Im Januar 2025 erhielt Bitpanda von der BaFin eine der ersten MiCA-Lizenzen Europas – und darf seitdem Krypto-Dienstleistungen in allen 27 EU-Staaten anbieten (CoinDesk, Januar 2025). Ein halbes Jahr zuvor sammelte das Mannheimer Software-Unternehmen osapiens rund 110 Millionen Euro von Goldman Sachs Alternatives ein – für ein Produkt, das es ohne das deutsche Lieferkettengesetz in dieser Form gar nicht gäbe (Unternehmensangaben, Juli 2024). Zwei Firmen, zwei Gesetze, ein Muster: Regulierung schafft Märkte.
Aber das Muster hat eine zweite Richtung. Das Erneuerbare-Energien-Gesetz baute ab 2000 eine deutsche Solarindustrie auf, die mit den Insolvenzen von Q-Cells (2012) und Solarworld (2017) spektakulär kollabierte. Und BASF verlegte 2012 seine komplette Pflanzenbiotechnologie in die USA, weil Europa grüne Gentechnik faktisch nicht wollte. Wer Politik nur als Chance oder nur als Risiko erzählt, erzählt die halbe Geschichte.
Deshalb hier beide Hälften – an vier realen Fällen, mit Zahlen, Jahren und Quellen. Und weil es um Märkte und Bewertungen geht, vorab der Pflichtsatz: Dieser Artikel ist journalistische Einordnung, keine Anlageberatung.
Auf einen Blick
- Das EEG von 2000 garantierte Einspeisevergütungen über 20 Jahre und machte Deutschland zeitweise zum größten Photovoltaik-Markt der Welt.
- Q-Cells war 2007/2008 der größte Solarzellenhersteller der Welt, meldete 2012 Insolvenz an; Solarworld folgte im Mai 2017 (pv magazine, Mai 2017). Über 80 Prozent der Solarmodul-Fertigung liegen heute in China (IEA, 2022).
- osapiens holte im Juli 2024 rund 110 Millionen Euro Series B, angeführt von Goldman Sachs Alternatives; IntegrityNext nahm im März 2023 100 Millionen Euro von EQT Growth – beide Geschäftsmodelle bauen auf dem Lieferkettengesetz auf.
- Bitpanda erhielt im Januar 2025 als einer der ersten Anbieter eine MiCA-Lizenz der BaFin – mit Passporting in alle 27 EU-Staaten (CoinDesk, Januar 2025).
- BASF verlagerte im Januar 2012 den Sitz seiner Pflanzenbiotech-Sparte von Limburgerhof nach Raleigh, North Carolina – ausdrücklich wegen fehlender Akzeptanz in Europa (Chemistry World, 2012).
Das EEG: Wie ein Gesetz eine Weltindustrie erschuf
Als der Bundestag im Jahr 2000 das Erneuerbare-Energien-Gesetz beschloss, war Solarstrom ein Nischenthema für Idealisten. Das Gesetz änderte das mit einem simplen Mechanismus: Wer Solar- oder Windstrom einspeiste, bekam eine feste Vergütung – garantiert über 20 Jahre. Aus einem Förderinstrument wurde ein kalkulierbarer Markt, und aus dem Markt eine Industrie. Q-Cells aus Thalheim in Sachsen-Anhalt stieg bis 2007/2008 zum größten Solarzellenhersteller der Welt auf, Solarworld aus Bonn wurde zum Gesicht der Branche, und Deutschland war zeitweise der größte Photovoltaik-Markt weltweit. Kein Pitchdeck und keine Kampagne haben diese Nachfrage erzeugt – ein Paragraf hat es getan. Das Modell der garantierten Einspeisevergütung wurde in der Folge von Dutzenden Ländern kopiert und gilt bis heute als eines der wirkungsvollsten industriepolitischen Instrumente der Nachkriegszeit. Genau das meint der sperrige Titel dieses Artikels: Politische Rahmenbedingungen können der stärkste Innovationsmotor sein, den ein Standort hat.
Solarworld und Q-Cells: Die zweite Hälfte der Wahrheit
Die Industrie, die das EEG aufgebaut hatte, hielt dem Weltmarkt nicht stand. China skalierte die Modulfertigung mit eigenen Subventionen und brutalen Skaleneffekten, während die Bundesregierung ab 2010 die Einspeisevergütungen in schnellen Schritten kürzte. Q-Cells meldete 2012 Insolvenz an und wurde vom südkoreanischen Hanwha-Konzern übernommen. Solarworld, das Aushängeschild der Branche, folgte im Mai 2017 (pv magazine, Mai 2017). Nach Angaben der Internationalen Energieagentur liegen heute über 80 Prozent der weltweiten Fertigungskapazitäten für Solarmodule in China (IEA, 2022).
