Das unsichtbare Kapital: Warum dein Netzwerk dein wichtigstes Asset ist

0
68

„Es ist nicht das, was du weißt — es ist, wen du kennst.“ Der Satz stimmt vermutlich. Nur die Zahl, mit der er üblicherweise untermauert wird, stimmt nicht.

Über 70 Prozent aller Stellen würden über persönliche Netzwerke besetzt, heißt es in nahezu jedem Ratgebertext zum Thema. Manchmal sind es 80 Prozent, oft 85. Wir haben versucht, diese Zahl auf eine Primärquelle zurückzuführen. Es gibt keine. Die bekannteste Variante — 85 Prozent — geht auf einen LinkedIn-Beitrag des US-Recruiters Lou Adler vom März 2016 zurück, der auf einer offenen Umfrage mit rund 3.000 selbst ausgewählten Teilnehmenden beruht, überwiegend aus Fach- und Führungspositionen. Adler selbst beschreibt die 85 Prozent nicht als Umfrageergebnis, sondern als Hochrechnung. Die im deutschsprachigen Raum beliebte Zuschreibung an das US-Arbeitsministerium ist frei erfunden: Das Bureau of Labor Statistics hat nie eine solche Quote veröffentlicht.

Das ist keine Kleinigkeit, denn die belastbare Zahl verändert die Strategie. Netzwerke sind wichtig — aber sie sind nicht der Hauptkanal, sie wirken anders als behauptet, und die stärksten Kontakte sind nicht die nützlichsten. Hier ist, was die Forschung tatsächlich zeigt.

Auf einen Blick

  • Die oft zitierten 70 Prozent lassen sich nicht belegen. Weder das US Bureau of Labor Statistics noch eine repräsentative Studie hat diese Quote je veröffentlicht.
  • In der IAB-Stellenerhebung waren persönliche Kontakte und Mitarbeiterempfehlungen 2025 bei 27 Prozent der erfolgreichen Neueinstellungen ausschlaggebend — Online-Kanäle zusammen bei 52 Prozent (IAB-Forum, 8. Juni 2026).
  • In Granovetters Ursprungsstudie sahen nur 16,7 Prozent der Befragten den entscheidenden Kontakt häufig, 55,6 Prozent gelegentlich und 27,8 Prozent selten (Granovetter, American Journal of Sociology 1973).
  • Die bislang größte kausale Überprüfung umfasste über 20 Millionen LinkedIn-Nutzer, rund zwei Milliarden neue Kontakte und mehr als 600.000 tatsächliche Jobwechsel (Rajkumar et al., Science 2022).
  • 26 von 31 deutschen Unicorns sitzen in Berlin oder München — Netzwerkeffekte sind messbar geografisch (Deutscher Startup Monitor 2025).

Quellen: IAB-Stellenerhebung, IAB-Forum, 8. Juni 2026; Granovetter, American Journal of Sociology, 1973; Rajkumar et al., Science 377(6612), 2022; Deutscher Startup Monitor 2025. Stand: Juli 2026.

Woher die 70 Prozent kommen — und warum sie nicht halten

Die Zahl hat drei Ursprünge, und keiner davon ist eine Studie. Der erste ist die erwähnte LinkedIn-Umfrage von Lou Adler aus dem März 2016: rund 3.000 Antworten, keine Zufallsstichprobe, keine dokumentierte Methodik, und die 85 Prozent entstehen erst durch eine Verrechnung mit separaten LinkedIn-Schätzungen darüber, wie groß der Anteil aktiv suchender Kandidaten am Gesamtmarkt ist.

Der zweite Ursprung ist eine Ableitung aus der amerikanischen JOLTS-Statistik (Job Openings and Labor Turnover Survey). Aus der Differenz zwischen Einstellungen und ausgeschriebenen Stellen wird geschätzt, wie viele Positionen nie öffentlich beworben wurden — und daraus wird dann ein Netzwerkanteil konstruiert. Das ist eine Rechnung, keine Messung: Eine nicht ausgeschriebene Stelle kann intern besetzt, über eine Personalberatung gefüllt oder schlicht gestrichen worden sein.

Der dritte Ursprung ist Wiederholung. Die Zahl wird zitiert, weil sie zitiert wird. Wer sie in seinem Karriere-Deck verwendet, sollte wissen: Sie hat keine Quelle. Der ehrlichere Satz lautet, dass persönliche Kontakte der wirksamste einzelne Besetzungsweg sind — nicht der überwiegende.

Was in Deutschland tatsächlich gemessen wird

Für Deutschland gibt es eine belastbare Antwort, und sie kommt vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung. Die IAB-Stellenerhebung ist eine repräsentative Betriebsbefragung; allein für das vierte Quartal 2025 wurden dafür 17.417 Arbeitgeber aus allen Wirtschaftsbereichen befragt. Erfasst wird das gesamte Stellenangebot, also ausdrücklich auch jene Stellen, die den Arbeitsagenturen nie gemeldet werden.

