Thomas Middelhoff: Aufstieg, Einfluss und der tiefe Fall eines Top-Managers

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Leerer holzvertäfelter Gerichtssaal mit unbesetztem Stuhl und Messinglampe in der Dämmerung – Sinnbild für den juristischen Fall eines deutschen Top-Managers

Thomas Middelhoff war um die Jahrtausendwende der bekannteste Manager Deutschlands. Als Vorstandsvorsitzender von Bertelsmann (1998 bis 2002) trieb er die Internationalisierung und Digitalisierung des Gütersloher Medienkonzerns voran – und verantwortete mit dem Ausstieg bei AOL Europe einen der profitabelsten Deals der deutschen Wirtschaftsgeschichte. „Big T“, wie er sich nennen ließ, verkörperte einen neuen Managertypus: global vernetzt, digital begeistert, maximal selbstbewusst (Business Insider, 2020).

Zwölf Jahre nach seinem Abgang bei Bertelsmann saß derselbe Mann im Landgericht Essen und wurde unmittelbar nach der Urteilsverkündung im Gerichtssaal verhaftet: drei Jahre Haft wegen Untreue in 27 Fällen und Steuerhinterziehung in drei Fällen (LG Essen, Urteil vom 14. November 2014, Az. 35 KLs 14/13; LTO, 2014). Es folgten Untersuchungshaft, Privatinsolvenz, eine schwere Erkrankung – und Jahre später ein zweites Leben als Autor und Redner.

Für dich als Gründer ist dieser Fall mehr als eine Manager-Anekdote aus einer anderen Ära. Er zeigt in seltener Klarheit, was passiert, wenn die Grenze zwischen Firmengeld und eigenem Geld verschwimmt – und warum Governance keine Bürokratie ist, sondern eine Überlebensfrage.

Auf einen Blick

  • 1998–2002: Vorstandsvorsitzender der Bertelsmann AG; der Verkauf der AOL-Europe-Beteiligung brachte dem Konzern Berichten zufolge rund sieben Milliarden Euro ein (Der Spiegel, 2002).
  • 2005–2009: Vorstandschef von KarstadtQuelle, ab 2007 Arcandor; im Juni 2009 – wenige Monate nach seinem Abgang – meldete Arcandor Insolvenz an (Business Insider, 2020).
  • 14. November 2014: Das Landgericht Essen verurteilt Middelhoff zu drei Jahren Haft wegen Untreue in 27 Fällen und Steuerhinterziehung in drei Fällen (Az. 35 KLs 14/13; LTO, 2014). Der Bundesgerichtshof verwirft die Revision am 17. Februar 2016 (Az. 1 StR 209/15) – das Urteil ist rechtskräftig (LTO, 2016).
  • Anfang 2015: Middelhoff stellt einen Privatinsolvenzantrag; Gläubiger melden Forderungen von über 400 Millionen Euro an, rund 80 Millionen davon werden anerkannt (Mitteldeutsche Zeitung, 2015; Business Insider, 2020).
  • 26. November 2017: Vorzeitige Entlassung auf Bewährung nach zwei Dritteln der Strafe, zuletzt als Freigänger mit Arbeit in den Bethel-Werkstätten (t-online, 2017).

Der Aufstieg: Bertelsmann, AOL und der Nimbus des Unfehlbaren

Middelhoff wurde 1994 in den Bertelsmann-Vorstand berufen und übernahm 1998 den Vorsitz (Business Insider, 2020). Er setzte früher als fast alle deutschen Konzernlenker auf das Internet und hatte die Beteiligung am US-Onlinedienst AOL vorangetrieben. Als Bertelsmann seine Anteile an AOL Europe im Zuge der Fusion von AOL und Time Warner verkaufte, flossen Berichten zufolge rund sieben Milliarden Euro nach Gütersloh (Der Spiegel, 2002) – ein Gewinn, der Middelhoffs Ruf als visionärer Dealmaker zementierte.

