Gründerinnen in Deutschland: Wie aus 35 Prozent Anteil am Ende 1 Prozent Kapital wird

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Gründerin analysiert Finanzierungsdaten in modernem Büro – Symbolbild zum Frauenanteil bei Venture Capital in Deutschland

Deutsche Gründerinnen sind in der Breite längst Normalität – jede dritte Existenzgründung geht 2025 auf eine Frau zurück. Doch je näher man an den eigentlichen Venture-Capital-Markt heranzoomt, desto kleiner wird diese Zahl: Am Ende bleibt ein Prozent des Kapitals übrig.

Auf einen Blick

  • 690.000 Existenzgründungen 2025 in Deutschland, 35 Prozent davon von Frauen
  • 19,8 Prozent Frauenanteil unter Gründungen, die sich selbst als Startup verstehen
  • 9 Prozent Frauenanteil unter den Personen in Gründungsteams, die 2025 Kapital einsammelten
  • 1 Prozent des Risikokapitals (53 von 7,8 Mrd. Euro) ging an rein weibliche Gründungsteams
  • 13,3 Prozent Frauenanteil bei Runden bis 1 Mio. Euro, nur 3,3 Prozent bei Runden über 50 Mio. Euro

Quellen: KfW-Gründungsmonitor 2026 (19.05.2026); Deutscher Startup Monitor 2025 (Startup-Verband); EY-Parthenon Startup-Barometer 2026 (15.03.2026).

Im April 2025 sammelt Kristina Nikolaus 13 Millionen Euro Seed-Kapital ein – die erste Finanzierungsrunde nach der Gründung – und wird damit zu einer der seltenen Gründerinnen in einem der am stärksten männerdominierten Sektoren der Startup-Welt: Weltraumtechnologie. Ihre Firma OKAPI:Orbits aus Braunschweig berechnet, wann Satelliten kollidieren könnten, bevor es passiert. Investoren wie Ventech und Amadeus Capital Partners setzen auf sie; wenige Monate später kürt der German Startup Award sie zur „Founder of the Year“.

Nikolaus ist die Ausnahme, die die Regel sichtbar macht. Am 15. März 2026 veröffentlichte die Strategieberatung EY-Parthenon ihr Startup-Barometer zu Gründerinnen und Gründern, und die Zahl, die hängen blieb, war einfach: Von 7,8 Milliarden Euro Risikokapital, die 2025 in deutsche Startups mit bekannter Teamzusammensetzung flossen, gingen 53 Millionen Euro an Startups mit rein weiblichen Gründungsteams. Ein Plus von 23 Prozent gegenüber dem Vorjahr, aber weiterhin nur ein Prozent der Gesamtsumme, obwohl der deutsche Venture-Capital-Markt insgesamt so kräftig wächst wie seit Jahren nicht mehr. 94 Prozent, rund 7,4 Milliarden Euro, gingen an rein männliche Teams. Die verbleibenden 103 Startups, 16 Prozent, hatten gemischte Gründungsteams; auf sie entfielen rechnerisch die übrigen rund fünf Prozent des Kapitals.

Der langfristige Trend verschärft den Kontrast sogar noch. Seit 2017 hat sich laut Female Founders Monitor 2025 die Zahl der Risikokapital-Finanzierungen für Startups mit mindestens einer Gründerin im Team fast verdoppelt, das investierte Kapital sogar vervierfacht. Trotzdem flossen 2024 noch 91 Prozent des gesamten Wagniskapitals an rein männliche Teams. Ein Jahr später waren es laut EY-Parthenon bereits 94 Prozent. Der Anteil der Gründerinnen wächst also nicht mit dem Gesamtmarkt mit, er schrumpft relativ, während die absoluten Zahlen auf beiden Seiten steigen.

Der Gründerinnen-Trichter: Wie sich die Lücke mit jeder Stufe verengt

Die Zahl ergibt erst Sinn im Vergleich mit den anderen aktuellen Erhebungen zum Thema Gründerinnen, denn keine zeigt dieselbe Lücke. Der KfW-Gründungsmonitor 2026 zählt für 2025 rund 690.000 Existenzgründungen in Deutschland insgesamt, mit einem Frauenanteil von 35 Prozent, einen Punkt weniger als 2024 und unter dem langjährigen Schnitt von 39 Prozent. Beim Deutschen Startup Monitor 2025 des Startup-Verbands, der gezielt wachstumsorientierte, technologiebasierte Gründungen erfasst, sinkt der Anteil bereits auf 19,8 Prozent. Noch eine Stufe tiefer, bei den Personen in den Gründungsteams finanzierter Startups, zählte EY-Parthenon 2025 nur noch 152 von 1.633 – neun Prozent. Beim Kapital selbst dann: ein Prozent.

35, dann 19,8, dann 9, dann 1. Das sind keine vier Messungen desselben Phänomens, sondern vier Filterstufen. Zwischen allgemeiner Gründungsbereitschaft und einem finanzierten Venture-Capital-Startup liegen mehrere Entscheidungen: die für ein wachstumsorientiertes statt ein klassisches Geschäftsmodell, die für einen kapitalintensiven statt einen bootstrap-fähigen Sektor, und schließlich die eines Investors, der einen Scheck ausstellt. An jeder dieser Stufen verlieren Gründerinnen relativ mehr als Gründer, nicht nur an einer einzigen.