Die Lektion ist unbequem: Ein Gesetz kann Nachfrage schaffen, aber es garantiert nicht, dass die Wertschöpfung im Land bleibt. Wer verstehen will, warum am Ende wenige große Anbieter solche Märkte unter sich aufteilen, findet in unserer Analyse dazu, wie Marktmacht entsteht und wann sie gefährlich wird, das Muster dahinter.
osapiens und IntegrityNext: Compliance als Geschäftsmodell
Seit Januar 2023 gilt das deutsche Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz, 2024 folgte auf EU-Ebene die Richtlinie CSDDD. Für tausende Unternehmen heißt das: Lieferanten prüfen, Risiken dokumentieren, Berichte abgeben. Genau daraus haben zwei deutsche Firmen ein Produkt gemacht. osapiens aus Mannheim, erst 2018 gegründet, automatisiert diese Pflichten per Software – und holte sich im Juli 2024 eine Series B über rund 110 Millionen Euro, angeführt von Growth Equity bei Goldman Sachs Alternatives (Unternehmensangaben, Juli 2024). IntegrityNext aus München wuchs sieben Jahre lang ohne Fremdkapital und nahm im März 2023 dann 100 Millionen Euro von EQT Growth (EQT, März 2023).
Der Fall zeigt aber auch das Risiko der Kategorie: Die EU-Kommission hat im Februar 2025 mit ihrem Omnibus-Paket vorgeschlagen, Teile der Nachhaltigkeitspflichten abzuschwächen und zu verschieben (EU-Kommission, Februar 2025). Wer sein Geschäftsmodell auf ein Gesetz baut, trägt das Gesetzgebungsrisiko mit – in beide Richtungen. Warum Nachhaltigkeit für Gründer trotzdem mehr ist als Pflichterfüllung, liest du in unserem Stück über Nachhaltigkeit als Wachstumstreiber statt Kostenfaktor.
Bitpanda und MiCA: Wenn Rechtsklarheit zum Standortvorteil wird
Die EU-Verordnung MiCA gilt seit Dezember 2024 vollständig und schafft erstmals einheitliche Regeln für Krypto-Dienstleister in der gesamten Union. Bitpanda aus Wien gehörte im Januar 2025 zu den ersten Anbietern, die von der deutschen BaFin eine MiCA-Lizenz erhielten – und kann sein Angebot damit in alle 27 EU-Staaten ausweiten (CoinDesk, Januar 2025). Das Kalkül dahinter: Während in den USA jahrelang Behörden über Zuständigkeiten stritten, wurde in Europa ein klarer – und strenger – Rahmen zum Verkaufsargument gegenüber Kunden und Banken. Regulierung wirkt hier nicht als Bremse, sondern als Eintrittskarte in einen Binnenmarkt mit rund 450 Millionen Menschen.
Bitpanda ist kein Einzelfall. Auch Trade Republic aus Berlin machte Regulierung zur Wachstumsstrategie: Der Neobroker erhielt im Dezember 2023 die Vollbanklizenz der EZB (Unternehmensangaben, Dezember 2023) – der teure, langsame Weg, der sich auszahlt, wenn Vertrauen das eigentliche Produkt ist. Welche Krypto-Anwendungen den neuen europäischen Rahmen tatsächlich füllen, zeigt unser Überblick zu Blockchain jenseits des Hypes.
BASF: Wenn Regulierung Innovation vertreibt
Zur ehrlichen Bilanz gehört der Gegenfall. Im Januar 2012 zog BASF die Konsequenz aus einem Jahrzehnt europäischen Widerstands gegen grüne Gentechnik: Der Konzern verlegte den Sitz seiner Sparte BASF Plant Science von Limburgerhof nach Raleigh im US-Bundesstaat North Carolina und stellte die Entwicklung von Produkten für den europäischen Markt ein. Als Begründung nannte das Unternehmen die fehlende Akzeptanz bei Verbrauchern, Landwirten und Politik in Europa (Chemistry World, 2012). Eine ganze Forschungsdisziplin wanderte ab – nicht wegen der Kosten, sondern wegen des regulatorischen Klimas.
Der Fall ist die Blaupause für die aktuelle Debatte um den AI Act: Ob Europas KI-Regeln Gründer schützen oder vertreiben, ist noch offen – die BASF-Erfahrung zeigt aber, dass „vertreiben“ kein theoretisches Szenario ist. Was auf dem Spiel steht, beschreibt unser Text darüber, wie künstliche Intelligenz das Unternehmertum verändert.
Was das für dich als Gründer heißt
Aus den vier Fällen lässt sich ein Werkzeugkasten bauen:
- Lies Gesetzesvorhaben wie Markttrends. osapiens wurde 2018 gegründet – fünf Jahre bevor das Lieferkettengesetz galt. Die Gründer haben auf den Regulierungspfad gewettet, nicht auf den fertigen Paragrafen.
- Rechne das Gesetzgebungsrisiko ein. Was Brüssel beschließt, kann Brüssel abschwächen – das Omnibus-Paket von 2025 traf genau die Firmen, die vom strengen Regime profitierten.
- Unterscheide EEG-Logik von MiCA-Logik. Schafft die Regel einen subventionsabhängigen Heimatmarkt, den andere abernten können – oder schließt sie dir wie Bitpanda einen ganzen Binnenmarkt auf?
- Rede mit, bevor die Regel steht. Konsultationen, Verbandsarbeit und Anhörungen sind keine Konzernprivilegien – wer früh im Verfahren sitzt, erfährt früher, wohin sich der Markt bewegt.
Warum du solche Fragen ohnehin europäisch statt national denken solltest, argumentieren wir in unserem Essay Europa oder Nationalismus. Der nächste Beschluss, der einen Markt erschafft oder verschiebt, steht vermutlich schon in einem Referentenentwurf. Die Frage ist nur, ob du ihn liest, bevor deine Wettbewerber es tun.
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