milliarden Euro allein als allgemeiner Bundeszuschuss.

Zur Einordnung: Der Bundeshaushalt 2026 hat ein Volumen von 524,54 Milliarden Euro, der Etat für Arbeit und Soziales allein 197,34 Milliarden Euro. Grob gerechnet geht jeder vierte Euro, den der Bund ausgibt, in die Rentenkasse. Die Gesamtausgaben der Rentenversicherung lagen 2025 nach Zahlen der Deutschen Rentenversicherung bei 301,4 Milliarden Euro.

Und hier die Gegenrechnung, die in Empörungstexten fast immer fehlt: Diese Milliarden sind kein Almosen. Sie bezahlen Leistungen, die der Gesetzgeber der Rentenversicherung aufgetragen hat, ohne dafür Beiträge zu liefern – Kindererziehungszeiten, Ausbildungszeiten, Ostrenten. Eine Aufstellung der Stiftung Warentest auf Basis von Zahlen der Deutschen Rentenversicherung beziffert diese nicht beitragsgedeckten Leistungen für 2023 auf 124,1 Milliarden Euro, gedeckt waren davon nur 84,3 Milliarden. Nach dieser Logik subventioniert nicht der Bund die Rentenkasse, sondern die Beitragszahler subventionieren den Bundeshaushalt. Man muss diese Sicht nicht übernehmen. Man sollte sie kennen, bevor man das Wort „Zuschuss“ benutzt.

Was 2026 tatsächlich beschlossen wurde

Das Rentenpaket ist zum Jahreswechsel in Kraft getreten. Es lohnt sich, den Inhalt zu kennen statt der Schlagzeilen. Laut Bundesministerium für Arbeit und Soziales schreibt es das Rentenniveau bis 2031 bei 48 Prozent fest; ohne diese Haltelinie läge eine Rente von 1.500 Euro nach Rechnung des Ministeriums etwa 35 Euro im Monat niedriger. Die Mütterrente III weitet ab 2027 die Anerkennung von Erziehungszeiten auf drei Jahre je Kind aus und betrifft rund zehn Millionen Menschen. Die Aktivrente erlaubt Beschäftigten ab 66 seit 2026 einen steuerfreien Hinzuverdienst von bis zu 2.000 Euro im Monat. Die Frühstart-Rente zahlt für Kinder zwischen 6 und 18 Jahren 10 Euro monatlich in ein Vorsorgedepot.

Zwei Punkte fallen auf. Erstens: Haltelinie und Mütterrente werden laut Ministerium vollständig aus Steuermitteln finanziert, nicht aus Beiträgen. Die Last wandert also vom Beitragszahler zum Steuerzahler – für dich als Erwerbstätigen ist das dieselbe Person mit demselben Konto. Zweitens: Der Beitragssatz bleibt exakt so lange stabil, wie die aktuelle Legislaturperiode dauert. Der Rentenversicherungsbericht 2025 der Bundesregierung erwartet 19,8 Prozent im Jahr 2028, 20,0 Prozent im Jahr 2029 und 21,2 Prozent im Jahr 2039, bei einem Rentenniveau, das bis 2039 auf 46,3 Prozent sinkt.

Das ist die eigentliche Nachricht. Kein Zusammenbruch, sondern eine stille Verschiebung: Du zahlst mehr und bekommst anteilig weniger. Das ist kein Skandal, sondern das arithmetisch zwingende Ergebnis, wenn ein Umlagesystem auf eine alternde Bevölkerung trifft und niemand Leistungen kürzen will. Wie stark diese Verschiebung die gesamte Abgabenlast auf Arbeit nach oben zieht, ist die zweite Hälfte derselben Geschichte.

Was deine Beiträge wirklich kaufen

„Jeder Euro, den ich in die gesetzliche Rentenversicherung einzahle, ist eine schlechte Investition – das ist kein Verdacht, das ist Mathematik.“

Der Satz ist populär, und er ist zu kurz gesprungen. Die gesetzliche Rente ist keine Geldanlage. Sie ist ein Versicherungspaket, und ein erheblicher Teil deines Beitrags bezahlt Risiken, die kein ETF abdeckt.

Dazu gehören die Erwerbsminderungsrente, falls du mit 34 nicht mehr arbeiten kannst, die Hinterbliebenenrente für Partner und Kinder und die medizinische Rehabilitation, die laut Stiftung Warentest vollständig aus Beiträgen finanziert wird. Witwen- und Witwerrenten kosten über die Splitting-Rechnung hinaus 18,7 Milliarden Euro im Jahr, Waisenrenten 0,8 Milliarden Euro. Dazu kommt eine Eigenschaft, die es am Kapitalmarkt schlicht nicht zu kaufen gibt: eine lebenslange, an die Lohnentwicklung gekoppelte Zahlung. Zum 1. Juli 2026 stieg sie nach Angaben der Deutschen Rentenversicherung um 4,24 Prozent, der aktuelle Rentenwert kletterte von 40,79 auf 42,52 Euro. Rund 21 Millionen Rentnerinnen und Rentner profitieren davon. Eine private Police, die dir Langlebigkeitsrisiko, Erwerbsminderung und lohngekoppelte Dynamisierung zum selben Preis verkauft, existiert nicht.

