Pets Deli: Vom Insolvenzfall zum Übernahmeziel – was 40 Millionen D2C-Umsatz 2026 wert sind

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Fulfilment-Lager in der Dämmerung: Paletten mit Kartons und Futtersäcken, warme Lampen, ein abfahrender Lkw – Sinnbild für die Übernahme des Berliner D2C-Startups Pets Deli durch die tschechische VAFO Group.

Am 11. August 2026 hat die tschechische VAFO Group die Übernahme von Pets Deli bekannt gegeben. Das Berliner Direct-to-Consumer-Startup für Premium-Tiernahrung macht laut VAFO-Mitteilung mehr als 40 Millionen Euro Jahresumsatz. Der Kaufpreis ist nicht öffentlich — deutsche-startups.de schreibt schlicht: „Der Kaufpreis ist nicht bekannt.“

Neun Jahre vorher, im Mai 2017, war dieselbe Firma insolvent. Kein Teilverkauf, kein Schutzschirm — Insolvenz. Was danach passierte, ist die eigentliche Geschichte: ein Neustart unter einer Berliner Beteiligungsholding, acht Jahre Wiederaufbau und am Ende ein Verkauf nicht an einen Finanzinvestor, nicht an die Börse, sondern an einen tschechischen Familienkonzern mit über 700 Millionen Euro Umsatz.

Wenn du gerade ein D2C-Modell baust, ist das der relevanteste deutsche Deal des Sommers. Nicht wegen der Summe — die kennt niemand. Sondern wegen der Frage, die er beantwortet: Wer kauft 2026 eigentlich noch deutsche Konsumgüter-Startups, und warum?

Auf einen Blick

  • Der Deal: VAFO Group (Tschechien, Familienbesitz) übernimmt Pets Deli, Berlin. Angekündigt am 11. August 2026, Kaufpreis nicht offengelegt.
  • Das Ziel: über 40 Millionen Euro Umsatz, D2C-Premiumtiernahrung für Hund und Katze.
  • Der Käufer: über 700 Millionen Euro Umsatz, mehr als 1.500 Mitarbeitende in neun europäischen Ländern, Marken in über 90 Ländern (Just Food, 12.08.2026).
  • Die Vorgeschichte: Insolvenz im Mai 2017, Neustart im September 2017 unter der Berliner Holding Econa.
  • Der Markt: deutscher Heimtiermarkt 2025 rund 7 Milliarden Euro, Fertignahrung 4,3 Milliarden (+0,3 %), Bedarfsartikel 1,1 Milliarden (−4,6 %) — laut ZZF/IVH.

Rocket Internet, BARF und der Mai 2017

Pets Deli startete 2014 als Anbieter von Premium-Hundefutter (deutsche-startups.de, 12.08.2026). Erster Investor war Rocket Internet. Das Produkt war frisches, hochwertiges Futter, direkt an den Endkunden verkauft — das klassische D2C-Versprechen der mittleren 2010er.

Im Mai 2017 war Schluss. Tania Moser, die die Marke danach als Miteigentümerin und CEO übernahm, hat die Ursache später ohne Beschönigung benannt: „Wir hatten weder die Margen noch die Prozesse für ein solch rasantes Wachstum“ (ZZA Online). Dazu kam eine strategische Verengung: Der Fokus lag fast ausschließlich auf BARF, also Rohfleischfütterung. Eine Nische innerhalb einer Nische.

Lies Mosers Satz noch einmal. Margen und Prozesse. Nicht Nachfrage, nicht Produkt, nicht Marketing. Das Startup ist nicht an einem fehlenden Markt gestorben, sondern daran, dass die verkaufte Einheit im Wachstum kein Geld verdient hat und die Organisation dahinter nicht mitkam. Das ist bis heute die häufigste Todesursache im deutschen D2C — und der Grund, warum die Frage Bootstrapping oder Venture Capital nicht ideologisch, sondern rechnerisch zu beantworten ist.

