Warum 80 % der Privatanleger weniger Rendite erzielen als der Markt

0
22

Kaum eine Zahl wird im Finanzmarketing so gern zitiert wie diese: 80 Prozent der Privatanleger erzielen weniger Rendite als der Markt. Sie taucht in Verkaufsgesprächen auf, in Ratgebern, in Anzeigen für Trading-Tools. Und fast immer folgt derselbe Kronzeuge: die Dalbar-Studie aus den USA, die seit den 1990er-Jahren das Verhalten von Fondsanlegern vermisst und Jahr für Jahr dramatische Renditelücken meldet.

Das Problem: Ausgerechnet diese berühmteste Quelle steht methodisch auf wackligen Beinen. Auch wir haben die Dalbar-Zahlen in einer früheren Version dieses Artikels unkritisch zitiert – das korrigieren wir hiermit. Denn wer die 80 Prozent ernst nimmt, muss beides erzählen: dass die Renditelücke real ist. Und dass sie für die meisten Anleger deutlich kleiner ist, als die Branche behauptet.

Deshalb hier der Faktencheck: was Dalbar misst und warum Forscher die Methode zerlegt haben, was sauberere Studien zeigen – und wo Privatanleger tatsächlich systematisch Rendite liegen lassen.

Auf einen Blick

  • Dalbar (QAIB-Report, 2025) beziffert die Lücke drastisch: US-Aktienfondsanleger erzielten 2024 im Schnitt 16,54 Prozent, der S&P 500 dagegen 25,02 Prozent.
  • Der Ruhestandsforscher Wade Pfau zeigte 2017, dass Dalbars Rechenweg selbst bei fehlerfreiem Anlegerverhalten eine Lücke von über drei Prozentpunkten erzeugt.
  • Morningstar („Mind the Gap“, 2025) misst sauberer: 1,2 Prozentpunkte Verhaltenslücke pro Jahr – 7,0 statt 8,2 Prozent über die zehn Jahre bis Ende 2024.
  • Nach den SPIVA-Daten von S&P Dow Jones Indices (2026) lagen 70 Prozent der aktiv gemanagten deutschen Aktienfonds 2025 hinter ihrem Vergleichsindex; über zehn Jahre schafft in vielen Kategorien nur rund jeder zwanzigste Fonds eine Überrendite.
  • Barber und Odean (2000): Die aktivsten US-Privatanleger erzielten 11,4 Prozent pro Jahr – der Markt 17,9 Prozent.

Die berühmteste Zahl der Branche – und ihr Rechenfehler

Dalbars „Quantitative Analysis of Investor Behavior“ vergleicht seit Jahrzehnten die Rendite des durchschnittlichen US-Fondsanlegers mit dem Markt. Die aktuellen Zahlen klingen vernichtend: Für 2024 meldete Dalbar 16,54 Prozent für den durchschnittlichen Aktienfondsanleger gegenüber 25,02 Prozent für den S&P 500 – eine Lücke von 8,48 Prozentpunkten, laut Dalbar die zweitgrößte des Jahrzehnts. Solche Werte sind die Basis der Behauptung, Anleger verlören „mehrere Prozentpunkte pro Jahr“ durch ihr Verhalten.

Doch 2017 rechnete der Finanzforscher Wade Pfau in „Advisor Perspectives“ nach – und fand einen systematischen Fehler. Dalbar behandelt laufende Einzahlungen so, als wäre das gesamte Geld schon am Anfang des Zeitraums investiert gewesen. Wer aber monatlich einzahlt, kann mit dem später eingezahlten Geld gar keine früheren Kursgewinne mitnehmen. Pfaus Beispiel: Ein Sparplan-Anleger im S&P 500 erzielte über 20 Jahre korrekt gerechnet 7,34 Prozent interne Rendite – Dalbars Formel macht daraus 4,05 Prozent. 3,29 Prozentpunkte „Verhaltenslücke“, die allein aus der Rechenmethode entstehen, ohne einen einzigen Anlegerfehler. Dalbar widersprach öffentlich, konnte die Kritik aber nie entkräften. Als Beleg für die Größe des Problems taugen diese Zahlen deshalb nicht.

Was sauberere Daten zeigen: „Mind the Gap“

Die methodisch sauberere Messung liefert Morningstar. Die Studie „Mind the Gap“ vergleicht die zeitgewichtete Rendite von Fonds mit der geldgewichteten Rendite der Anleger darin – und berücksichtigt Ein- und Auszahlungen korrekt. Das Ergebnis der Ausgabe 2025: Über die zehn Jahre bis Ende 2024 erzielte der durchschnittliche US-Fondsanleger 7,0 Prozent pro Jahr, die Fonds selbst 8,2 Prozent. Die Verhaltenslücke beträgt also rund 1,2 Prozentpunkte pro Jahr – etwa 15 Prozent der Gesamtrendite, nicht „mehrere Prozentpunkte“. Gemessen wird dabei der US-Markt, der mit Abstand größte Fondsmarkt der Welt – als Schätzung der Größenordnung ist das die beste verfügbare Basis.