Das Ergebnis für 2025, veröffentlicht am 8. Juni 2026: Persönliche Kontakte und Empfehlungen eigener Mitarbeiter waren bei 27 Prozent der erfolgreichen Neubesetzungen ausschlaggebend. Online-Portale, die eigene Firmen-Homepage und soziale Medien waren zusammen in 52 Prozent der Fälle entscheidend — nach 47 Prozent im Vorjahr. Internet-Jobbörsen kamen auf 21 Prozent, die eigene Unternehmens-Website auf 20 Prozent. Bei 82 Prozent aller Neueinstellungen war mindestens ein digitaler Weg beteiligt.

Der historische Vergleich macht es noch deutlicher. Im IAB-Kurzbericht 04/2016, ausgewertet für das Jahr 2015, lagen persönliche Kontakte bei rund 29 Prozent — vor Zeitungsanzeigen und Vermittlung durch die Bundesagentur für Arbeit mit je rund 14 Prozent. Der Netzwerkkanal war schon damals der stärkste einzelne Weg, aber nie die Mehrheit. Und sein relativer Anteil sinkt, während digitale Kanäle wachsen.

Die praktische Konsequenz: Ein Netzwerk ersetzt keine Bewerbung. Es erhöht die Trefferquote der Bewerbung, die du ohnehin schreibst. Warum das kein Widerspruch ist, hat unser Text über die stille Macht der richtigen Kontakte beschrieben — dieser Artikel liefert die Zahlen dazu.

Was Granovetter wirklich gefunden hat

Die intellektuelle Basis aller Netzwerkratgeber ist Mark Granovetters Aufsatz „The Strength of Weak Ties“ aus dem American Journal of Sociology von 1973 und sein Buch Getting a Job von 1974. Fast alle zitieren ihn. Fast niemand zitiert ihn korrekt.

Granovetters Stichprobe war klein und sehr spezifisch: männliche Fach-, Führungs- und technische Angestellte in einem Vorort von Boston, die in den fünf Jahren zuvor die Stelle gewechselt hatten. 56 Prozent von ihnen hatten von ihrer Stelle über einen persönlichen Kontakt erfahren. Das ist nicht dieselbe Aussage wie „70 Prozent aller Stellen werden über Netzwerke besetzt“ — es ist eine Aussage über eine Berufsgruppe, ein Geschlecht, eine Region und das Jahr 1969.

Der eigentlich interessante Befund steckt in der Kontakthäufigkeit. Von den 54 Befragten, die über einen Kontakt zum Job kamen, hatten den entscheidenden Kontakt vorher nur 16,7 Prozent häufig gesehen (mindestens zweimal pro Woche), 55,6 Prozent gelegentlich und 27,8 Prozent selten (einmal im Jahr oder seltener). Der Job kam also überwiegend nicht von engen Freunden, sondern von Leuten am Rand des eigenen Umfelds. Granovetters Logik dahinter: Deine engsten Kontakte kennen dieselben Menschen und dieselben Informationen wie du. Nur schwache Verbindungen führen in andere Informationskreise.

27 Prozent der erfolgreichen Neubesetzungen entscheidet der persönliche Kontakt. Nicht 70. Nicht 85.

IAB-Stellenerhebung, veröffentlicht am 8. Juni 2026

Das dreht die übliche Networking-Empfehlung um. „20 starke Beziehungen schlagen 2.000 LinkedIn-Kontakte“ klingt gut, ist aber genau die Konstellation, in der du am wenigsten Neues erfährst. Wer Zugang zu Information will, braucht Reichweite in Kreise, in denen er selbst nicht sitzt — der Gedanke, der auch hinter Netzwerken und Ökosystemen als Erfolgsfaktor steht.

Die erste kausale Prüfung — und ihr unbequemes Ergebnis

Granovetters Befund war jahrzehntelang eine Korrelation. 2022 wurde er erstmals kausal geprüft. Karthik Rajkumar, Guillaume Saint-Jacques, Iavor Bojinov, Erik Brynjolfsson und Sinan Aral veröffentlichten in Science (Band 377, Ausgabe 6612, Seiten 1304 bis 1310) die Auswertung mehrjähriger randomisierter Experimente mit dem „People You May Know“-Algorithmus von LinkedIn. In zwei Wellen 2015 und 2019 wurden über 20 Millionen Nutzer einbezogen, rund zwei Milliarden neue Verbindungen entstanden, mehr als 70 Millionen Bewerbungen wurden beobachtet und über 600.000 tatsächliche neue Anstellungen.

