Die Zahl, die du in fast jedem Text über Gründer und Psyche findest, stimmt so nicht. „Über 72 Prozent der Startup-Gründer leiden unter ernsthaften psychischen Belastungen“ – dieser Satz zirkuliert seit Jahren durch Newsletter, LinkedIn-Posts und Konferenzbühnen. In der ersten Fassung dieses Artikels stand er ebenfalls. Er beschreibt nicht, was die Studie dahinter gemessen hat.
Die Quelle ist eine Arbeit von Michael A. Freeman und Kollegen, erschienen 2019 in der Fachzeitschrift Small Business Economics. Befragt wurden 242 Unternehmerinnen und Unternehmer sowie 93 Vergleichspersonen – per Selbstauskunft, nicht per klinischer Diagnose, und ohne repräsentative Stichprobe. Die 72 Prozent stehen für alle Befragten, die direkt oder indirekt betroffen waren: 49 Prozent berichteten von einer eigenen psychischen Erkrankung im Lebensverlauf, weitere 23 Prozent waren selbst beschwerdefrei, gaben aber Erkrankungen in der Familie an. „72 Prozent der Gründer sind psychisch krank“ steht dort nirgends.
Die Korrektur ist kein Detail für Statistik-Nerds. Eine aufgeblähte Zahl macht psychische Erkrankung zum Normalzustand des Unternehmertums – zu etwas, das man aushält statt behandelt. Das eigentliche Problem in Deutschland ist nicht, dass Gründer besonders krank wären. Es ist, dass sie besonders spät in Behandlung kommen.
Auf einen Blick
- 49 Prozent der Befragten in der Freeman-Studie (Small Business Economics, 2019, 242 Unternehmer und 93 Vergleichspersonen) berichteten von einer eigenen psychischen Erkrankung; die viel zitierten 72 Prozent umfassen zusätzlich Personen mit Erkrankungen in der Familie.
- Einzelbefunde derselben Studie: Depression 30 Prozent, ADHS 29 Prozent, Substanzkonsum 12 Prozent, bipolare Störung 11 Prozent – 32 Prozent berichteten zwei oder mehr Diagnosen.
- 68 Prozent von 305 befragten Gründerinnen, Gründern und C-Level-Verantwortlichen nennen hohe Arbeitsdichte als zentrales Gesundheitsrisiko, 59 Prozent den Leistungsdruck (Startup-Verband mit der Techniker Krankenkasse, „Startups, Gesundheit & die Zukunft der Arbeit“, 2026).
- 27,8 Prozent der Erwachsenen in Deutschland sind laut DGPPN-Basisdaten (Stand 2025, auf Basis der RKI-Studie DEGS1) jedes Jahr von einer psychischen Erkrankung betroffen – rund 17,8 Millionen Menschen. Nur 18,9 Prozent von ihnen nehmen im selben Jahr Kontakt zu Behandelnden auf.
- Zwischen psychotherapeutischer Sprechstunde und Behandlungsbeginn vergehen im Schnitt 142 Tage (Bundespsychotherapeutenkammer, 2022, Auswertung der Abrechnungsdaten von rund 300.000 Versicherten).
Was die 72-Prozent-Studie tatsächlich zeigt
Freeman und sein Team wollten wissen, ob Unternehmer psychische Auffälligkeiten häufiger berichten als Vergleichspersonen. Das Ergebnis: ja, in mehreren Kategorien. 30 Prozent der befragten Unternehmerinnen und Unternehmer gaben Depressionen an, 29 Prozent ADHS, 12 Prozent problematischen Substanzkonsum, 11 Prozent eine bipolare Störung. 32 Prozent berichteten zwei oder mehr Diagnosen gleichzeitig, 18 Prozent drei oder mehr.
Diese Zahlen sind ernst zu nehmen – und sie haben Grenzen. Die Stichprobe war klein und selbstselektiert: Menschen, die sich für das Thema interessieren, antworten häufiger. Es handelt sich um Selbstauskünfte, keine strukturierten klinischen Interviews. Und die Studie ist eine Momentaufnahme, keine Längsschnittuntersuchung: Sie zeigt nicht, ob Gründen krank macht oder ob Menschen mit bestimmten Persönlichkeitsprofilen häufiger gründen. Beides ist plausibel, beides ist unbewiesen.
