Sieben Jahre Projektlaufzeit, rund 500 Millionen Euro Kosten, am Ende: nichts. Im Juli 2018 stoppte Lidl die Einführung seines neuen Warenwirtschaftssystems „Elwis“ auf SAP-Basis – nach Berichten von heise online und Computerwoche (2018) eines der teuersten abgebrochenen IT-Projekte der deutschen Wirtschaftsgeschichte. Kein Wettbewerber hat das Projekt beendet. Die eigene Langsamkeit war es: endlose Anpassungen, jahrelange Abstimmungen, kein nutzbares Zwischenergebnis.
Zur gleichen Zeit lieferte Berlin das Gegenprogramm. Gorillas, gegründet im Mai 2020, wurde nach rund neun Monaten zum bis dahin schnellsten deutschen Unicorn (Gründerszene/Business Insider, März 2021) – und im Dezember 2022 für rund 1,2 Milliarden Dollar an Getir notverkauft, gut 60 Prozent unter der eigenen Bewertung vom Herbst 2021 (deutsche-startups.de, 2022). Und in Mainz zeigte BioNTech mit „Projekt Lightspeed“, wie gerichtetes Tempo aussieht: vom Projektstart Ende Januar 2020 bis zur weltweit ersten Zulassung eines COVID-19-Impfstoffs am 2. Dezember 2020 in Großbritannien vergingen keine elf Monate.
Drei deutsche Fälle, eine doppelte Wahrheit: Zu langsam ist das neue Scheitern – aber Tempo ohne Richtung scheitert genauso teuer. Dieser Text zeigt dir an Lidl, Gorillas und BioNTech, wann Geschwindigkeit rettet und wann sie ruiniert.
Auf einen Blick
- Lidl stoppte 2018 nach sieben Jahren sein SAP-Projekt „Elwis“; Medien bezifferten die versenkten Kosten auf rund 500 Millionen Euro (heise online/Computerwoche, 2018).
- Gorillas erreichte im März 2021 nach rund neun Monaten den Unicorn-Status – damals deutscher Rekord (Gründerszene/Business Insider, 2021).
- Im Dezember 2022 übernahm Getir Gorillas für rund 1,2 Milliarden Dollar – nach einer Bewertung von 3,1 Milliarden Dollar im Herbst 2021 (deutsche-startups.de/Trending Topics, 2022).
- BioNTech startete „Projekt Lightspeed“ Ende Januar 2020; am 2. Dezember 2020 erteilte Großbritannien die weltweit erste Zulassung für einen COVID-19-mRNA-Impfstoff.
Lidl und Elwis: Sieben Jahre Anlauf, kein Sprung
Ab 2011 wollte Lidl seine selbst gestrickte Warenwirtschaft durch SAP ersetzen. Das Projekt hieß „Elwis“ – elektronisches Lidl-Warenwirtschaftsinformationssystem. Sieben Jahre später zog der Konzern den Stecker. Die Kosten: laut übereinstimmenden Berichten von heise online, Computerwoche und Handelsblatt (2018) rund 500 Millionen Euro.
Der Kern des Problems war kein Technikfehler, sondern eine Entscheidungsblockade. Lidl bewertet seine Bestände traditionell über Einkaufspreise, SAP-Standard sind Verkaufspreise. Statt die eigenen Prozesse anzupassen, ließ Lidl die Software jahrelang umbauen – so rekonstruierte es heise online 2018. Jede Sonderlocke machte das System komplexer, teurer, langsamer. Es gab keinen Punkt, an dem ein funktionierendes Teilstück im Alltag beweisen musste, dass der Ansatz trägt.
Das ist die erste Lektion: Langsamkeit entsteht selten durch Faulheit. Sie entsteht durch Perfektionsanspruch, Politik und die Weigerung, unfertige Ergebnisse der Realität auszusetzen. Wer sieben Jahre baut, ohne zu testen, hat nicht sieben Jahre gearbeitet – er hat sieben Jahre gewartet. Dieselbe Mechanik erklärt, warum die meisten Startups nicht an der Idee, sondern am Timing scheitern: Der Markt bestraft nicht die falsche Entscheidung, sondern die aufgeschobene.
Gorillas: Neun Monate zum Unicorn – und dann?
Wenn Lidl das Extrem der Langsamkeit ist, ist Gorillas das Extrem der ungerichteten Geschwindigkeit. Kağan Sümer gründete den Zehn-Minuten-Lieferdienst im Mai 2020 in Berlin. Im März 2021 – nach rund neun Monaten – machte eine 245-Millionen-Runde das Unternehmen zum bis dahin schnellsten deutschen Unicorn (Business Insider/Gründerszene, 2021). Im Herbst 2021 sammelte Gorillas fast eine Milliarde Dollar ein, angeführt von Delivery Hero, bei einer Bewertung von 3,1 Milliarden Dollar.
Dann kam die Rechnung. Im Mai 2022 entließ Gorillas rund 300 Mitarbeiter der Zentrale, zog sich aus mehreren Ländern zurück – und im Dezember 2022 übernahm der türkische Rivale Getir das Unternehmen für rund 1,2 Milliarden Dollar, größtenteils in eigenen Aktien (deutsche-startups.de, 2022). Der Käufer selbst hielt nicht durch: 2024 zog sich Getir aus Deutschland und fast allen westlichen Märkten zurück.