Im September 2017 stieg Econa ein, eine Berliner D2C-Beteiligungsholding. Kein Fresh-Money-Rausch, sondern ein operativer Umbau: raus aus der BARF-Monokultur, rein in ein breiteres Sortiment aus Nass- und Trockenfutter, Snacks und Ergänzungsmitteln. 2023 lag der Onlineanteil bei rund 86 Prozent des Umsatzes, das B2B-Geschäft bei etwa 10 Prozent mit dem erklärten Ziel von 20 (ZZA Online). Nach dem Neustart wuchs das Unternehmen zunächst um rund 100 Prozent pro Jahr, später mit 40 bis 50.

Warum ein Industriekonzern und kein Finanzinvestor

Ein Startup mit 40 Millionen Euro Umsatz und funktionierender Marke hätte 2021 vermutlich eine Wachstumsrunde bekommen. 2026 nicht mehr — jedenfalls nicht zu Konditionen, die für die Altgesellschafter attraktiv gewesen wären.

Was VAFO mitbringt, kann kein Kapitalgeber liefern: eigene Produktion. Der Konzern stellt Tiernahrung an neun europäischen Standorten her und vertreibt Marken wie Brit und Carnilove in über 90 Ländern (Just Food, 12.08.2026). Pascal Hänle, COO von Pets Deli, formuliert es in der Mitteilung nüchtern: „VAFO gives us operational firepower we couldn’t have built on our own.“

Übersetzt: Das Nadelöhr eines D2C-Futteranbieters ist nicht die Kundengewinnung, sondern die Herstellkosten. Wer Rezeptur, Werk und Einkauf nicht besitzt, kämpft dauerhaft gegen die eigene Bruttomarge — genau der Punkt, an dem Pets Deli 2017 gescheitert ist. Ein Stratege löst dieses Problem am Tag des Closings. Ein Fonds löst es nie.

Das ist auch der Unterschied zu Deals, bei denen Kapital selbst das Produkt ist. Als Moss zuletzt eine große Runde einsammelte, ging es um Reichweite und Bilanzstärke — nachzulesen in unserer Analyse zu der Moss-Finanzierungsrunde und was sie über 2026 verrät. Bei Pets Deli geht es um Kilo, Werke und Einkaufspreise.

Pets Deli ist nicht der Ausreißer, sondern Nummer fünf

Der wichtigste Kontext fehlt in den meisten Meldungen: VAFO kauft seit Jahren systematisch zu. 2023 übernahm die Gruppe die britische Marke Pooch & Mutt und eine Mehrheit am schwedischen Großhändler Lupus Foder. 2024 folgten PetCo in Österreich und Dagsmark Petfood in Finnland. Anfang 2026 hat der Konzern sein Geschäft in getrennte Einheiten für Marken, Handelsmarken und Produktion umgebaut (alle Angaben: Just Food, 12.08.2026).

Pets Deli ist damit kein Zufallsfund, sondern der deutsche Baustein einer europäischen Buy-and-Build-Strategie. Die Marke bleibt eigenständig bestehen. Pavel Bouška, Chairman von VAFO, beschreibt das Kaufmotiv genau so: „Pets Deli fits our group really well: a strong brand, close to consumers, with a clear digital mindset and significant growth potential.“

Für dich als Gründerin oder Gründer heißt das etwas sehr Konkretes: Der wahrscheinlichste Käufer deines Konsumgüter-Startups sitzt nicht in Berlin oder London, sondern ist ein europäischer Mittelständler mit eigenen Werken, der digitale Vertriebskompetenz zukaufen will, weil er sie intern nicht aufbaut. Das ist dieselbe Logik wie bei der Übernahme von Delivery Hero durch Uber, nur zwei Größenordnungen kleiner — und deshalb für die meisten von uns relevanter.