Die faire Formulierung lautet deshalb nicht „schlechte Investition“, sondern: teure Pflichtversicherung mit mäßiger Rendite und starker Absicherung gegen Lebensrisiken. Ob das ein guter Deal ist, hängt davon ab, wie hoch du diese Risiken für dich selbst gewichtest – ähnlich nüchtern, wie du sonst Versprechen über passives Einkommen prüfen würdest. Eines ist die gesetzliche Rente jedenfalls nicht: freiwillig.

Warum „einfach machen wie Schweden“ nicht stimmt

Die beliebteste Reformforderung lautet, Deutschland solle auf ein kapitalgedecktes System umstellen, so wie Schweden und die Niederlande es angeblich getan haben. Diese Behauptung hält der Prüfung nicht stand, und sie stand bis zu dieser Überarbeitung auch in diesem Text.

Schweden erhebt nach Darstellung der Deutschen Rentenversicherung einen Beitragssatz von 18,5 Prozent. Davon gehen 16 Prozentpunkte in die umlagefinanzierte Inkomstpension und lediglich 2,5 Prozentpunkte in die kapitalgedeckte Prämienrente. Schweden hat das Umlageverfahren also nicht ersetzt, sondern ergänzt – und zusätzlich die Leistungshöhe automatisch an die Demografie gekoppelt, was faktisch heißt: Die Renten sinken dort, wenn die Rechnung nicht aufgeht. Auch in den Niederlanden ist die staatliche Grundrente AOW umlagefinanziert; kapitalgedeckt ist dort die betriebliche zweite Säule, nicht die erste.

Selbst der Sachverständigenrat, der der Bundesregierung seit Jahren zu mehr Kapitaldeckung rät, schlägt in seinem Arbeitspapier 04/2025 kein Ersatzmodell vor, sondern ein ergänzendes Vorsorgedepot mit automatischer Einbeziehung und Widerspruchsrecht. Als Vorbild nennt er den schwedischen Staatsfonds AP7 Såfa, der 8,6 Prozent Rendite pro Jahr bei 0,06 Prozent Kosten erreichte. Der Grund für die Zurückhaltung ist simpel: Wer ein Umlagesystem auf Kapitaldeckung umstellt, lässt eine Generation zweimal zahlen – einmal für die heutigen Rentner, einmal für das eigene Depot. Diese Übergangskosten sind der Grund, warum es seit Jahrzehnten bei Ankündigungen bleibt. Nicht Feigheit. Arithmetik.

Was du konkret tun kannst

Die praktische Konsequenz ist unspektakulär und genau deshalb wirksam. Vier Punkte:

  • Rechne mit 48 Prozent bis 2031 und mit weniger danach. Das Sicherungsniveau bezieht sich laut Deutscher Rentenversicherung auf eine Standardrente nach 45 Beitragsjahren mit Durchschnittsverdienst – nicht auf dein letztes Gehalt. Wer als Gründer Jahre ohne Einzahlung hat, liegt darunter.
  • Zieh die Beitragsbemessungsgrenze in deine Planung ein. Sie liegt 2026 laut Deutscher Rentenversicherung bei 8.450 Euro im Monat. Alles darüber ist beitragsfrei – und damit vollständig dein eigenes Vorsorgeproblem.
  • Bau die zweite Säule früh und billig. Der Zinseszins ist der einzige Vorteil, den du gegenüber älteren Jahrgängen hast. Wie eine ganze Generation das gerade tut, zeigt der Blick auf die Gen Z am Kapitalmarkt. Wichtig ist die reale Rendite: Bei der Bewertung deiner Vorsorge zählt am Ende nur, was nach Abzug der Inflation übrig bleibt.
  • Kauf keine Immobilie als Rentenersatz, ohne zu rechnen. Bei den heutigen Preisen und Finanzierungskosten ist selbstgenutztes Wohneigentum für viele keine Vorsorge, sondern ein Klumpenrisiko – warum Wohnen für eine ganze Generation zum Luxus geworden ist, gehört in dieselbe Rechnung.

Und ein fünfter Punkt, der nichts mit Geld zu tun hat: Die Stellschrauben Beitragssatz, Rentenniveau und Renteneintrittsalter werden politisch verstellt, nicht ökonomisch. Über sie entscheidet, wer wählt und wer sich meldet. Dass junge Stimmen in dieser Debatte fehlen, ist kein Naturgesetz, sondern eine Entscheidung. Deine Renteninformation kommt einmal im Jahr per Post. Lies sie. Dann weißt du, worüber abgestimmt wird.

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