Das Ergebnis bestätigt Granovetter — aber nicht in der Form, in der er üblicherweise verkauft wird. Der Zusammenhang zwischen Beziehungsstärke und Jobmobilität ist nicht linear, sondern umgekehrt U-förmig: Gemessen an gemeinsamen Kontakten brachten mittelstark schwache Verbindungen die meiste Jobmobilität, die stärksten Verbindungen die geringste. Ganz lose Kontakte sind also nicht automatisch am besten. Es gibt ein Optimum in der Mitte.

Zweiter Befund: Der Effekt hängt von der Branche ab. In stark digitalisierten Bereichen nutzten schwache Verbindungen deutlich mehr, in weniger digitalisierten Branchen halfen starke Verbindungen mehr. Wer im Handwerk, in der Industrie oder im lokalen Handel arbeitet, folgt also anderen Regeln als jemand in Software oder Beratung. Pauschale Networking-Ratschläge sind auch deshalb wertlos.

Beim Kapital ist der Netzwerkeffekt geografisch

Für Stellen liegt harte Evidenz vor. Für Finanzierungsentscheidungen gibt es in Deutschland keine vergleichbar saubere Erhebung, wie viele Deals über warme Einführungen zustande kommen — jede Zahl dazu ist eine Schätzung. Was es gibt, ist ein sehr klarer indirekter Beleg.

Der Deutsche Startup Monitor 2025, für den 1.846 Gründerinnen, Gründer und Führungskräfte befragt wurden, dokumentiert eine extreme räumliche Konzentration: 26 der 31 deutschen Unicorns sitzen in Berlin oder München. Gleichzeitig bewerten 69,5 Prozent der Befragten das Netzwerk zu anderen Gründerinnen und Gründern an ihrem Standort positiv, während 39,8 Prozent die Kapitalbeschaffung als eine der größten Herausforderungen ihres Unternehmens nennen und nur 37,7 Prozent das Investitionsklima als befriedigend oder besser einstufen.

Die Standortwahl ist damit keine Lifestyle-Entscheidung, sondern eine Netzwerkentscheidung mit Kapitalfolgen. Wie sich das aktuelle Finanzierungsumfeld entwickelt, haben wir in unserer Analyse zu Venture Capital in Deutschland aufgeschlüsselt.

Was daraus für dich folgt

Die Datenlage ergibt vier Regeln, die den üblichen Ratschlägen teilweise widersprechen.

Erstens: Bewirb dich trotzdem. 52 Prozent der erfolgreichen Besetzungen laufen über digitale Kanäle. Wer auf den warmen Kontakt wartet, verzichtet auf die Mehrheit des Marktes. Das Netzwerk ist der Verstärker, nicht der Ersatz.

Zweitens: Pflege die mittlere Distanz. Nicht die zwanzig engsten Freunde und nicht die zweitausend anonymen Kontakte, sondern die Schicht dazwischen — ehemalige Kommilitonen, frühere Kollegen, Leute aus einer Community, die du zwei- oder dreimal im Jahr sprichst. Genau dort lag in Granovetters Daten mit 55,6 Prozent der größte Anteil, und genau dort fand die Science-Studie das Optimum.

Drittens: Sei auffindbar, bevor du fragst. Kontakte können dich nur empfehlen, wenn sie in einem Satz sagen können, was du tust und wofür es einen Beleg gibt. Wie du diesen Satz baust, steht in unserem Text darüber, warum dein Name dein stärkstes Bewerbungsschreiben ist.

Viertens: Frag präzise. „Sag Bescheid, wenn du was hörst“ erzeugt keine Handlung. „Kennst du jemanden bei einem B2B-SaaS-Unternehmen in München mit unter 50 Mitarbeitern?“ erzeugt eine. Netzwerkarbeit ist Verhandlung, und die meisten Menschen verhandeln zu vage — warum Verhandeln keine Kunst, sondern eine Pflicht ist, gilt hier genauso.

Und ein letzter, praktischer Punkt: Öffne deine Kontaktliste und markiere zehn Personen, mit denen du im vergangenen Jahr genau einmal gesprochen hast. Das ist deine wertvollste Schicht. Schreib in dieser Woche dreien davon — nicht mit einer Bitte, sondern mit einer konkreten Information, die für sie nützlich ist. Danach bist du kein Bittsteller mehr, sondern eine Quelle. Das ist der ganze Mechanismus, und er ist der Teil, den man nicht delegieren kann, wie unser Text über Eigenverantwortung zeigt.

Netzwerk aufbauen: Illustration zum unsichtbaren Kapital persönlicher Kontakte

Der VentureView Brief: Das Wichtigste aus Startups, Wirtschaft und Politik – einmal pro Woche, in fünf Minuten. Jetzt kostenlos abonnieren.

Bleib informiert – kostenlos direkt in dein Postfach. VentureView schickt dir die wichtigsten Startup- und Wirtschaftsthemen, bevor sie jeder kennt.