Gorillas war nie zu langsam. Es war schnell im Geldausgeben, schnell im Expandieren, schnell im Einstellen – aber langsam im Lernen. Die zentrale Frage, ob ein Warenkorb mit Lieferung in zehn Minuten jemals profitabel sein kann, blieb offen, während Dutzende Städte gleichzeitig eröffnet wurden. Genau davor steht jedes Startup in der kritischen Wachstumsphase zwischen MVP und Skalierung: Skalierst du ein bewiesenes Modell – oder multiplizierst du nur ein ungelöstes Problem?
BioNTech: Projekt Lightspeed – Tempo mit Richtung
Ende Januar 2020 las BioNTech-Gründer Uğur Şahin eine Studie im Fachblatt „The Lancet“ über das neue Coronavirus – und stellte sein Unternehmen innerhalb weniger Tage um. Der Name des Programms war Ansage: „Projekt Lightspeed“. Im April 2020 begann in Deutschland die erste klinische Studie, im März 2020 stand die Partnerschaft mit Pfizer, am 2. Dezember 2020 erteilte Großbritannien die weltweit erste Zulassung. Elf Monate von der Entscheidung bis zum zugelassenen Produkt – in einer Branche, die dafür üblicherweise Jahre braucht.
Entscheidend ist, wie dieses Tempo zustande kam. BioNTech ließ nichts weg – keine Studienphase, keine Prüfung. Stattdessen wurde parallelisiert: mehrere Impfstoffkandidaten gleichzeitig entwickelt und die schwächeren konsequent aussortiert, Produktionskapazität aufgebaut, bevor die Zulassung sicher war. Und das Ganze stand auf zwei Jahrzehnten mRNA-Forschung. Was von außen wie ein Wunder aussah, war vorbereitete Geschwindigkeit – der Moment, in dem plötzlich alles funktioniert, ist fast immer das Ergebnis jahrelanger Vorarbeit.
Der Unterschied: Lerngeschwindigkeit schlägt Bewegungsgeschwindigkeit
Leg die drei Fälle nebeneinander, und das Muster wird sichtbar. Lidl bewegte sich kaum: sieben Jahre ohne validiertes Zwischenergebnis. Gorillas bewegte sich rasend, lernte aber nicht: Die Warnsignale bei den Stückkosten änderten den Kurs erst, als das Geld knapp wurde. BioNTech bewegte sich schnell und lernte schnell: Jeder parallele Kandidat war ein Experiment mit hartem Entscheidungskriterium.
Auch der Kontext spielte mit. Gorillas wuchs in einer Nullzinswelt, in der billiges Kapital Tempo subventionierte – Wachstum galt als Beweis, solange jemand die nächste Runde zahlte. Als die Zinsen 2022 stiegen, endete die Subvention, und übrig blieb die unbeantwortete Kernfrage. BioNTech dagegen brauchte keine Marktillusion: Jeder Schritt wurde an Daten gemessen, die niemand schönreden konnte.
Geschwindigkeit heißt also nicht, mehr Dinge pro Woche zu tun. Sie heißt, die Zeit zwischen Annahme und Antwort zu verkürzen. Ein Team, das jede Woche eine echte Hypothese am Markt testet, ist schneller als eines, das jeden Monat drei Features baut, die niemand geprüft hat. Deshalb ist schnelles Scheitern auch kein Selbstzweck: Es zahlt nur ein, wenn du die Erkenntnis einsammelst – der Grund, warum die besten Gründer scheitern und genau deshalb gewinnen.
Was das für dein Startup heißt
- Baue in Wochen, nicht in Quartalen. Kein Projekt ohne nutzbares Zwischenergebnis. Wie du in kürzester Zeit zu etwas Testbarem kommst, zeigt unser Leitfaden über den schnellsten Weg zum MVP.
- Definiere Kill-Kriterien vor dem Start. BioNTech sortierte Kandidaten nach klaren Daten aus. Lidl hatte kein Kriterium, an dem Elwis früh hätte sterben dürfen – also starb es spät und teuer.
- Skaliere nur Bewiesenes. Gorillas multiplizierte offene Fragen in Dutzende Städte. Erst die Einheit profitabel machen, dann kopieren.
- Miss Lerngeschwindigkeit. Zähl nicht Features, sondern beantwortete Hypothesen pro Monat. Das ist die einzige Tempo-Kennzahl, die zählt.
- Passe Prozesse an Standards an, nicht umgekehrt. Jede Sonderlocke, die du dir früh leistest, ist ein Kredit auf deine künftige Geschwindigkeit.
Schnelligkeit ist eine Entscheidung
Zu langsam ist das neue Scheitern – Lidl hat dafür einen halben Milliardenbetrag bezahlt. Aber Gorillas beweist, dass Tempo allein kein Geschäftsmodell ersetzt. Die Kunst liegt dazwischen: schnell dort, wo du lernen kannst, gründlich dort, wo ein Fehler dich das Unternehmen kostet. Niemand nimmt dir diese Abwägung ab – Tempo beginnt mit Eigenverantwortung, nicht mit einem Slack-Kanal namens „Speed“.
Der konkrete Test für heute: Wenn du seit mehr als vier Wochen an etwas baust, das noch kein Kunde gesehen hat, zeig es diese Woche – unfertig, mit echten Nutzern, mit einer Frage, die es beantworten soll. Sieben Jahre Anlauf haben Lidl 500 Millionen Euro gekostet. Dich kosten sie das Unternehmen.
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