Interessant wird es im Detail. Bei Fonds mit stabilen Mittelzuflüssen lag die Lücke bei 0,8 Prozentpunkten, bei Fonds mit stark schwankenden Zu- und Abflüssen bei 1,8 (Morningstar, 2025). Und bei Mischfonds, in denen Anleger typischerweise automatisiert und langfristig sparen, verschwand die Lücke fast vollständig. Die Regel dahinter: Je langweiliger und automatischer die Anlage, desto mehr von der Fondsrendite kommt beim Anleger an. Über Jahrzehnte summiert sich aber auch ein Prozentpunkt durch den Zinseszins zu einem fünf- bis sechsstelligen Unterschied.

Woher die 80 Prozent wirklich kommen

Wenn die Verhaltenslücke nur gut ein Prozentpunkt ist – stimmen dann die 80 Prozent aus der Überschrift überhaupt? Ja, aber sie beschreiben nicht jeden Privatanleger, sondern zwei konkrete Gruppen. Erstens die Käufer aktiv gemanagter Fonds: Nach dem SPIVA-Report von S&P Dow Jones Indices (veröffentlicht im März 2026) blieben 70 Prozent der aktiv gemanagten deutschen Aktienfonds allein 2025 hinter dem Vergleichsindex zurück. Über zehn Jahre erreicht in vielen Kategorien nur rund jeder zwanzigste Fonds eine Überrendite – die Misserfolgsquote liegt dort also eher bei 95 als bei 80 Prozent.

Zweitens die aktiven Trader. Die Ökonomen Brad Barber und Terrance Odean werteten für ihre Studie „Trading Is Hazardous to Your Wealth“ (Journal of Finance, 2000) die Depots von 66.465 US-Haushalten der Jahre 1991 bis 1996 aus. Das Ergebnis: Die aktivsten Trader erzielten 11,4 Prozent pro Jahr, während der Markt 17,9 Prozent lieferte. Wer am meisten handelte, verlor am meisten. Spätere Untersuchungen desselben Teams zu Daytradern in Taiwan (Studienzeitraum 1992 bis 2006) zeigen, dass die große Mehrheit der Daytrader nach Kosten Geld verliert und nur eine kleine Minderheit den Markt dauerhaft schlägt. Für Vieltrader und aktive Fonds sind 80 Prozent eher unter- als übertrieben. Für den Sparplan-Anleger im Welt-ETF gilt die Zahl nicht.

Der Mechanismus: teuer kaufen, billig verkaufen

Der Kern der echten Verhaltenslücke ist so simpel wie hartnäckig: Anleger kaufen, wenn die Kurse gestiegen sind und die Schlagzeilen euphorisch klingen. Sie verkaufen, wenn die Märkte gefallen sind und die Angst regiert. Genau das zeigt sich in den Morningstar-Daten: Das Geld fließt nach guten Jahren in die Fonds und nach Einbrüchen wieder heraus – die volatilsten Kategorien haben die größten Lücken. Dieses Muster wiederholt sich zuverlässig seit Jahrzehnten, und es betrifft keineswegs nur unerfahrene Anleger.

Warren Buffett hat die Gegenstrategie in einem Satz zusammengefasst: ängstlich sein, wenn andere gierig sind, und gierig, wenn andere ängstlich sind. Der Satz klingt einfach – in der Praxis scheitern die meisten daran, weil Emotionen in Echtzeit stärker sind als jede Strategie auf dem Papier. Dazu kommt die Psychologie der Referenzpunkte: Wie stark Anker unsere Wahrnehmung von Preisen verzerren, zeigt unsere Analyse über den Anker-Trick und die Manipulation durch Preise – am Kapitalmarkt ist der eigene Einstandskurs der mächtigste Anker von allen.

Was das für dich heißt: System schlägt Bauchgefühl

Die Konsequenz aus alldem ist nicht, auf Aktien zu verzichten – sie bleiben langfristig eine der besten Möglichkeiten, Vermögen aufzubauen. Die Konsequenz ist, die eigene Psyche aus dem Spiel zu nehmen. Am wirksamsten: der automatisierte Sparplan, der stur in jedem Monat kauft. Genau diesen Weg geht die junge Generation bereits massenhaft, wie unsere Analyse über die Gen Z am Kapitalmarkt zeigt – laut Deutschem Aktieninstitut (2026) bespart jeder zweite Mensch unter 40 regelmäßig ETFs oder Aktienfonds.

Dazu kommen vier Regeln, die aus der Forschung folgen. Kosten niedrig halten, denn die SPIVA-Daten zeigen, dass teure Aktivität selten bezahlt wird. Kriterien definieren, bevor du kaufst – und wissen, unter welchen Bedingungen du verkaufst. Verstehen, was du besitzt; was Value Investing mit unternehmerischem Denken gemeinsam hat, ist dafür die beste Schule. Und realistische Erwartungen behalten: Die Marktrendite ist kein Trostpreis, sondern das Ziel – warum passives Einkommen erst über lange Zeiträume realistisch wird, gehört zur selben Wahrheit. Wer dagegen glaubt, ohne Erbe schnell reich zu werden, landet statistisch fast immer in der Verlierergruppe der Vieltrader.

Am Ende zählt nicht die Rendite des Marktes, sondern die, die du tatsächlich behältst. Die gute Nachricht dieses Faktenchecks: Die Lücke dazwischen ist kleiner, als die Werbung behauptet – und sie liegt fast vollständig in deiner Hand. Dieser Artikel ist eine journalistische Einordnung und keine Anlageberatung.

Bleib informiert – kostenlos direkt in dein Postfach. VentureView schickt dir die wichtigsten Startup- und Wirtschaftsthemen, bevor sie jeder kennt.