In seine Amtszeit fielen der Ausbau des Buchgeschäfts um Random House, der Umbau der RTL Group – und der Versuch, die Musiktauschbörse Napster zu legalisieren, in die Bertelsmann ab 2000 investierte (Business Insider, 2020). Nicht alles davon funktionierte. Aber Middelhoff hatte etwas, das in der deutschen Konzernlandschaft selten war: Tempo, internationale Bühne, Star-Appeal.

2002 endete die Ära abrupt: Nach einem Zerwürfnis mit der Eigentümerfamilie musste Middelhoff gehen – mit einer Abfindung von rund 25 Millionen Euro (Business Insider, 2020). Der Nimbus blieb. Und mit ihm ein Selbstbild, das später vor Gericht eine Rolle spielen sollte: das des Ausnahmemanagers, für den eigene Maßstäbe gelten.

Arcandor: Sanierung im Blindflug

Im Mai 2005 übernahm Middelhoff den kriselnden Handelskonzern KarstadtQuelle, den er 2007 in Arcandor umbenannte. Er verkaufte Randgeschäfte, baute um, und zwischenzeitlich schrieb der Konzern wieder schwarze Zahlen (Business Insider, 2020). Doch die Substanzprobleme des Warenhaus- und Versandgeschäfts löste der Umbau nicht: Der stationäre Handel verlor gegen das Internet, der Katalogversand starb. Wie es endet, wenn Organisationen den Strukturwandel zu lange aussitzen, haben wir am Beispiel von 1860 München und dem Tod auf Raten beschrieben – Arcandor ist die Konzernversion dieser Geschichte.

Ende 2008 wurde Middelhoffs Abgang verkündet; er erhielt mitten in der Finanzkrise eine Abfindung von über zwei Millionen Euro (Business Insider, 2020). Im Juni 2009 meldete Arcandor Insolvenz an – einer der größten Zusammenbrüche der deutschen Handelsgeschichte, mit zehntausenden betroffenen Beschäftigten.

In genau diese Jahre fielen die Vorgänge, die später vor Gericht landeten: Charterflüge nach London und New York sowie Helikopterflüge zwischen seinem Wohnort Bielefeld und der Essener Konzernzentrale, bezahlt vom angeschlagenen Unternehmen – insgesamt mehrere hunderttausend Euro zwischen 2005 und 2009 (LTO, 2014). Dazu kam eine anteilig vom Konzern bezahlte Festschrift für einen früheren Weggefährten (Business Insider, 2020).

Der Prozess: Untreue ist kein Kavaliersdelikt

Vor dem Landgericht Essen argumentierte die Verteidigung, die Charterflüge seien nötig gewesen, weil Middelhoff in der Dauerkrise rund um die Uhr verfügbar sein musste. Die Staatsanwaltschaft forderte dreieinhalb Jahre Haft, das Gericht verhängte drei Jahre: Untreue in 27 Fällen, Steuerhinterziehung in drei Fällen (LG Essen, 14. November 2014, Az. 35 KLs 14/13; LTO, 2014).

Weil das Gericht Fluchtgefahr sah, wurde Middelhoff noch im Gerichtssaal verhaftet (Business Insider, 2020). Er verbrachte mehr als fünf Monate in Untersuchungshaft in der JVA Essen, ehe er im April 2015 gegen eine Kaution von 895.000 Euro und die Abgabe seines Reisepasses freikam (LTO, 2016). Am 17. Februar 2016 verwarf der Bundesgerichtshof seine Revision als unbegründet – das Urteil wurde ohne Änderungen rechtskräftig (Az. 1 StR 209/15; LTO, 2016).

Wichtig für die Einordnung: Verurteilt wurde Middelhoff für konkrete Spesen- und Steuervorgänge – nicht für die Arcandor-Pleite als solche. Für den Zusammenbruch des Konzerns wurde er strafrechtlich nie belangt. Zivilrechtlich stritt er parallel unter anderem mit der Privatbank Sal. Oppenheim über Millionenforderungen aus Kreditgeschäften (Mitteldeutsche Zeitung, 2015).

