Chinas 0,1-Prozent-Regel: Wie eine Bagatellgrenze deutsche Lieferketten kontrolliert

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Lieferketten und Seltene Erden: deutsche Industrieproduktion unter Rohstoffdruck 2026

Im Juli 2026 meldete gut jedes siebte deutsche Industrieunternehmen Engpässe bei der Materialversorgung – weniger als im Vormonat, aber weit über dem Wert vom Jahresanfang. Der eigentliche Auslöser liegt nicht in einer Fabrik, sondern in einem einzigen Absatz eines chinesischen Verwaltungserlasses: Wer mehr als 0,1 Prozent chinesische Seltene Erden verbaut, braucht künftig eine Exportlizenz aus Peking – egal, wo auf der Welt das Produkt am Ende hergestellt wird.

Auf einen Blick

  • 17,2 % der deutschen Industrieunternehmen meldeten im Juni 2026 Engpässe bei Vorprodukten, im Juli waren es noch 13,7 %
  • 92 % aller Dauermagnete mit Seltenen Erden stammten 2024 aus chinesischer Fertigung
  • 0,1 % chinesischer Rohstoffanteil reicht seit Chinas Ankündigung Nr. 61/2025, um weltweit eine Exportlizenz zu erfordern
  • 1 Mrd. Euro Volumen hat der deutsche Rohstofffonds, aufgelegt 2024 – bislang ohne spürbare Entlastung für betroffene Firmen
  • 10. November 2026: Datum, an dem die aktuelle Aussetzung von Chinas zweiter Kontrollwelle auslaeuft

Quellen: ifo Institut (Stand 31.07.2026), Technik+Einkauf/Deutsche Rohstoffagentur, Europäisches Parlament EPRS (24.11.2025), GTAI. Stand: September 2026.

Bessere Zahlen, schlechtere Gewissheit. So lässt sich zusammenfassen, was das ifo Institut Ende Juli aus seiner monatlichen Konjunkturumfrage vermeldete: 13,7 Prozent der deutschen Industrieunternehmen klagten über Engpässe bei Vorprodukten und Rohstoffen – ein Rückgang gegenüber den 17,2 Prozent im Juni. Klingt nach Entwarnung. Ist aber keine. Im Januar hatte der Wert noch bei 5,8 Prozent gelegen. Zwischen diesen beiden Zahlen liegt kein saisonales Rauschen, sondern eine geopolitische Entscheidung: die schrittweise Verschärfung der chinesischen Exportkontrollen für Seltene Erden, die seit April 2025 läuft und deren Reichweite die meisten deutschen Mittelständler bis heute unterschätzen.

Eine Bagatellgrenze mit globaler Reichweite

Im Oktober 2025 veröffentlichte Chinas Handelsministerium die Ankündigung Nr. 61/2025. Sie verschärft die Exportregeln für Metalle wie Samarium, Yttrium und Gadolinium sowie für Legierungen wie Terbium-Eisen und Samarium-Kobalt. Entscheidend ist aber eine einzelne Klausel: die sogenannte De-minimis-Schwelle – eine Bagatellgrenze, unterhalb derer ein Gesetz normalerweise nicht greift. Hier liegt sie bei 0,1 Prozent. Enthält ein Produkt, das irgendwo auf der Welt gefertigt wurde, mindestens diesen Anteil an chinesischen Seltenen Erden oder wurde es unter Nutzung chinesischer Verarbeitungstechnologie hergestellt, braucht sein Export eine chinesische Genehmigung, wie KPMG in einer Einschätzung für Unternehmen darlegt. Ein Elektromotor, der nie chinesischen Boden berührt hat, kann so trotzdem einer chinesischen Ausfuhrkontrolle unterliegen – über den Umweg eines einzigen verbauten Magneten.

Teile der Regelung griffen sofort, andere erst ab dem 1. Dezember 2025. Nach einer Einigung zwischen Peking und Washington setzte China die im Oktober angekündigte zweite Kontrollwelle am 7. November 2025 für ein Jahr aus, bis zum 10. November 2026 – nicht aber die erste Welle vom April 2025. Und die Aussetzung galt der US-Regierung, nicht der EU: Die Kontrollen wirkten laut einer Analyse des Europäischen Parlaments (EPRS) unvermindert auf europäische Digital-, Grün- und Verteidigungsindustrien fort, während amerikanische Unternehmen bereits aufatmeten.

Zulieferer bluten, Konzerne beschwichtigen

Die Auswirkungen zeigten sich zuerst am Fließband. Suzuki stoppte die Produktion des Kleinwagens Swift Ende Mai 2025 für gut eine Woche, Ford legte die Fertigung des Explorer im Werk Chicago für denselben Zeitraum still. In Deutschland meldeten die Zulieferer Mahle und ZF Engpässe in ihren eigenen Lieferketten. Volkswagen und BMW hingegen erklärten öffentlich, ihre Versorgung mit Bauteilen, die Seltene Erden enthalten, sei stabil – keine Engpässe.

Zwei Wahrheiten, ein Markt. Konzerne mit eigener Marktmacht und tief gestaffelten Lagerbeständen können Engpässe eine Weile wegverhandeln oder aussitzen. Kleinere Zulieferer nicht. BDI-China-Expertin Elisa Hörhager beschrieb die Genehmigungspraxis gegenüber dem Handelsblatt als intransparent und verzögert – wer priorisiert werde, sei unklar, dokumentierte Technik+Einkauf das Gespräch. Und selbst der Verhandlungsspielraum der Großen hat ein Ablaufdatum: Die Lagerbestände, die die Branche zu Beginn der Kontrollen noch abfederten, waren bis Juni 2025 – rund zwei Monate nach der ersten Kontrollwelle – weitgehend aufgebraucht. Zwei Monate sind der reale Zeitrahmen, den ein Sicherheitsbestand gegen einen politisch motivierten Exportstopp bietet. Nicht mehr.