Was du aus der Studie mitnehmen kannst, ist keine Prozentzahl, sondern eine Richtung: Psychische Belastung ist unter Gründern kein Randphänomen. Was du daraus nicht ableiten solltest, ist die Idee, Belastung gehöre zum Job wie das Pitchdeck. Wie der Umgang mit Scheitern in der Gründerszene romantisiert wird, zeigt gut, wie schnell aus einem Risiko eine Erzählung wird.
Die deutschen Zahlen sind nüchterner – und deutlicher
Für den DACH-Raum gibt es inzwischen belastbarere Daten. Der Startup-Verband hat gemeinsam mit der Techniker Krankenkasse 305 Gründerinnen, Gründer und C-Level-Verantwortliche deutscher Startups befragt. In der Studie „Startups, Gesundheit & die Zukunft der Arbeit“ aus dem Jahr 2026 nennen 68 Prozent die hohe Arbeitsdichte als zentrales Gesundheitsrisiko, 59 Prozent den Leistungsdruck. 77 Prozent halten Gesundheit im Unternehmen für wichtig oder sehr wichtig – 2021 waren es noch 64 Prozent.
Interessanter ist die Lücke dahinter: Nur 47 Prozent der befragten Startups bieten überhaupt niedrigschwellige Gesundheitsangebote an. Das Bewusstsein ist also da, die Struktur nicht. Genau dieses Muster kennt man aus dem ersten Geschäftsjahr, in dem Prioritäten und Realität besonders weit auseinanderliegen.
Zur Einordnung: Laut den DGPPN-Basisdaten (Stand 2025) ist in Deutschland jedes Jahr gut ein Viertel der erwachsenen Bevölkerung von einer psychischen Erkrankung betroffen – 27,8 Prozent oder rund 17,8 Millionen Menschen. Angststörungen liegen bei 15,3 Prozent, affektive Störungen bei 9,8 Prozent, davon unipolare Depression bei 8,2 Prozent. Psychische Erkrankung ist kein Gründerphänomen. Sie ist ein Bevölkerungsphänomen, das Gründer unter besonderen Bedingungen trifft – und das eine Generation trifft, die ohnehin anders an das Gründen herangeht als ihre Vorgänger.
Warum Gründer besonders spät Hilfe holen
Drei Mechanismen wirken zusammen, und keiner davon hat mit Charakterstärke zu tun.
Erstens die Rollenverschmelzung. Wenn du angestellt bist, ist eine schlechte Woche eine schlechte Woche. Wenn dir das Unternehmen gehört, fühlt sich eine schlechte Woche wie ein Urteil über dich an. Das macht es schwerer, Symptome als Symptome zu erkennen – sie erscheinen als persönliches Versagen.
Zweitens die Anreizstruktur der Finanzierung. Wer im Fundraising steht, hat einen handfesten Grund, Schwäche nicht zu zeigen. Diese Logik ist real und sie ist einer der unterschätzten Kosten von externem Kapital – ein Punkt, der in der Debatte um Bootstrapping gegenüber Venture Capital selten vorkommt, aber praktisch jeden Gründer betrifft.
Drittens die fehlende betriebliche Infrastruktur. Angestellte in größeren Unternehmen haben Betriebsärzte, Sozialberatung, teils externe Mitarbeiterberatung. Als Gründerin oder Gründer eines Fünf-Personen-Teams hast du nichts davon, außer du baust es selbst.
Das Versorgungsproblem, über das niemand pitcht
Selbst wer sich entscheidet, Hilfe zu suchen, stößt in Deutschland auf ein strukturelles Nadelöhr. Die Bundespsychotherapeutenkammer hat 2022 die Abrechnungsdaten von rund 300.000 gesetzlich Versicherten ausgewertet, deren psychotherapeutische Sprechstunde im ersten Quartal 2019 stattfand. Ergebnis: Zwischen dieser Sprechstunde und dem tatsächlichen Behandlungsbeginn lagen im Durchschnitt 142 Tage. 18,6 Prozent begannen im selben Quartal, 10,6 Prozent erst ein Jahr später.
Das heißt praktisch: Wenn du im Oktober merkst, dass etwas nicht stimmt, und im Oktober handelst, bist du im Februar oder März in Behandlung. Wer wartet, bis nichts mehr geht, wartet dann aus einer akuten Krise heraus. Der wichtigste Zeitgewinn liegt deshalb nicht in der Therapie, sondern davor: früher anrufen.
