Burnout bei jungen Gründern: Warum die Belastung wächst – und wie du früh gegensteuerst

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Junge Gründerin arbeitet spät abends allein am Laptop – Symbolbild für Burnout bei jungen Gründern

Burnout ist bei jungen Gründer:innen längst kein Randthema mehr: Eine Studie des Startup-Verbands und der Techniker Krankenkasse von Juni 2026 zeigt, dass 68 Prozent der Gründer:innen in Deutschland die hohe Arbeitsdichte als zentrales Gesundheitsrisiko nennen, 59 Prozent den damit verbundenen Druck. Wer noch vor der eigenen Gründung steht, sollte das nicht als Randnotiz lesen, sondern als Bauanleitung: Die Muster, die junge Unternehmen an die Grenze bringen, sind bekannt und mit der richtigen Struktur vermeidbar.

Auf einen Blick

  • 68 %: der Gründer:innen nennen hohe Arbeitsdichte als zentrales Gesundheitsrisiko
  • 59 %: nennen den damit verbundenen Druck als Gesundheitsrisiko
  • 77 % statt 64 %: halten Gesundheit für wichtig – 2026 gegenüber 2021
  • 47 %: der Startups bieten niedrigschwellige Gesundheitsangebote
  • 890 €: Einstiegskosten für ein Startup-Team bei Instahelp (10 Beratungseinheiten à 89 €)

Quellen: Startup-Verband/Techniker Krankenkasse, Report „Startups, Gesundheit & die Zukunft der Arbeit“ (veröffentlicht 09.06.2026); brutkasten.com (08.07.2026). Stand: September 2026.

Florian Gschwandtner sagt es unverblümt: „Als Gründer redest du nicht über Erschöpfung, du funktionierst.“ Der Mitgründer der Fitness-App Runtastic und des Startups Foxyfitness bringt damit, wie brutkasten.com im Juli 2026 berichtete, etwas auf den Punkt, das in der DACH-Gründerszene lange als Schwäche galt. Anlass war ein neues Angebot des Grazer Mental-Health-Unternehmens Instahelp, das sich gezielt an Startups richtet. Für sie sind klassische betriebliche Gesundheitsprogramme oft zu teuer oder zu aufwendig.

Der Satz ist keine Randnotiz aus der Wellness-Ecke, sondern deckt sich mit Zahlen. Für den Report „Startups, Gesundheit & die Zukunft der Arbeit“ befragte der Startup-Verband, unterstützt von der Techniker Krankenkasse (TK), im ersten Quartal 2026 insgesamt 305 Gründer:innen und Mitglieder der obersten Führungsebene (C-Level, oberste Führungsriege) deutscher Startups. Ergebnis: 68 Prozent nennen die hohe Arbeitsdichte als zentrales Gesundheitsrisiko, 59 Prozent den damit verbundenen Druck. Gleichzeitig wächst das Bewusstsein. 77 Prozent sagen, Gesundheit sei für sie ein wichtiges oder sehr wichtiges Thema – 2021, mitten in der Pandemie, waren es 64 Prozent.

Was die Zahlen wirklich zeigen – und was nicht

Wer bei 68 Prozent sofort an eine Volkskrankheit unter Gründer:innen denkt, überspringt einen wichtigen Schritt. Die Studie misst, was Gründer:innen als Risiko einordnen, nicht, wie viele tatsächlich an einem Burnout leiden. Diesen Unterschied verwischen die meisten Berichte über die Studie. Burnout selbst ist von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) seit Inkrafttreten der elften Ausgabe des Diagnoseklassifikationssystems ICD-11 am 1. Januar 2022 als „Berufsphänomen“ erfasst. Ausdrücklich keine Krankheit, sondern die Folge von chronischem, nicht bewältigtem Stress am Arbeitsplatz – erkennbar an Erschöpfung, wachsender Distanz zur eigenen Arbeit und nachlassender Leistungsfähigkeit.

Was die TK-Studie stattdessen zeigt, ist eine strukturelle Lücke: Nur 47 Prozent der befragten Startups bieten ihren Mitarbeitenden überhaupt niedrigschwellige Gesundheitsangebote, und zwar umso eher, je größer das Unternehmen bereits ist. Ausgerechnet die Phase, in der ein Startup am kleinsten und die Belastung pro Kopf am größten ist, ist strukturell am schlechtesten abgesichert. Dr. Amelie Wiedemann, Gründerin des Startups DearEmployee und selbst Arbeitspsychologin, bringt es so auf den Punkt: „Hohe Arbeitsdichte gehört oft zur Startup-Realität – umso wichtiger ist es, mentale Gesundheit von Anfang an mitzudenken.“

Ein Gründer mit Burnout: Wie Sebastian Rakers über seine Grenze ging

Wie das ohne Struktur endet, zeigt der Fall von Sebastian Rakers. Der Meeresbiologe gründete 2019 das Hamburger Biotech-Startup Bluu Seafood, das Fischprodukte aus gezüchteten Zellen herstellt. 23 Millionen Euro sammelte er von Investoren ein. Ausgegeben war das Geld schnell – die Verantwortung dafür begleitete ihn jede Nacht. Schlafstörungen und eine innere Unruhe, die selbst am Wochenende nicht abklang: Symptome, die auf ein Burnout hindeuten, schob Rakers lange beiseite. „Aber in diesem Rausch geht man schnell über die eigenen Grenzen“, sagte er rückblickend in einer ZDF-Dokumentation aus dem September 2024.