Die Entspannung bei der Materialversorgung könnte nur vorläufig sein.

Klaus Wohlrabe, Leiter der ifo Konjunkturumfragen

Der Fonds, der zu langsam ist

Die Bundesregierung ist nicht untätig. Seit 2024 existiert ein staatlicher Rohstofffonds mit einem Volumen von rund einer Milliarde Euro, über den die KfW bereits erste Beteiligungen an Abbau- und Verarbeitungsprojekten finanziert hat, teils auch an Recycling. Parallel verpflichtet der EU Critical Raw Materials Act die Mitgliedstaaten auf drei Zielwerte bis 2030: mindestens 10 Prozent des strategischen Rohstoffbedarfs soll aus EU-eigenem Abbau stammen, 40 Prozent aus EU-eigener Verarbeitung, 25 Prozent aus dem Recycling. Kein Drittstaat soll künftig mehr als 65 Prozent des jährlichen EU-Bedarfs an einem einzelnen strategischen Rohstoff liefern.

Das Problem ist nicht die Zielsetzung, sondern das Tempo. Der Rohstofffonds gilt Berichten zufolge als überfrachtet mit interministeriellen Abstimmungen und Due-Diligence-Prüfungen – neue Milliarden würden daran wenig ändern, solange die Prozesse selbst nicht beschleunigt werden. Und 2030 ist kein Datum, das einem Zulieferer hilft, dessen Exportlizenz heute im Genehmigungsstau in Peking liegt. Wer als Unternehmer auf den Staat wartet, wartet auf ein Jahrzehnt-Projekt, während die eigene Lieferkette in Monatsfristen bricht. Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche forderte bei ihrem China-Besuch entsprechend direkt ein diskriminierungsfreies, beschleunigtes Genehmigungsverfahren – ein Eingeständnis, dass die Lösung derzeit nicht in Berlin liegt, sondern in Peking verhandelt werden muss.

Was Unternehmer aus der 0,1-Prozent-Regel lernen sollten

Drei Konsequenzen lassen sich aus den vergangenen anderthalb Jahren ziehen, unabhängig davon, ob man selbst mit China handelt oder nicht.

Erstens: Die 0,1-Prozent-Schwelle betrifft auch Unternehmen, die nie einen Auftrag in China platziert haben. Wer Motoren, Sensoren oder Elektronikbaugruppen von Zulieferern bezieht, die ihrerseits chinesische Vorprodukte verarbeiten, sollte den chinesischen Rohstoffanteil seiner eigenen Endprodukte kennen – nicht aus Compliance-Ehrgeiz, sondern weil ein Exportgeschäft sonst an einer Genehmigung in Peking hängen kann, von der das eigene Unternehmen bis dahin nichts wusste.

Zweitens: Sicherheitsbestände sind kein Plan B, sondern eine Uhr. Die Branchenerfahrung von 2025 zeigt ein Zeitfenster von rund zwei Monaten, bevor Lagerbestände einen Exportstopp nicht mehr abfedern können. Wer in dieser Zeit keinen geprüften Alternativlieferanten in der Hinterhand hat – und sei es ein teurerer Recycling-Anbieter wie das auf Seltenerd-Magnete spezialisierte Unternehmen Remloy –, verhandelt anschließend aus der Position der Verzweiflung.

Drittens: Der staatliche Rohstofffonds ist eine Option für Investoren, kein Rettungsschirm für den laufenden Betrieb. Ein Fondsvolumen von einer Milliarde Euro, verteilt über Jahre und mehrere Ministerien, verändert die Lage eines einzelnen Zulieferers in den nächsten sechs Monaten nicht. „Seltene Erden sind längst sicherheitskritische Schlüsselressourcen“, sagt David Bender vom Recycling-Spezialisten Remloy – eine Einschätzung, die inzwischen mehr Unternehmen teilen, als es der Markt für Sekundärrohstoffe derzeit bedienen kann.

Was am 10. November wirklich auf dem Spiel steht

Am 10. November 2026 läuft die Aussetzung der zweiten chinesischen Kontrollwelle aus. Ob Peking sie verlängert, ist offen – Fachpublikationen diskutierten bereits im August, ob China die Frist bewusst verstreichen lässt, um Druck für die nächste Verhandlungsrunde mit Washington aufzubauen. Für deutsche Unternehmen ändert das an der Grundlage wenig: Auch wenn die politische Eskalation ausbleibt, bleibt die Architektur bestehen, die sie erpressbar macht – eine Verarbeitungskette, die zu über 90 Prozent in einem einzigen Land liegt, wie auch die Marktverschiebungen in der Autoindustrie zeigen, und eine Lizenzpflicht, die weit über Chinas Grenzen hinausreicht. Diversifizierung ist damit keine industriepolitische Wunschvorstellung mehr, sondern eine Frage der eigenen Vertragsfähigkeit. Wer 92 Prozent seiner Magnete aus einem Land bezieht, hat keine Lieferkette – er hat ein Abhängigkeitsverhältnis.

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