Wo du im DACH-Raum konkret Hilfe bekommst
Dieser Artikel ersetzt keine Diagnose und keine Behandlung. Er ersetzt auch kein Gespräch mit deiner Hausärztin. Was er kann, ist dir die Nummern nennen, die tatsächlich funktionieren.
- Akute Krise, Deutschland: Die TelefonSeelsorge ist rund um die Uhr unter 0800 111 0 111 und 0800 111 0 222 erreichbar, zusätzlich unter 116 123. Die Anrufe sind gebührenfrei und anonym, auch an Sonn- und Feiertagen.
- Weg in die Psychotherapie, Deutschland: Die Terminservicestelle der Kassenärztlichen Vereinigungen erreichst du unter 116 117, ebenfalls rund um die Uhr. Wichtig ist die richtige Formulierung: Du fragst nach einer psychotherapeutischen Sprechstunde, nicht nach „einem Therapieplatz“. Diese Sprechstunde muss innerhalb von maximal vier Wochen vermittelt werden. In der Sprechstunde wird eingeschätzt, ob eine Behandlung nötig ist; gegebenenfalls bekommst du einen Vermittlungscode für Akutbehandlung oder Probatorik.
- Österreich: Telefonseelsorge Notruf 142, kostenlos, vertraulich, rund um die Uhr an allen Tagen des Jahres.
- Schweiz: Die Dargebotene Hand unter 143, anonym und vertraulich, zusätzlich per Chat und E-Mail.
- Bei unmittelbarer Gefahr gilt in allen drei Ländern die 112.
Die geplante bundesweite Krisennummer 113 ist Stand Juli 2026 noch nicht erreichbar; ein Konzept war für den 30. Juni 2026 vorgesehen, der Start wird für 2027 bis 2028 erwartet. Bis dahin bleiben die oben genannten Nummern der schnellste Weg.
Was du strukturell ändern kannst – und was nicht hilft
Nicht hilfreich sind Ratschläge, die Belastung in eine Optimierungsaufgabe umdeuten. Kaltduschen, Journaling und 5-Uhr-Routinen behandeln keine Depression. Sie können ein gutes Leben stützen, sie ersetzen keine Behandlung. Ebenso wenig hilft die Vorstellung, psychischer Druck sei der Preis für Ambition – das ist die Erzählung, die dafür sorgt, dass Menschen zu spät anrufen.
Was tatsächlich Wirkung hat, sind strukturelle Entscheidungen, die du als Gründerin oder Gründer selbst treffen kannst:
- Eine feste Vertretungsregel. Definiere schriftlich, wer im Team welche Entscheidung übernimmt, wenn du zwei Wochen ausfällst. Wer keine Vertretung hat, kann nicht krank sein – und wird es trotzdem.
- Ein Termin ohne Anlass. Ein hausärztliches oder psychotherapeutisches Erstgespräch, wenn es dir gut geht, kostet dich eine Stunde und verkürzt im Ernstfall die 142 Tage erheblich.
- Peer-Gruppen mit Regeln. Ein Gründerkreis, in dem über Zahlen und über Zustand gesprochen wird, funktioniert nur mit Vertraulichkeit und fester Frequenz. Warum solche Kreise mehr taugen als Netzwerkevents, haben wir im Text über Netzwerke als unterschätztes Kapital beschrieben.
- Gesundheitsangebote im Unternehmen. Wenn nur 47 Prozent der deutschen Startups überhaupt etwas anbieten, ist das ein billiger Differenzierungspunkt im Recruiting – und einer, der dich selbst mit einschließt.
Diese vier Punkte sind keine Selbstfürsorge-Rhetorik, sondern das, was Eigenverantwortung im unbequemen Sinn konkret bedeutet: Du baust die Struktur, die dich auffängt, bevor du sie brauchst.
Der Unterschied zwischen den Gründern, die durchkommen, und denen, die es nicht tun, ist selten Härte. Es ist meistens der Zeitpunkt, zu dem sie zum ersten Mal jemanden angerufen haben. Wenn du beim Lesen an einen bestimmten Tag der letzten Wochen gedacht hast: Die 116 117 ist rund um die Uhr besetzt, und das Gespräch dauert etwa zehn Minuten.
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