Absturz total: Haft, Krankheit, Privatinsolvenz

Anfang 2015, mitten im Zivilprozess mit Sal. Oppenheim, stellte Middelhoff einen Privatinsolvenzantrag (Mitteldeutsche Zeitung, 2015). Gläubiger meldeten Forderungen von über 400 Millionen Euro an; anerkannt wurden rund 80 Millionen (Business Insider, 2020). Der Insolvenzverwalter sicherte bis 2020 rund 14 Millionen Euro aus Vermögenswerten für die Gläubiger (Business Insider; Westfalen-Blatt, 2020) – Mitte 2020 stand die Restschuldbefreiung in Aussicht (Business Insider, 2020).

In der Haft erkrankte Middelhoff an einer Autoimmunerkrankung (Business Insider, 2020). Nach Rechtskraft des Urteils trat er die Strafe an und arbeitete als Freigänger in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung der v. Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel in Bielefeld. Das Landgericht Bielefeld setzte die Reststrafe nach zwei Dritteln zur Bewährung aus – am 26. November 2017 kam er frei, mit vier Jahren Bewährungszeit (t-online, 2017).

Das zweite Leben: Vom Star-Manager zum Mahner

Middelhoff verarbeitete seinen Fall öffentlich – radikaler, als es die meisten gestürzten Manager je getan haben. 2017 erschien sein Buch „A115 – Der Sturz“, 2019 folgte „Schuldig“, 2020 gemeinsam mit dem Investor Cornelius Boersch „Zukunft verpasst?“ über die verschlafene Digitalisierung Deutschlands. Er trat als Redner auf, auch bei Fuck-up-Formaten, und beriet Start-ups; seine Einnahmen flossen während des laufenden Insolvenzverfahrens größtenteils an die Gläubiger (Business Insider, 2020).

Bemerkenswert ist der Ton: Schon der Buchtitel „Schuldig“ zeigt, dass Middelhoff sein Scheitern nicht mehr wegerklärt, sondern als Ergebnis eigener Hybris beschreibt. Dass ausgerechnet der Mann, der einst im Helikopter zur Arbeit flog, später in einer Behindertenwerkstatt arbeitete, gehört zu den härtesten Schnitten der deutschen Wirtschaftsgeschichte – und zu den lehrreichsten. Warum Scheitern gerade für Gründer kein Endpunkt sein muss, liest du in unserem Beitrag Warum die besten Gründer scheitern – und genau deshalb gewinnen.

Was du aus dem Fall Middelhoff lernst

Der Fall Middelhoff ist kein Museumsstück, sondern eine Checkliste für jeden, der ein Unternehmen führt – auch ein kleines:

  • Firmengeld ist nie dein Geld. Auch nicht als CEO, auch nicht als Gründer mit 90 Prozent der Anteile. Untreue beginnt nicht bei Millionen, sondern beim ersten privaten Flug auf Firmenkosten. Sobald Investoren, Gläubiger oder Mitarbeiter im Boot sind, verwaltest du fremdes Vermögen – und haftest dafür.
  • Erfolg erzeugt Hybris, Hybris zerstört Kontrolle. Je größer die Erfolge, desto leiser der Widerspruch im Umfeld. Genau dann brauchst du Strukturen, die dich bremsen dürfen: einen Beirat mit Rückgrat, ein Vier-Augen-Prinzip bei Ausgaben, saubere Dokumentation. Echte Führung hat mit Statussymbolen nichts zu tun – mehr dazu in Führen ohne Titel.
  • Status ist kein Geschäftsmodell. Privatjets, Helikopter, große Bühne: Inszenierung kann Türen öffnen, ersetzt aber keine Substanz. Wohin Selbstinszenierung ohne Fundament im Extremfall führt, zeigt unser Porträt über den Windkraftschwindler Hendrik Holt.
  • Die Abrechnung kommt in der Krise. Spesen, die im Boom niemand hinterfragt, werden in der Insolvenz zur Beweisakte. Führe dein Unternehmen so, dass jede Ausgabe auch vor einem Insolvenzverwalter Bestand hätte.

Mehr Lehrstücke über Aufstieg und Fall findest du in unserem Porträt über René Benko und den Aufstieg und Fall eines Immobilienimperiums.

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