Als Helsing im Juli 2026 rund 1,8 Milliarden Dollar einsammelte – bei einer Bewertung von etwa 18 Milliarden Dollar –, war das die größte Finanzierungsrunde, die je ein europäisches Defence-Startup abgeschlossen hat (Defense News, Juli 2026). Das Münchner Unternehmen entwickelt KI-Software für Verteidigung und zählt damit zu den wertvollsten Startups Europas. Noch vor wenigen Jahren hätte kaum ein deutscher VC das Wort Rüstung ins Portfolio geschrieben.
Die erste Fassung dieses Artikels benannte drei „Zukunftsbranchen“ – ohne eine einzige Zahl und ohne ein einziges Unternehmen. Das haben wir korrigiert. Hier sind drei Märkte, für die es harte Belege gibt: Verteidigungstechnologie, Klima- und Energietechnik, Biotech. Zwei davon standen sinngemäß schon in der alten Version, einer ist neu – warum, erklären wir transparent.
Eine Warnung vorweg: Marktprognosen sind Prognosen, keine Fakten. Wir nennen deshalb bei jeder Zahl, wer sie wann veröffentlicht hat. Und dieser Text ist Journalismus, keine Anlageberatung.
Auf einen Blick
- Helsing schloss im Juli 2026 eine Runde über rund 1,8 Milliarden Dollar bei etwa 18 Milliarden Dollar Bewertung ab (Defense News, Juli 2026).
- Die NATO-Staaten beschlossen im Juni 2025 in Den Haag, bis 2035 fünf Prozent ihrer Wirtschaftsleistung in Verteidigung und Sicherheit zu investieren (NATO, Juni 2025); die EU-Kommission will mit „ReArm Europe“ bis zu 800 Milliarden Euro mobilisieren (EU-Kommission, März 2025).
- Die weltweiten Investitionen in die Energiewende überstiegen 2024 erstmals 2 Billionen Dollar und lagen 2025 bei rund 2,3 Billionen (BloombergNEF, 2025/2026).
- Enpal aus Berlin erzielte 2023 einen Umsatz von 905 Millionen Euro bei erstmals positivem operativem Cashflow (Unternehmensangaben, Januar 2024).
- BioNTech kündigte im Juni 2025 die Übernahme von CureVac für rund 1,25 Milliarden Dollar in Aktien an; das IQVIA Institute erwartet bis 2028 weltweite Ausgaben für Krebsmedikamente von rund 409 Milliarden Dollar (IQVIA, 2024).
Warum wir die Branchenliste geändert haben
Die alte Fassung nannte KI im Mittelstand, nachhaltige Energie und HealthTech. Zwei davon überleben die Prüfung mit Daten: Energie und Gesundheit. „KI im Mittelstand“ fliegt raus – nicht weil KI unwichtig wäre, sondern weil sie kein eigener Markt ist, sondern eine Querschnittstechnologie, die in allen drei Branchen dieses Artikels steckt. Wie sie im deutschen Mittelstand konkret ankommt, haben wir in unserer Analyse zur stillen KI-Revolution im Mittelstand aufgeschrieben, und was sie für Gründer bedeutet, in unserem Text über KI als Co-Gründer. An ihre Stelle rückt der Sektor mit der härtesten Nachfrage-Evidenz, die Europa derzeit zu bieten hat: Verteidigung.
Verteidigungstechnologie: Helsing und das 5-Prozent-Ziel
Auf dem NATO-Gipfel in Den Haag verpflichteten sich die Mitgliedstaaten im Juni 2025, ihre Verteidigungs- und Sicherheitsausgaben bis 2035 auf fünf Prozent der Wirtschaftsleistung zu erhöhen – 3,5 Prozent für das Militär im engeren Sinne, 1,5 Prozent für Infrastruktur und Resilienz (NATO, Gipfelerklärung von Den Haag, Juni 2025). Parallel will die EU-Kommission mit dem im März 2025 vorgestellten Programm „ReArm Europe“ bis zu 800 Milliarden Euro mobilisieren (EU-Kommission, März 2025). Das sind keine Prognosen eines Marktforschers – das sind politische Beschlüsse mit Budgets dahinter.
Das 2021 gegründete Münchner Unternehmen Helsing ist der sichtbarste Profiteur: Im Juni 2025 sammelte es 600 Millionen Euro ein, angeführt von Prima Materia, der Investmentfirma von Spotify-Gründer Daniel Ek, bei einer Bewertung von rund 12 Milliarden Euro (Unternehmensangaben, Juni 2025). Ein Jahr später folgte die 1,8-Milliarden-Dollar-Runde bei rund 18 Milliarden Dollar Bewertung (Defense News, Juli 2026). Dahinter wächst ein ganzes Ökosystem, etwa der Drohnenhersteller Quantum Systems aus Gilching bei München. Für dich als Gründer heißt das: Der Einstieg läuft selten über Waffensysteme, sondern über Software, Sensorik, Logistik und Zulieferketten – Felder, in denen Zertifizierung und Vertrauen die eigentlichen Eintrittsbarrieren sind.
Klima- und Energietechnik: Enpal, 1Komma5° und der 2-Billionen-Markt
Die weltweiten Investitionen in die Energiewende überschritten 2024 erstmals die Marke von 2 Billionen Dollar und stiegen 2025 auf rund 2,3 Billionen (BloombergNEF, 2025/2026). Das ist keine Zukunftswette, sondern gemessenes Investitionsvolumen. In Deutschland zeigen zwei Unternehmen, wie daraus Umsatz wird: Enpal aus Berlin verdoppelte seinen Umsatz 2023 auf 905 Millionen Euro und erreichte erstmals einen positiven operativen Cashflow (Unternehmensangaben, Januar 2024). 1Komma5° aus Hamburg steigerte seinen Umsatz 2024, obwohl die deutsche Nachfrage nach Photovoltaik und Wärmepumpen deutlich einbrach (pv magazine, Februar 2025).