Was der Heimtiermarkt 2025 wirklich sagt

Die Marktzahlen erklären das Timing. Der deutsche Heimtiermarkt kam 2025 auf rund 7 Milliarden Euro Umsatz (ZZF/IVH). Fertignahrung: 4,3 Milliarden Euro, plus 0,3 Prozent. Katzennahrung 2,3 Milliarden (+1,3 %), Hundenahrung 1,8 Milliarden (−0,3 %). Bedarfsartikel — Leinen, Körbchen, Spielzeug — 1,1 Milliarden Euro, minus 4,6 Prozent.

Der Kanalvergleich ist noch deutlicher: stationär 5,3 Milliarden Euro (−0,7 %), online 1,5 Milliarden (+0,6 %). Online wächst also, aber im Zehntelbereich, nicht zweistellig.

Das ist ein reifer Markt. Das Grundgeschäft — Futter, das jede Woche gekauft werden muss — hält sich stabil. Das Diskretionäre bricht weg. In so einem Markt gewinnt nicht, wer am schnellsten wächst, sondern wer die niedrigsten Stückkosten hat und trotzdem eine Marke besitzt, für die Menschen einen Aufpreis zahlen. Genau diese Kombination entsteht durch den Zusammenschluss.

Für Pets Deli allein wäre dieser Markt in den nächsten Jahren zäh geworden. 0,6 Prozent Onlinewachstum trägt keine D2C-Wachstumsstory.

Trade Sale ist keine Niederlage

In der deutschen Startup-Erzählung gilt der Verkauf an einen Strategen oft als Trostpreis: kein Börsengang, keine Milliardenbewertung, kein Titelbild. Diese Rangordnung ist Unsinn, und der Pets-Deli-Fall zeigt warum.

Eine Firma, die 2017 insolvent war, ist 2026 für einen 700-Millionen-Euro-Konzern strategisch wertvoll genug, um übernommen zu werden. Die Marke überlebt, das Team behält seine Aufgabe, und die Gesellschafter realisieren einen Wert, den die Insolvenz 2017 nicht annähernd hergegeben hat. Tania Moser, inzwischen im Beirat, sagt zum Käufer: „In VAFO we’ve found a partner who shares those same standards on quality and brand.“

Es gibt auch den anderen Weg — Gründer, die sich ihr Unternehmen zurückholen, statt es abzugeben, wie in dem Rückkauf durch die Autodoc-Gründer, oder Marken, die den Neuanfang aus eigener Kraft versuchen, wie beim Führungswechsel bei mymuesli. Beide Wege sind legitim. Der Punkt ist nicht, welcher Ausgang edler ist, sondern dass du weißt, welchen dein Geschäftsmodell überhaupt zulässt.

Was du mitnimmst

  • Bruttomarge schlägt Wachstumsrate. Pets Deli ist 2017 nicht an fehlender Nachfrage gestorben, sondern an Margen und Prozessen. Wenn deine Deckungsbeiträge im Wachstum schlechter werden statt besser, wächst du in die Insolvenz.
  • Kenne deinen wahrscheinlichsten Käufer, bevor du ihn brauchst. Bei physischen Produkten ist das fast nie ein Fonds, sondern ein europäischer Hersteller, dem dein Vertriebskanal fehlt. Wer die eigene Firma so baut, dass sie in genau dieses Nadelöhr passt, hat später eine Option statt einer Notlage.
  • Eine Insolvenz beendet die Geschichte nicht. Neun Jahre nach dem Mai 2017 ist dieselbe Marke ein strategisches Asset. Das ist selten, aber möglich — und es passiert genau dann, wenn nach dem Scheitern jemand das Geschäftsmodell repariert statt nur die Kasse.

Der Kaufpreis bleibt geheim, und das ist bezeichnend. Bei diesem Deal ist die Zahl nicht die Nachricht. Die Nachricht ist, wer heute in Deutschland kauft — und was er dafür haben will.

Quellen: VAFO Group (Mitteilung, 11.08.2026), Just Food (12.08.2026), deutsche-startups.de (12.08.2026), ZZA Online, ZZF/IVH „Der deutsche Heimtiermarkt 2025″, Kinstellar (Mitteilung zur Transaktionsberatung). Stand: 25. August 2026.

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