Wo das Geld tatsächlich verschwindet

Der Trichter verengt sich außerdem nicht gleichmäßig. Er wird enger, je größer die Runde. Bei Finanzierungen bis eine Million Euro lag der Frauenanteil in den Gründungsteams 2025 bei 13,3 Prozent. Bei Runden über 50 Millionen Euro waren es nur noch 3,3 Prozent. Die Sektorverteilung verstärkt den Effekt: Im kapitalstärksten Bereich, Software & Analytics, lag der Frauenanteil bei sechs Prozent, ähnlich niedrig in FinTech, Energy und Mobility. Gründerinnen sind dagegen deutlich stärker vertreten in E-Commerce mit 21 Prozent, Education mit 17 Prozent und ClimateTech mit 15 Prozent – Sektoren, die zwar ebenfalls Kapital anziehen, aber selten die großen Runden erreichen, die Bewertungen wirklich nach oben treiben.

„Wenn nur ein Prozent des Kapitals an Gründerinnen fließt, entsteht der Eindruck, dass weibliches Unternehmertum weniger lohnend sei.“

Dr. Thomas Prüver, Partner bei EY-Parthenon

Sektorwahl oder Systemfehler?

An dieser Stelle lohnt sich die ehrliche Gegenrechnung, die auch EY-Parthenon selbst anstellt. Ein Teil der Lücke ist durch Sektorwahl erklärbar: Frauen gründen seltener in Software, Deep Tech oder Verteidigung, auch weil sie in technischen Studiengängen unterrepräsentiert sind. Das sei, so Prüver, kein individuelles Versäumnis, sondern Ergebnis struktureller Faktoren. Die Zahlen stützen ihn: Laut Statistischem Bundesamt lag der Frauenanteil unter den Studienanfängerinnen und -anfängern in MINT-Fächern, also Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik, im Studienjahr 2024 bei 36 Prozent, ein neuer Höchststand gegenüber 31 Prozent zehn Jahre zuvor. Der Trend zeigt nach oben, ist aber weit von der Parität entfernt, die sich Jahre später in den Gründungsteams kapitalintensiver Sektoren niederschlagen müsste. Wer einwendet, das ungleiche Kapital spiegele schlicht unterschiedliche Gründungsentscheidungen, hat also einen Teil der Wahrheit auf seiner Seite.

Nur erklärt Sektorwahl allein nicht, warum die Lücke mit der Rundengröße wächst. Wäre Sektorzugehörigkeit der einzige Faktor, müsste der Frauenanteil bei großen und kleinen Runden im selben Sektor ähnlich ausfallen. Stattdessen fällt er von 13,3 auf 3,3 Prozent, sobald aus sechsstelligen neunstellige Summen werden. Das spricht für einen zweiten Effekt, den auch der Female Founders Monitor 2025 von Startup-Verband und Bertelsmann Stiftung beschreibt: fehlender Zugang zu genau den Netzwerken, über die die großen, späten Runden laufen, und ein Investorenkalkül, das mit steigendem Einsatz vorsichtiger wird, nicht neutraler.

Die Wurzel liegt vor der Gründung

Der Female Founders Monitor verortet einen Teil der Ursache Jahre vor der eigentlichen Gründung. Zwei Drittel der männlichen Gründer fassten ihren Plan bereits als Jugendliche oder im Studium, bei den Frauen nur 43 Prozent. Im Studium priorisieren 60 Prozent der Frauen einen sicheren Arbeitsplatz, bei den Männern sind es 32 Prozent. Das ist keine Frage von Mut, sondern von Risikopräferenzen, die früh geprägt werden: durch fehlende Vorbilder und verfestigte Rollenbilder, verstärkt durch ein Bildungssystem, das laut Studie bestehende Muster nicht ausreichend aufbricht.

„Deutschland kann es sich nicht leisten, auf das Potenzial von Frauen zu verzichten. Sie sind die größte stille Reserve unseres Landes“, sagt Verena Pausder, Vorstandsvorsitzende des Startup-Verbands. Der zweite große Hebel, den 81 Prozent der befragten Gründerinnen gegenüber 60 Prozent der Gründer nennen, ist die Vereinbarkeit von Unternehmertum und Care-Arbeit – ein Faktor, der mit Kapitalallokation zunächst nichts zu tun hat, aber dieselbe Pipeline schon Jahre vor der ersten Finanzierungsrunde ausdünnt.

Was daraus folgt

Für einen Markt, der sich datengetrieben nennt, ist das eine unbequeme Erkenntnis: Die Aggregatzahl von neun Prozent Gründerinnen unter den Kapitalempfängern verschleiert mehr, als sie zeigt. Wer nur auf die Topline schaut, übersieht, dass sich die eigentliche Verengung erst in den großen, späten Runden vollzieht, dort, wo die Bewertungssprünge entstehen, die am Ende die Fondsrenditen tragen. Wer gezielt in Gründerinnen-Teams außerhalb der Komfortzone Software investiert, dahin, wo Nikolaus mit OKAPI:Orbits gegangen ist, kauft sich in eine Angebotslücke ein, die der Markt selbst erzeugt hat. Die interessantere Frage für die kommenden Jahre ist deshalb nicht, ob der Gesamtanteil steigt, sondern an welcher Stufe des Trichters zuerst.

Das ist kein Aufruf zur Wohltätigkeit, sondern eine Frage der Kapitalallokation. Ein Prozent Kapitalanteil für Gründerinnen ist kein Fairness-Problem, es ist ein Rendite-Problem, das noch niemand vollständig eingepreist hat.

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