Erst als auch das Verhältnis zu seiner Familie unter der Anspannung litt, engagierte Rakers einen Coach. So lernte er, anders mit dem umzugehen, was er selbst „Mental Load“ nennt: die permanente gedankliche Dauerbelastung, für jede Entscheidung verantwortlich zu sein. Seine Lehre daraus, ebenfalls im ZDF-Interview: „Es bringt überhaupt nichts, wenn sich ein Gründer abrackert, bis er zusammenbricht – weder ihm selbst, noch dem Start-up.“ Natascha Prieß, die 2022 zusammen mit dem früheren Gründer Gerjet Gefken das auf Coaching für Startups spezialisierte Unternehmen Accelerate Health aufbaute, beobachtet das Muster bei praktisch jedem Klienten: „Gründer sind darauf aus, Unmögliches möglich zu machen. Dabei überschreiten sie oft ihre eigenen Grenzen. Das kann kurzfristig funktionieren, aber langfristig wird das zum Problem.“

„Als Gründer redest du nicht über Erschöpfung, du funktionierst.“

Florian Gschwandtner, Mitgründer Runtastic

Warnsignale, die vor der Gründung zählen – nicht erst danach

Für alle, die noch kein Unternehmen haben, ist das eine gute Nachricht: Die Schwachstelle liegt nicht im Charakter, sondern in der Struktur. Und Struktur lässt sich vor dem ersten Tag planen, statt sie erst zu reparieren, wenn sie fehlt. Gerade in der Frühphase, wenn ein Startup meist aus einer einzigen Person oder einem Zwei-Personen-Team besteht, hat der Ausfall eines Einzelnen unmittelbare und oft existenzielle Folgen für das ganze Unternehmen. Größere Firmen fangen das mit Vertretungsregelungen auf. Junge Teams können das nicht – ein Punkt, der auch in einem früheren Beitrag zum Work-Life-Blend von Gründer:innen eine Rolle spielte.

Konkret heißt das: Wer vor der Gründung steht, sollte sich schon jetzt fragen, wer im Ernstfall einspringt und welches finanzielle Polster einen Monat mit eingeschränkter Leistungsfähigkeit übersteht. Professionelle Unterstützung sollte ansetzbar sein, bevor sie nötig wird, nicht erst danach. Gesetzlich Versicherte, auch Selbstständige in der freiwilligen gesetzlichen Krankenversicherung (GKV), haben Anspruch auf Psychotherapie als reguläre Kassenleistung, ohne Zuzahlung – auch wenn die Suche nach einem freien Therapieplatz Geduld verlangt. Wer schneller und gezielt für ein ganzes Team vorsorgen will, zahlt bei Anbietern wie Instahelp für ein Startup-Paket aus zehn Beratungseinheiten zu je 89 Euro: rund 890 Euro Einstieg, ohne Grundgebühr, mit Terminen auch am Abend oder Wochenende.

Ist das wirklich ein Gründerproblem – oder nur mehr Sichtbarkeit?

Man kann die Zahlen auch anders lesen. Der Gallup-Engagement-Index, eine jährliche Erhebung zur Mitarbeiterbindung in Deutschland, ausgewertet von ad-hoc-news am 13. Juni 2026, zeigt: Auch rund 20 Prozent der deutschen Führungskräfte insgesamt, nicht nur in Startups, fühlen sich häufig oder ständig ausgebrannt. Hohe Verantwortung erschöpft offenbar unabhängig vom Briefkopf. Dass 77 Prozent der Gründer:innen Gesundheit heute wichtig finden, gegenüber 64 Prozent 2021, lässt sich ebenso als wachsende Offenheit lesen wie als wachsendes Leiden. Gschwandtners Satz über das Schweigen war ein Aufruf, endlich zu reden, kein Beweis, dass es vorher weniger Erschöpfung gab.

Auch die Technologie selbst wirkt nicht nur belastend. In derselben TK-Studie geben 57 Prozent der Gründer:innen an, dass der Einsatz von Künstlicher Intelligenz mehr Freiraum für Kreativität schafft. 81 Prozent der KI-nutzenden Startups berichten von höherer Produktivität ihrer Teams. Fallen Routineaufgaben weg, sinkt potenziell genau die Arbeitsdichte, die 68 Prozent der Befragten als Risiko benennen. Die Belastung ist real – aber sie ist kein Naturgesetz des Gründens, sondern das Ergebnis von Entscheidungen, die sich treffen lassen.

Was daraus für alle folgt, die noch vor der Gründung stehen: Resilienz ist kein Charakterzug, den du mitbringst – sie ist ein System, das du baust, bevor du es brauchst. Wer wartet, bis die ersten Symptome da sind, repariert unter Zeitdruck, was er in Ruhe hätte planen können. Die Gründer:innen, die in fünf Jahren noch an Bord ihres eigenen Unternehmens sind, werden nicht die mit der meisten Willenskraft sein. Es werden die sein, die sich früh genug eingestanden haben, dass reines Durchhalten keine Strategie ist.

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