Interessant sind die zwei völlig verschiedenen Strategien: Enpal machte Solaranlagen mit einem Miet- und Abomodell für Hausbesitzer zugänglich, die keine fünfstellige Summe vorstrecken wollen. 1Komma5° kauft dagegen europaweit Installationsbetriebe auf und verbindet sie mit eigener Energiemanagement-Software. Beide Wege führen zum selben Punkt – wer die Schnittstelle zum Kunden und zum Handwerk besetzt, verdient an jeder Anlage mit, egal welcher Hersteller das Modul liefert. Auch abseits von Solar entstehen in der Energietechnik neue Nischen – etwa beim kabellosen Laden, das mehr ist als Komfort.
Genau dieser Einbruch gehört zur ehrlichen Analyse: Der Heimenergie-Markt schwankt mit Zinsen, Strompreisen und Förderpolitik. Wer hier gründet, braucht ein Geschäftsmodell, das auch Flauten übersteht – welche Branchen selbst in Abschwüngen wachsen, zeigt unsere Analyse zur Rezession als Chance. Die strukturelle Richtung aber stimmt: Klimaziele und Energiekosten verschwinden nicht mit dem nächsten Konjunkturzyklus.
Biotech: BioNTech baut die Post-COVID-Pipeline
BioNTech aus Mainz investiert seine Impfstoff-Milliarden in das, wofür das Unternehmen ursprünglich gegründet wurde: Krebstherapien auf mRNA-Basis. Im Juni 2025 kündigte der Konzern an, den Tübinger Rivalen CureVac für rund 1,25 Milliarden Dollar in Aktien zu übernehmen, um Forschung und Patente im mRNA-Feld zu bündeln; die Übernahme ist inzwischen abgeschlossen (BioNTech, 2025/2026). Fast zeitgleich schloss BioNTech eine globale Partnerschaft mit dem US-Pharmakonzern Bristol Myers Squibb für den Antikörperkandidaten BNT327 gegen solide Tumore – mit 1,5 Milliarden Dollar Vorabzahlung und einem Gesamtvolumen von bis zu 11,1 Milliarden Dollar (BioNTech, Juni 2025). Ein deutsches Biotech, das vor 2020 den meisten nur Fachleuten bekannt war, verhandelt heute auf Augenhöhe mit den größten Pharmakonzernen der Welt.
Der Zielmarkt ist gewaltig: Das IQVIA Institute erwartet, dass die weltweiten Ausgaben für Krebsmedikamente bis 2028 auf rund 409 Milliarden Dollar steigen (IQVIA, 2024) – eine Prognose des Marktforschers, keine Gewissheit.
Für Gründer ohne eigenes Labor liegt die Chance im Umfeld: Software für klinische Studien, Diagnostik, Datenmanagement. Wohin die Medizintechnik technologisch läuft, zeigt unser Blick auf Bioprinting und Organe aus dem Drucker. Und mit künstlicher Haut, die fühlen kann, entsteht daneben ein zweites Feld zwischen Medizin und Robotik.
Was die drei Märkte verbindet
Erstens: Die Nachfrage kommt nicht aus Konsumlaune, sondern aus strukturellen Zwängen – Sicherheitslage, Klimaziele, alternde Gesellschaft. Solche Nachfrage übersteht Konjunkturzyklen. Zweitens: Das Kapital ist vorhanden, konzentriert sich aber auf weniger, größere Wetten – wie unser Report zu Venture Capital in Deutschland 2026 zeigt. Drittens: In allen drei Feldern gewinnen Firmen, die reale Infrastruktur mit Software verbinden – Helsing schreibt Code für Jets und Drohnen, Enpal hängt Module aufs Dach, BioNTech baut Produktionsstraßen. Reine App-Ideen haben es hier schwer.
Wie du andockst, ohne Helsing zu sein
Nüchtern betrachtet wirst du nicht das nächste Helsing gründen – musst du auch nicht. Milliardenmärkte werden von Zulieferern erschlossen: Compliance- und Zertifizierungstools für Defence-Zulieferer, Installations- und Wartungssoftware für Energietechniker, Datenplattformen für Studienzentren. Das sind Geschäfte, die mit kleinem Team starten und mit dem Markt wachsen. Voraussetzung bleibt der Anspruch, ein Problem wirklich besser zu lösen – warum echte Innovation unbequem ist, haben wir grundsätzlich aufgeschrieben.
Und noch eine Einordnung, die die alte Fassung schuldig blieb: Dass ein Markt groß wird, heißt nicht, dass jedes Unternehmen darin gewinnt. Die deutsche Solarindustrie war in den Nullerjahren ebenfalls ein beschlossener Milliardenmarkt – und trotzdem gingen ihre größten Namen später insolvent, weil die Fertigung nach China wanderte. Marktgröße ist eine Voraussetzung, kein Geschäftsmodell. Entscheidend ist, welche Position in der Wertschöpfungskette du besetzt und wie lange dein Kapital reicht, bis die Nachfrage bei dir ankommt.
Die 800 Milliarden aus Brüssel und die fünf Prozent aus Den Haag sind beschlossen, die 2,3 Billionen für die Energiewende sind bereits investiert. Die Frage für die nächsten Jahre ist nicht, ob dieses Geld fließt – sondern durch wessen Produkt.
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